„Nur mal schnell die Welt retten“

Die Faszination „Superhelden“ wird 80 Jahre alt

Ina Rosenthal

Ina Rosenthal ist Designerin für audiovisuelle Medien und Sozialtherapeutin.

Vor genau 80 Jahren wurde eine neue Spezies geboren. Sie trägt gern Capes und hautenge Strumpfhosen und ist dennoch der Inbegriff von männlichem Heldentum: der Superheld. Kein anderes Genre in der Filmindustrie boomt derzeit so stark wie die Verfilmung von Marvel- oder DC-Comics mit Superhelden und auch der ein oder anderen Heldin in der Hauptrolle.

Online seit 16.09.2016: http://tvdiskurs.de/beitrag/nur-mal-schnell-die-welt-retten/

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Vom Göttlichen zum Übermenschlichen

Der Sumerer Gilgamesch oder auch Herkules verkörpern außergewöhnlichen Heldenmut und Stärke. Dies sind zwar zwei der herausragenden Charakteristika von Superhelden – und doch würden wir Gilgamesch und Herkules heute kaum mehr als solche bezeichnen. Die „Urhelden“ waren noch gottverwandte Wesen, die sich vor allem für ihre eigene Sache einsetzten: Gilgamesch kämpfte für die eigene Unsterblichkeit, Herkules ging es um die Vergebung seiner (Straf-)Taten.

Dagegen sind „Neuzeit-Helden“ wie das Phantom, Batman, Spider-Man oder auch Superman getrieben von einem tiefen Gerechtigkeitsgefühl, das aus der Tragik ihrer eigenen Biografie gewachsen ist. Um Gerechtigkeit wiederherzustellen, verfügen Superhelden in der Regel über unermesslichen Reichtum (z.B. Batman) und/oder übermenschliche körperliche Geschicklichkeit und Kraft (z.B. Spider-Man).

Der Urgroßvater der Superhelden: das Phantom

Der Amerikaner Lee Falk galt als erfolgreicher Theaterregisseur mit einer großen Leidenschaft für Comics. Als seine Comicreihe Das Phantom 1936 zum ersten Mal veröffentlicht wurde, hat sich wohl noch niemand vorstellen können, wie nachhaltig diese die Geschichte des Comics beeinflussen sollte.

Hintergrund und Handlungsstrang sind schnell erzählt: Das Phantom hatte als Kind auf einem Piratenschiff den Mord an seinem Vater miterleben müssen. Mit dem Schwur, Rache an allen Verbrechern zu nehmen und für Gerechtigkeit zu sorgen, war er daraufhin auf eine Insel geflüchtet. Eine Totenkopfhöhle im Dschungel dient ihm als Zuhause. Von dort aus rettet er leidenschaftlich Menschen, vorzugsweise schöne Millionärstöchter, und hindert internationale Verbrecher an ihren kriminellen Machenschaften. Als „Wandelnder Geist“, wie er auch genannt wird, scheint er unsterblich. Tatsächlich jedoch gibt das Phantom seine Rolle an seine Söhne weiter. Das derzeit aktuelle Phantom ist dann auch schon das 22. Mitglied dieser einmaligen Verbrecherbekämpfungsdynastie.

Das Besondere an diesem Urvater der Superhelden ist, dass er im Gegensatz zu seinen Nachfolgern keinerlei Superkräfte hat und seine technische Ausrüstung kaum erwähnenswert ist. Er kämpft mit purer Muskelkraft und Verstand. Denkt man sich also ein evolutionäres Superhelden-Universum, so ist das Phantom eher der Neandertaler mit Muskeln und Keule.

Die Geburtsstunde von Superman

Mit Superman betritt einige Jahre später eine ganz andere Kategorie die Weltenbühne. Ein Comicheld mit übermenschlichen Kräften – darauf war vor Jerry Siegel und Joe Shuster niemand gekommen. Der Mann im hautengen Anzug und mit rotem Umhang sieht eigentlich lächerlich aus, doch was er tut, lässt viele vor Begeisterung jubeln: Er fliegt mit Überschallgeschwindigkeit durch die Luft und stemmt mit bloßen Händen Autos. Sein Röntgenblick durchdringt jede Mauer, sodass keine geheime Verschwörung unentdeckt bleibt. Superman ist eine geschickte Symbiose aus antiken, göttlich verbundenen, allmächtigen Wesen und einem eher schüchternen und zurückhaltenden Menschen. Wenn er nicht gerade im Einsatz ist, gehört er als Reporter und Mann im normalen Leben eher zu den unscheinbaren Typen.

Nummer eins bei „Action Comics“

Die erste Ausgabe von „Action Comics“, mit Superman auf dem Cover, wurde den Kioskverkäufern regelrecht aus der Hand gerissen und musste mehrfach nachgedruckt werden. Ähnlich wie bei seinem Vorfahren, dem Phantom, hatte auch hier mehr der Zufall seine Hände im Spiel als der Glaube an den Erfolg der Figur. Der außerirdische Kraftprotz mit Schmalzlocke war nur ins Heft gekommen, weil es an Material gefehlt hatte, um die Seiten zu füllen. Damals teilte sich Superman das Heft mit Charakteren wie dem Profiboxer „Pep“ Morgan, dem Magiermeister Zatara und Scoop Scanlon – Fünf-Sterne-Reporter. Eine Leserbefragung ergab, dass tatsächlich Superman, der Mann aus Stahl, die Leser am meisten begeistert hatte. So wurde er zur Hauptfigur der neuen Comicreihe.

Der Erfolg von Superman wuchs mit jeder Ausgabe von „Action Comics“. Der Verlag, der seit Langem auf erprobte Heldenfiguren wie Cowboys, Ermittler, Zeitreisende und Weltraumabenteurer gesetzt hatte, ließ nun die Fantasie seiner Zeichner und Autoren von der Leine. Kurz bevor in Europa der Zweite Weltkrieg ausbrach, hatte in den USA das Goldene Zeitalter der Comicgeschichte begonnen. Allein von 1938 bis 1941 entstanden viele Helden, die bis heute von Comicfans auf der ganzen Welt geliebt werden, z.B. Batman, sein Sidekick Robin, die Grüne Laterne, Wonder Woman oder der Rote Blitz, um nur die bekanntesten zu nennen. Der Verlag DC Comics – der Name bezieht sich noch auf die vor allem früher sehr erfolgreichen Detective Comics – wurde neben Marvel zu einem der größten und erfolgreichsten Comicverlage.

Fast zeitgleich wurden Ende der 1940er-Jahre Stimmen laut, die den Bildergeschichten eine gefährliche Wirkung auf die Jugend attestierten. Der Psychiater Fredric Wertham veröffentlichte 1954 in seinem Buch Die Verführung der Unschuldigen eine sehr kritische Position und bezeichnete Comicverleger gar als „Verbündete des Teufels“. Die Branche reagierte auf die immer größer werdende Kritik mit einer freiwilligen Selbstkontrolle, dem Comics Code. Dieser untersagt z.B. die Darstellung von Nacktheit, das Fluchen und die Begriffe „Horror“ und „Terror“. Auch jegliche Sympathiebekundungen der Superhelden für Gangster, das Zeigen der Ausführung eines Verbrechens und sogar Ehescheidungen waren von diesem Zeitpunkt an in Comics tabu.

Die Wiedergeburt der fluchenden Helden

Erst vier Jahrzehnte später gelang der Befreiungsschlag aus dem moralischen Korsett, das spannende Geschichten und vielschichtige Charaktere in Comics fast unmöglich gemacht hatte. Ausgelöst wurde dies von den Comicfans. Sie fingen an, sich zu organisieren: Sie eröffneten Tauschbörsen, um ihre Sammlungen zu vervollständigen, vernetzten sich und diskutierten die künstlerische Qualität der Zeichnungen. Einige von ihnen machten ihre Leidenschaft zum Beruf. In den USA entstand ein stetig dichter werdendes Netz von Comicläden. Sie ermöglichten die Verbreitung einer neuen Art von Superheldencomics, erst unterhalb und dann zunehmend auch oberhalb der Ladentheke: Die Regeln des Comics Code beschränkten sich auf die Hefte, die an Kiosken verkauft wurden. Besonders die großen Verlage begannen Mitte der 1980er-Jahre, sich diese Lücke zunutze zu machen. Sie vertrieben ihre „neuen“ Werke, die ganz und gar nicht dem Code entsprachen, über Comicshops, Buchläden und per Direktversand.

Eine der ersten Superheldengeschichten, die durch dieses Schlupfloch zurückkehrten, war Batman – Die Rückkehr des Dunklen Ritters von Frank Miller. In dieser Geschichte ist Batman nicht mehr der junge, agile, dynamische Held, der für Recht und Ordnung kämpft, sondern 55 Jahre alt, eigentlich seit zehn Jahren in Rente und gar nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte. In der schmuddeligen, dunklen Stadt Gotham kämpft er nicht mehr nur gegen Bösewichte, sondern vor allem gegen seine eigenen inneren Dämonen.

Es folgten andere Comickünstler, die in wenigen Jahren das Muster der immer gleichen Geschichten „Held trifft auf Bösewicht“, „Held erledigt Bösewicht“, „Held trifft auf neuen Bösewicht“ usw. durchbrachen. Es wurden neue Comicuniversen und ‑charaktere geschaffen, die an Komplexität und gestalterischen Eigenheiten großen Romanen gleichkamen und bis heute in ihren Themen aktuell sind. Beispielhaft genannt sei hier die Reihe Sandman von Neil Gaiman.

Mit der wachsenden Popularität des Kinos und dem Einzug des Fernsehens in die Haushalte begannen auch die großen Verlage wie Marvel und DC, ihre bewährten Geschichten in bewegte Bilder zu verwandeln. Schon 1940 wurden Supermans Heldentaten per Zeichentrick in bewegte Bilder umgesetzt. Im selben Jahr erschien mit The Green Hornet der erste Realfilm, damals noch in Schwarz-Weiß.

Bis heute sind weit über 100 Kinofilme nach Comicvorlagen erschienen. Und seitdem die Computertechnik den Special Effects keine Grenzen mehr setzt, sind die Verfilmungen der Superhelden echte Publikumslieblinge und Kassenschlager geworden. Ganze Industriezweige und Berufsbilder haben sich darauf spezialisiert, möglichst real und spektakulär Superhelden fliegen, kämpfen und diverse übermenschliche Talente nutzen zu lassen. So gehört zur Geschichte der Comicverfilmungen auch immer die Entwicklungsgeschichte der Special Effects.

Superhelden haben Hochkonjunktur

Disney/Marvel haben die Avengers, Warner Bros./DC Entertainment die Justice League und 20th Century Fox X-Men und die Fantastic Four ins Rennen geschickt, um die Welt vor dem Bösen zu retten. Heldinnen und Helden springen, kämpfen, fliegen durch das All und durch irdische Häuserschluchten, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Alle wollen kräftig mitmischen und natürlich auch mitverdienen. Neu ist, dass neben den üblichen Superhelden immer häufiger exzentrischen Figuren aus dem Superheldenuniversum eigene Verfilmungen gewidmet werden, so z.B. Deadpool, dem Bösewicht mit dem losen Mundwerk, dem in X-Men Origins: Wolverine der Mund zugenäht wurde. Er bricht nicht nur verbal die eine oder andere Regel des Heldenuniversums – er gilt auch als einer der brutalsten unter den Marvel-Comics.

Die Zeiten, in denen Superhelden an Schnüren vor der Blue Box hingen, sind längst vorbei. 3‑D ermöglicht ein unmittelbares subjektives (Mit-)Erleben der Heldentaten und lässt Superman elegant vom Himmel schweben oder mit gereckter Faust in Überschallgeschwindigkeit Kontinente überfliegen. Batmans Schwingen sind so realistisch, dass es keinen Windhauch braucht, um zu wissen, wie es sich anfühlt, wenn er durch die Schluchten gleitet. Erstaunlich nur, dass sich die Feinde in ihrer Eindimensionalität kaum gewandelt haben. Viele zehren immer noch von den alten Konflikten. Es scheint für die Superhelden schwieriger zu werden, echte Feinde zu finden, die nicht im direkten Verwandtschaftsverhältnis zu Godzilla stehen oder als Zombies durchs Land ziehen. Ausnahmen bilden alte Nazihalunken, die zunehmend durch finster dreinschauende Terroristen ersetzt werden.

Die Superhelden der heutigen Zeit sind nicht mehr dieselben wie früher

Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind fließender geworden. Moralische Fragestellungen rücken zunehmend in den Vordergrund: Wie viele Kollateralschäden sind zu verkraften, wenn Superman seine Jane rettet, Hellboy Autos samt Insassen durch die Straßen schwingt und andere Helden mit Superkräften ganze Landstriche verwüsten – in der Mission, die Welt zu retten?

In Batman v Superman: Dawn of Justice lässt DC zwei seiner stärksten und populärsten Superhelden aufeinandertreffen. Zwei, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Superman, das Alien-Findelkind mit dem großen Herzen und unendlichen Kräften, unverletzbar, alles könnend. Und Batman, der Multimillionär mit der düsteren Ausstrahlung und den Rachegefühlen, der die Unterwelt zu einem besseren Ort machen möchte, der leidet und versagt, der Gewissensbisse und Albträume hat.

Sicherlich hätte der Film die vielschichtigen Konflikte und Widersprüche eines Heldendaseins deutlicher ausformulieren können, aber er ignoriert zumindest diesen Aspekt nicht gänzlich und stellt die Frage: Was ist gut am Guten, wenn dieses nur in der Betrachtung des Superhelden gut ist? Wenn für die Rettung einer Liebe Hunderte von Menschen traumatisiert werden, weil Superman in Überschallgeschwindigkeit durch bewohnte Städte fliegt und dabei Schäden an Gebäuden und Umwelt hinterlässt? Wenn Batman sich mit seinen eigenen Ängsten und Traumata auseinandersetzt und die Grenzen zwischen Erinnerung und Realität zunehmend verschwimmen? Wie vertrauenswürdig und zuverlässig ist ein Held, der mit sich selbst beschäftigt ist und von Rachegefühlen zerfressen wird?

Fragestellungen dieser Art hat es vor 80 Jahren noch nicht gegeben. Sie waren sogar kaum denkbar, als mit dem Phantom der erste Superheld die Bühne betrat. Das Genre hat sich verändert und definiert sich mittlerweile auch als Spiegel einer Zeit- und Politikgeschichte. Längst gibt es schwarze, schwule, lesbische Superhelden, mit und ohne Handicap, die – nachdenklich, verwirrt und mit sich im Unreinen – für eine bessere Welt kämpfen.

Die neuen „alten“ Superhelden bieten zunehmend eine Vielzahl an ambivalenten Sichtweisen auf das Superheldendasein. Damit sind sie so vielfältig wie die Menschheit selbst. Letztendlich wird der Fortbestand dieser unglaublichen Spezies an Heldinnen und Helden nicht durch ihre unglaublichen Kräfte, außerirdischen Talente oder Techniken gesichert, sondern durch die Tatsache, dass die Übermenschen im 21. Jahrhundert zunehmend menschlicher sein dürfen.

Literatur:

Maack, B.: Mehr Power! Erfindung des Superhelden. In: Spiegel Online, 12.11.2010. Abrufbar unter: www.spiegel.de (letzter Zugriff: 14.09.2016)

Melzer, C.: Der erste Superheld: Vor 75 Jahren erschien „Das Phantom“. In: Hamburger Abendblatt, 16.02.2011. Abrufbar unter: www.abendblatt.de (letzter Zugriff: 14.09.2016)

Wagemanns, C.: „Superhelden“ in Literatur und Film. Magisterarbeit für die Philosophische Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 2011. Abrufbar unter: www.mythos-magazin.de (letzter Zugriff: 14.09.2016)