Vom Seelsorger zum Sozialarbeiter

Seit 30 Jahren gehören Pfarrerinnen und Pfarrer zum festen Ensemble von Fernsehfilmen und Serien

Tilmann P. Gangloff

Tilmann P. Gangloff ist freiberuflicher Medienfachjournalist.

Ähnlich wie Krankenhausserien und Krimireihen erfreuen sich Geschichten, die im Kirchenmilieu spielen, großer Beliebtheit in unserem Fernsehprogramm. Warum interessiert sich das Publikum für Schicksale von Pfarrern, Priestern & Co? Ausgehend von der Publikation Leben nach Luther. Das protestantische Pfarrhaus im populären Film und TV von Manfred Tiemann geht der Beitrag diesem Phänomen mit vielen Beispielen nach.

Online seit 07.08.2017: http://tvdiskurs.de/beitrag/vom-seelsorger-zum-sozialarbeiter/

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Alles begann mit Oh Gott, Herr Pfarrer: Die ARD-Serie von Felix Huby, die Robert Atzorn schlagartig zum Fernsehstar machte, war 1988 ein echter Überraschungserfolg. Obwohl es nur 13 Folgen gab, hat sich der Klassiker im kollektiven Gedächtnis als Prototyp der deutschen Priesterserie verankert. Natürlich haben Priester auch schon vorher hin und wieder zentrale Rollen gespielt, wie der Theologe Manfred Tiemann in seinem Buch über Pfarrerfiguren in Film und Fernsehen (Leben nach Luther) vermerkt; aber der Erfolg der Geschichten über den protestantischen Stuttgarter Vorortpastor und zweifachen Vater war eine Art Türöffner. Innerhalb weniger Jahre starteten unter anderem die Serien Mit Leib und Seele (ZDF) und Pfarrerin Lenau (ARD). Auch die Privatsender entdeckten das Genre: Schwarz greift ein (Sat.1) mit Klaus Wennemann war noch eine verkappte Krimiserie, aber Bruder Esel (RTL) erzählte seriös von den seelischen Nöten eines Franziskanermönchs (Dieter Pfaff), der sich verliebt und den Orden verlässt; die Serie erhielt 1997 den Grimme-Preis. Die Fernsehfilme von RTL und Sat.1 hatten hingegen eher Kolportagecharakter, wie teilweise schon die Titel nahelegen (Beichtstuhl der Begierde, Sat.1 1996). Großes Aufsehen erregte Die heilige Hure (RTL 1998) mit Susanna Simon als katholische Theologin, die sich um Prostituierte kümmert und schließlich selbst eine Karriere als „Domina“ beginnt. Der Film basierte auf Motiven der Autobiographie Credo an Gott und sein Fleisch.

Aber dann kam es zu einem Bruch, erinnert sich Thomas Dörken-Kucharz, Chef vom Dienst der evangelischen Rundfunkarbeit: „Wenn man zwischen 2000 und 2010 eine Pfarrerserie ins Gespräch brachte, erntete man bei sämtlichen Sendern nur ein Kopfschütteln. ‚Kein Bedarf, kein Sendeplatz, alles schon dagewesen’, hieß es.“ Dass sich diese Haltung irgendwann wieder geändert hat, ist nicht zuletzt dem Engagement von Markus Bräuer zu verdanken. Der Medienbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche, der auch dem Kuratorium der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) angehört, hat sich nicht nur für Religion in den fiktionalen Programmen starkgemacht, sondern auch gemeinsam mit dem Verband Deutscher Drehbuchautoren Workshops über Pfarrerbilder initiiert. Ihm war aufgefallen, dass Religion in den Filmen und Serien oft tabuisiert oder pathologisiert wird. Seither erfolgt der Umgang mit Pfarrerfiguren oder Religion im Alltag viel ungezwungener, wie allen voran die ZDF-Serie Herzensbrecher – Vater von vier Söhnen und die ARD-Filmreihe Der Hafenpastor mit Jan Fedder als Pfarrer in St. Pauli belegen. Darüber hinaus gab es gerade in den letzten Jahren viele Dramen, Krimis und Komödien, die vor allem eins zeigen: Ähnlich wie die Kommissare sind Priester und Pfarrerinnen immer im Dienst.


Wie erklärt sich die Beliebtheit?

Tiemann führt in seinem Buch zwar weit über 100 Beispiele aus der Kino- und Fernsehgeschichte an, doch eine ganz entscheidende Antwort bleibt er schuldig: Warum erfreuen sich die Kirchenleute einer ähnlichen Bildschirmpräsenz wie mit Ausnahme von Polizisten ansonsten nur die Ärzte, obwohl doch die Gesellschaft immer säkularer wird und die Zahl der Kirchenmitglieder stetig abnimmt? Aber womöglich ist genau dies die Erklärung für die große Beliebtheit von Frau Pfarrer & Herr Priester, wie eine ARD-Komödie im letzten Jahr hieß: Die Kritik etwa an der anachronistischen Position der Katholischen Kirche zum Zölibat oder die Missbrauchskandale haben nichts daran geändert, dass der einzelne Pfarrer nach wie vor großes Ansehen genießt. Die entsprechenden Fernsehfiguren sind daher in der Regel Respektspersonen mit sympathischer und vertrauenerweckender Ausstrahlung. Die Kirche als traditionelle Institution mag ähnlich wie Parteien oder Gewerkschaften an Ansehen und Zulauf verloren haben, aber Priester, Ärzte und Kommissare werden – zumindest im Fernsehen – als zuverlässige Konstanten empfunden; und sie befriedigen die Sehnsucht der Zuschauer nach integren Persönlichkeiten, die für Werte stehen, an denen man sich orientieren kann.

Vertreter der beiden Kirchen verweisen indes auf ganz andere Gründe. Für Dörken-Kucharz, der auch ARD-Beauftragter der Evangelischen Kirche ist, sind Pfarrer als Fernsehfiguren schon deshalb interessant, „weil sie anders sind. Sie behaupten einen Gegenentwurf zur vorhandenen Welt und sind doch ganz normale Menschen.“ Außerdem brächten Pfarrer als Figur „per se eine Spannung mit, die Filme oder Serien fruchtbar machen können: Sie predigen Ethik, aber halten sie sich selbst daran?“ Ute Stenert, Rundfunkbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, sieht den Reiz der klerikalen Filmfiguren eher im emotionalen Bereich. „Serien und Fernsehfilme transportieren starke Gefühlsmomente“, und in dieser Hinsicht hätten die entsprechenden Geschichten eine Menge zu bieten: „in Glücksmomenten wie etwa einer Hochzeit oder der Taufe eines Kindes, aber vor allem in Extremsituationen, etwa bei Unfällen, Konflikten, Naturkatastrophen oder Todesfällen.“ Pfarrerinnen und Priester seien immer dann gefragt, „wenn dem Unaussprechlichen eine Stimme gegeben werden soll“, und das sei in erster Linie bei „existenziellen Grenzerfahrungen“ der Fall, zumal die Sehnsucht der Menschen nach einer moralischen Instanz ungebrochen sei: „Es geht auch um das Bedürfnis, sich in einem großen Ganzen aufgehoben zu wissen. Damit eng verbunden sind die Hoffnung und das Vertrauen auf eine Erlösung, die über das irdische Leben hinausweist. Dafür steht symbolisch die Figur des Priesters.“


Lieber Jeans als Talar

Diese Figur hat sich allerdings seit ihrem ersten Auftritt in dem Stummfilm Des Pfarrers Töchterlein (1913) deutlich gewandelt, wie Tiemann beschreibt. Aus den gern mit „Hochwürden“ angesprochenen Amtspersonen der Melodramen und Heimatfilme früherer Jahre sind normale Menschen mit all ihren Schwächen geworden. Die Priester sind humorvoll, kommen ohne den Machtstatus der Amtskirche aus und setzen sich für Minderheiten ein. Mit solchen Protagonisten können sich auch nicht gläubige Zuschauer gut identifizieren. Schon Atzorns Pfarrer trug vor dreißig Jahren lieber Jeans als Talar. Das veränderte Bild zeigt sich gerade bei den Pfarrerinnen, unter denen sich auffallend viele Moped- oder Motorradfahrerinnen befinden (etwa Christine Neubauer in Die Pastorin, ZDF 2013); sie legen genauso viel Wert auf ein ansprechendes Äußeres wie andere Frauen. Der Themenkanon hat sich gleichfalls gewandelt. Da sich im protestantischen Pfarrhaus oft genug auch eine Kinderschar tummelt, sind die theologischen Diskurse weltlichen Aspekten wie Erziehungsfragen oder Ehekrisen gewichen. Auch dafür gibt es mit Herzensbrecher einen Prototypen, zumal sich die Serie über den verwitweten Pfarrer auch noch mit den charakteristischen Problemen einer Patchwork-Familie befasst.

Bei den 90-Minütern ist die Ausrichtung der Geschichten sowie die Gestaltung der Charaktere oft auch eine Frage des Sendeplatzes. Die Filme Die Versuchung (ARD 2004) und Der Novembermann (ARD 2007) handeln von Untreue, in dem Krimi Das dunkle Nest (ZDF 2011) steht ein Pastor (Christian Berkel) im Verdacht, ein Mädchen ermordet zu haben, und in dem Drama Am Kreuzweg (ARD 2011) hat ein katholischer Priester (Harald Krassnitzer) zwei Kinder. In der ZDF-Krimireihe Lena Fauch mit Veronica Ferres als Polizeiseelsorgerin bilden die Kriminalfälle oft den Rahmen für grundsätzliche moralische Fragen, wie die Episode „Vergebung oder Rache“ (2014) schon im Titel verdeutlicht. In einigen Dramen spielen auch Glaubenskrisen eine Rolle, selten jedoch so ausgeprägt wie in Im Zweifel (ARD 2016), dem faszinierenden Porträt einer in ihren Grundfesten erschütterten Priesterin (Claudia Michelsen).

Auch bei den Privatsendern hat die Begeisterung für kirchliche Film- oder Serienfiguren in der Zeit zwischen 2000 und 2010 merklich abgenommen. Zu den wenigen Produktionen zählt Der Heiland auf dem Eiland (RTL), eine komödiantische Serie mit Jürgen von der Lippe als katholischer Pfarrer, der auf eine gottverlassene Nordseeinsel strafversetzt wird. Eher ins Actiongenre gehört dagegen die RTL-Serie Lasko – Die Faust Gottes über einen schlagkräftigen jungen Mönch, der Im Auftrag des Vatikans (wie der Pilotfilm hieß) als Geheimagent der Katholischen Kirche eingesetzt wird. Filme über Pfarrer finden sich bei Sat.1 als letztem Privatsender, der noch in nennenswertem Umfang „TV-Movies“ in Auftrag gibt, kaum noch. Hier wäre die romantische Komödie Kann denn Liebe Sünde sein (2011) zu nennen. Die Geschichte handelt von einer Frau, die es sich in den Kopf gesetzt hat, den Pfarrer der katholischen Gemeinde zu verführen.


Das Thema Missbrauch wird gemieden

Erstaunlich selten bis gar nicht sind bislang dagegen die Missbrauchskandale der Katholischen Kirche thematisiert worden. Zu den wenigen Ausnahmen gehört Verfehlung. Die Kinokoproduktion (SWR/BR/Arte) ist schon allein deshalb interessant, weil Gerd Schneider, der mit diesem 2015 gestarteten Film sein Debüt gab, vor seinem Regiestudium Priesteramtskandidat war. Er erzählt die Geschichte dreier Männer, die einst angetreten sind, um die Kirche von innen heraus zu verändern und zu modernisieren. Jahre später wird einer der drei verhaftet, weil er sich an einem Jugendlichen vergangen haben soll.

Natürlich ist Missbrauch ein ausgesprochen unbequemes und unangenehmes Thema; andererseits kann man gerade den öffentlich-rechtlichen Sendern kaum vorwerfen, sie schreckten vor Stoffen dieser Art zurück, wie beispielsweise der ARD-Film über die Missbrauchsfälle an der hessischen Odenwaldschule in den1970er- und 1980er-Jahren belegt (Die Auserwählten, 2014). Die erschütternden Schicksale der Zöglinge in den kirchlichen Kinderheimen der 1950- und 1960er-Jahre sind ebenfalls bereits verfilmt worden, im ZDF (Und alle haben geschwiegen, 2013) wie auch im Kino (Freistatt, eine Koproduktion mit SWR und Arte). Beide Filme basieren auf dem Sachbuch Schläge im Namen des Herrn von Peter Wensierski.

Die Produktionen der ARD-Tochter Degeto für die Filmplätze am Donnerstag und am Freitag dienen zwar grundsätzlich in erster Linie der Unterhaltung, aber selbst hier sind die Konflikte oft existenzieller Natur. Die Hafenpastor-Geschichten leben zwar vor allem vom Kontrast zwischen Kirche und Kiez, aber es geht auch um Kirchenasyl oder Teenager-Schwangerschaften. Meist sind die Priester der Reihen und Serien ohnehin mehr Sozialarbeiter als Seelsorger. Wie stark sich die theologische Kompetenz der Fernsehpfarrer im Laufe der Jahre zur Sozialkompetenz gewandelt hat, belegt Tiemann sehr anschaulich anhand der Predigten einiger Fernsehpfarrer. Sein Fazit: Die Themen Kirche, Religion und Glaubensgrundsätze würden mittlerweile „auf bloße Alltagsphilosophie reduziert“.

TV-Serien und -Filmreihen über Pfarrerinnen und Pfarrer und ihre Darsteller (Auswahl):

Serien:

Pfarrer in Kreuzberg (ZDF 1977), Lutz Hochstraate
Oh Gott, Herr Pfarrer (ARD 1988), Robert Atzorn
Mit Leib und Seele (ZDF 1989–1993), Günter Strack
Pfarrerin Lenau (ARD 1990), Irene Clarin
Schwarz greift ein (Sat.1 1994–1999), Klaus Wennemann
Bruder Esel (RTL 1996), Dieter Pfaff
Himmel und Erde – Ein göttliches Team (ZDF 2000–2001), Henning Vogt
Um Himmels Willen (ARD seit 2002), Jutta Speidel/Janina Hartwig
Vorsicht – keine Engel! (Kika 2003–2004), Stephanie Bothor
Der Heiland auf dem Eiland (RTL 2004–2005), Jürgen von der Lippe
Ein Engel für alle (Kika 2005), Hansa Czypionka
Lasko – Die Faust Gottes (RTL 2009–2010), Mathis Landwehr
Die Kirche bleibt im Dorf (SWR 2013–2015), Rainer Piwek
Herzensbrecher – Vater von vier Söhnen (ZDF 2013–2016), Simon Böer

Filmreihen:
Pfarrer Braun (ARD, 2003–2013), Otfried Fischer
Lena Fauch (ZDF 2012–2016), Veronica Ferres
Der Hafenpastor (ARD 2012–2016), Jan Fedder

 

Manfred Tiemann:
Leben nach Luther. Das protestantische Pfarrhaus im populären Film und TV. Wiesbaden 2017: Springer VS. 291 Seiten, 44,99 Euro.