Die innere Verfasstheit von Kindern und Jugendlichen

Ein Schwerpunkt bei den Filmen von doxs! 2019

Barbara Felsmann

Barbara Felsmann ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkt „Kinder- und Jugendfilm“ sowie Autorin von dokumentarischer Literatur und Rundfunk-Features.

Doxs!, das Dokumentarfilmfestival für Kinder und Jugendliche, ist volljährig. Mit seiner 18. Ausgabe gehört es nun außerdem gleichberechtigt zur Duisburger Filmwoche, die seit diesem Jahr von Gudrun Sommer und Christian Koch geleitet wird. Wie gewohnt hat sich doxs! mit einem anspruchsvollen Rahmenprogramm und be-, an- sowie aufregenden Filmen präsentiert.

Online seit 19.12.2019: https://tvdiskurs.de/beitrag/die-innere-verfasstheit-von-kindern-und-jugendlichen/

Vollständiger Beitrag als:

Von den insgesamt 26 Dokumentarfilmen aus Deutschland und anderen europäischen Staaten setzten sich gleich mehrere Filme mit dem schwierigen Thema „Tod und Abschiednehmen“ auseinander. So auch die mit der Großen Klappe ausgezeichnete tschechische Produktion Spolu sami/Zusammen allein von Diana Cam Van Nguyen. Andere drehten sich um Cyber-Mobbing (#Pestverhaal/#Mobbinggeschichte, NL 2018, Eef Hilgers) und dem kriminellen „Spiel“ des Swatting (Swatted, FR 2018, Ismaël Joffroy Chandoutis), oder es wurden – wie schon in der Vergangenheit – die Schwierigkeiten junger Geflüchteter aufgezeigt, in ihrer neuen Heimat anzukommen.
 


Ein Großteil der Filme aber beschäftigte sich mit der Suche nach sich selbst und nach einem Fixpunkt in schwierigen Zeiten. Dabei stand hauptsächlich die innere Verfasstheit der Kinder und Jugendlichen im Blickfeld der Filmemacherinnen und Filmemacher. So schildert Regisseur Michael Mellemløkken Renjo in der norwegisch-chinesischen Koproduktion Last Days of Summer/Die letzten Tage des Sommers atmosphärisch dicht die Gefühlswelt der kleinen Xinxin. Das Mädchen verbringt die Sommerferien bei ihren Großeltern in der chinesischen Provinz. Wunderbare, stimmungsvolle Bilder zeigen die friedvolle Atmosphäre dort und die innere Zufriedenheit des Mädchens. Informationen über das Alter oder das Umfeld des Mädchens scheinen dem Filmemacher dabei nebensächlich gewesen zu sein.

Wie ist die Welt entstanden, wer ist der beste Gott und was kommt nach dem Tod? – sind nur einige der Fragen, die die sechs und sieben Jahre alten Freunde Aatos, Amine und Flo in der finnisch-belgisch-deutschen Koproduktion Aatos ja Amine/Die Götter von Molenbeek bewegen. Einfühlsam und ganz genau beobachtend begleitet Regisseurin Reetta Huhtanen die Kinder bei ihren spielerischen, philosophischen Erkundungen der Welt. Sie wurde für den besten fremdsprachigen Kinderdokumentarfilm ausgezeichnet. In dieser Kategorie wurde zum ersten Mal bei doxs! ein Preis vergeben, gestiftet von der Selbst.Los! Kulturstiftung – Annelie und Wilfried Stascheit und dem Verein Freunde der Realität.
 


In dem französischen Film La vraie vie/Marseille, zum Mond und zurück verzweifeln zwei Freundinnen darüber, dass sie im nächsten Schuljahr nicht mehr in dieselbe Klasse gehen werden. Denn die 14-jährige Rania wird eine weitergehende Einrichtung besuchen, während die ein Jahr jüngere Samara in der alten Schule bleibt. Regisseur Benjamin Chevallier zeigt, wie die beiden während der Sommerferien in ihrem Wohngebiet „herumhängen“ und in ihrer Phantasie alle möglichen Lösungen für ihr Problem finden. Dabei konzentriert er sich ganz auf die Stimmungen der Mädchen, ihre Ängste vor dem Neuen, ihre Traurigkeit. Auch hier spielen Fakten weniger eine Rolle, im Vordergrund steht die Gefühlslage der Kinder.
 


Das Gefühl des Verloren-Seins – Dazwischen Elsa

Ähnlich mutet der Dokumentarfilm Dazwischen Elsa von Katharina Pethke und Christoph Rohrscheidt an. Auch hier wird nur das Notwendigste an Informationen geboten. Angaben über Alter, Wohnort, Familienverhältnisse oder Zeiten fallen weg, zugunsten von Elsas Konflikt und ihrer inneren Zerrissenheit.
 


Elsa sieht sich einem unglaublichen Druck ausgeliefert, weil sie sich ein Jahr nach dem Abitur immer noch nicht für eine Ausbildung und damit für einen Beruf entscheiden kann – einem Beruf, mit dem sie einerseits Geld verdienen kann, der aber andererseits vor allem ihrer Selbstverwirklichung Raum lässt. Damit nicht genug, ist ihr Freund Timon gerade nach Fuerteventura gezogen und möchte gern, dass seine Freundin nachkommt und sich dort auf der Insel einen Job sucht. So ist Elsa hin- und hergerissen zwischen den Wünschen ihres Freundes, den Ratschlägen ihrer Mutter, die ihre Unentschlossenheit nur schwer ertragen kann und ihr ein Karrierecoaching empfiehlt, und ihrer eigenen Ratlosigkeit, die sie lähmt und gern lange schlafen lässt.

Auf den ersten Blick kann man meinen, dies sei ein Wohlstandsproblem, doch das Filmemacherduo sieht darin ein gegenwärtiges, universelles Problem, das es zur Diskussion stellt, indem es sich ganz auf seine junge Protagonistin und deren Suche konzentriert. Und mit dieser Meinung stehen die beiden nicht allein. Als sie ihr Projekt 2018 im Rahmen der doku.klasse von doxs! in verschiedenen Workshops mit den jungen filminteressierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern diskutierten, stellte sich heraus, dass viele Jugendliche diesen Druck und diese Orientierungslosigkeit nach der Schule verspüren. Insofern wurde hier wirklich ein Nerv getroffen.

Dabei betreiben Katharina Pethke und Christoph Rohrscheidt keine Ursachenforschung, sondern konzentrieren sich auf die emotionalen und psychischen Auswirkungen dieses gesellschaftlichen Phänomens, beschreiben genau Elsas Unsicherheit, deren „größter Wunsch es ist, gelassen zu sein“, und die es momentan so gar nicht ist.

Dazwischen Elsa wurde beim Festival von der Große-Klappe-Jugendjury mit einer lobenden Erwähnung bedacht. In der Begründung der zwölf Jugendlichen heißt es:

Wir möchten einen Film lobend erwähnen, der aufzeigt, wie die Vielzahl an Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten, Jugendliche unter Druck setzen kann. Der Stress, das Richtige tun zu müssen, führt zu vorschnellen Entscheidungen und Verunsicherung. Uns hat besonders berührt, wie empathisch der Film das Gefühl des Verloren-Seins seiner Protagonistin den Zuschauer*innen vermittelt.“

 
 
Anmerkungen:

In dem Gespräch Ein persönliches Schicksal mit universellem Charakter berichten Katharina Pethke und Christoph Rohrscheidt sowie die Protagonistin Elsa vom Entstehungsprozess des Films Dazwischen Elsa.

Einen Bericht über einen Workshop der doku.klasse 2019 gibt es im FSF-Blog.