Ins Netz gegangen: Klick dich clever

Integration spielend leicht

Andrea Buhtz, Lisa Mahnke, Kim Neubauer

Schon einmal einem Kind den Syrienkonflikt erklärt? Keine leichte Aufgabe. Trotzdem sollen sie ihn ja verstehen. Im Rahmen einer Bachelorarbeit entstand die Website klickdichclever.com, die genau das zum Ziel hat: Kindern im Grundschulalter mit medialer Hilfe die aktuelle Flüchtlingspolitik näherbringen. Das Projekt wurde mit dem dritten Preis des „Medius 2016“ ausgezeichnet.

Printausgabe tv diskurs: 21. Jg., 1/2017 (Ausgabe 79), S. 106-107

Vollständiger Beitrag als:

Im März 2015 sind die Nachrichtensendungen, Tageszeitungen und Radioprogramme von einem Thema beherrscht: die verstärkte Zuwanderung von Geflüchteten. Etwa 4.200 Menschen suchen zu dieser Zeit in Bremen Asyl, seit Juni 2014 auch Familie Yuzbashee (Name von der Redaktion geändert) aus Syrien. Sie ist über das Mittelmeer nach Griechenland geflohen und hat sich danach, überwiegend zu Fuß, in einer Odyssee von 14 Monaten, nach Deutschland durchgeschlagen. Bisher keine einzigartige Geschichte, denn so haben es viele Menschen vor und nach ihnen gemacht. Trotzdem ist Familie Yuzbashee ein besonderer Fall, denn an den Händen halten die Eltern ihre drei kleinen Kinder. Maya (10), ihre Brüder Fade (7) und Hade (8). Bald nach ihrer Ankunft besuchen sie eine Bremer Grundschule, lernen Deutsch und müssen sich noch schneller in den deutschen Alltag einleben als ihre Eltern.

Die Idee

Die Integration von geflüchteten Kindern ist die zentrale Thematik der Website klickdichclever.com. Das Projekt soll das gegenseitige Verständnis und die Kommunikation von Kindern verschiedener Herkunftsländer fördern und stärken. Ziel ist es, Schülerinnen und Schülern der unteren Klassenstufen Informationen zu Geflüchteten zur Verfügung zu stellen, um sie bereits früh mit dem Thema „Flucht und Migration“ vertraut zu machen.

Auf der Website finden sich dazu Geschichten in Form von Hörspielen und Videos. Außerdem informieren Texte über aktuelle Krisengebiete der Welt und über die Flüchtlingspolitik in Deutschland. Durch einfache Sprache und auf spielerische Art und Weise soll Kindern vermittelt werden, wie wichtig es ist, fremde Kulturen in Deutschland willkommen zu heißen. Anhand der Geschichte von Familie Yuzbashee aus Syrien sind alle Inhalte der Website detail- und realitätsgetreu.

 

Von der Idee zur realen Umsetzung

Im Januar 2015 findet das erste Treffen mit Familie Yuzbashee statt, über die zu dem Zeitpunkt nur bekannt ist, dass die Eltern Englisch sprechen und zu einem Gespräch über ihre Flucht bereit sind.

Bereits an der Haustür werden die Autorinnen von „Klick dich clever“ mit strahlenden Gesichtern begrüßt. Damit vermitteln die Yuzbashees sofort einen Teil syrischer Kultur, denn Gastfreundschaft wird großgeschrieben. Es wird jedoch schnell klar, dass die Familie zwar gern erzählt und dabei keine Details auslässt, doch eine Dokumentation ihrer Erfahrungen nicht möchte. Zu groß ist die Angst vor syrischen Spionen in Deutschland, die ihren in der Heimat gebliebenen Familienmitgliedern Probleme bereiten könnten.

Die Reaktion der Familie zeigt, dass eine vorab geplante filmische Reportage nicht machbar ist. Es dürfen auch keine Fotos, Videos, Tonaufnahmen und reale Lebensdaten verwendet werden. Die Geschichte ist allerdings so eindrücklich und ergreifend, dass sich die Arbeitsgruppe entscheidet, sich weiterhin mit der Familie zu treffen und sich durch alternative Dokumentationsformen den Gegebenheiten anzupassen.

Keine Fotos, keine Tonaufnahmen, keine Namen – Familie Yuzbashee hat Angst

Unter diesen Bedingungen journalistisch zu arbeiten, ist eine große Herausforderung, aber nicht unmöglich. Aus dem geplanten Film wird ein dreiteiliges Hörspiel, das die Geschichte der Familie mit verteilten Rollen nacherzählt. Alle Namen, Altersangaben und der Heimatort werden geändert, die Einzelheiten der Flucht werden jedoch beibehalten. So wird aus einem Kompromiss eine neue Darstellungsform, die die dramatische Flucht aus einem Kriegsgebiet in das entfernte Deutschland altersgerecht erzählt.

Die Perspektive einer 10-Jährigen

In weiteren Treffen mit Familie Yuzbashee können auch Gespräche mit den Kindern geführt werden, deren Lebensrealitäten maßgeblich zum Aufbau von klickdichclever.com beitragen.

Besonders Tochter Maya berichtet von ihren neu geschlossenen Freundschaften in der Schule, ihren Hausaufgaben und wie gern und gut sie inzwischen Deutsch spricht. Deshalb wird schnell klar, dass sie die Protagonistin der Hörspiele sein soll und die Geschichte der Flucht, die Ankunft in Deutschland und das Leben in Bremen aus ihrer Sicht erzählt werden. So können sich Besucherinnen und Besucher der Website mit einem Kind ihres Alters besser identifizieren.

Kurze Artikel zur Situation von Geflüchteten in Bremen, Informationen über den Arabischen Frühling, ein Arabisch-Sprachkurs und Bilder einer Bremer Flüchtlingsunterkunft erweitern die Website inhaltlich. Mithilfe von Bremer Lehrerinnen und Lehrern sowie Studierenden aus den Bereichen „Lehramt“ und „Soziale Arbeit“ wird für den theoretischen Teil der Bachelorarbeit die Mediennutzung von Kindern erforscht. Damit ist das Projekt abgeschlossen und wird mit der Bachelorverleihung vorerst beendet.

„Klick dich clever“ soll wachsen

Die aktuelle weltpolitische Lage, steigender Rechtspopulismus und die Nominierung für den „Medius 2016“ sind die Hauptgründe, die zur Weiterführung des Projekts „Klick dich clever“ beigetragen haben. Das Angebot der Beiträge wird durch weitere Flüchtlingsgeschichten ausgebaut. Außerdem wird die Zielgruppe von Bremen auf das gesamte Gebiet der Bundesrepublik ausgedehnt.

Die neue Struktur der Website, die in Zusammenarbeit mit einem Webdesigner und zwei Illustratorinnen entstanden ist, erlaubt den jungen Besucherinnen und Besuchern durch das neue Design, Inhalte spielerischer zu erschließen. Die crossmediale Umsetzung soll das Interesse neuer Nutzer wecken und die Idee von „Klick dich clever“ weiterentwickeln.

Andrea Buhtz hat mit dem Projekt „Klick dich clever“ an der Hochschule Bremen den Internationalen Studiengang „Journalistik“ abgeschlossen (Bachelor) und studiert derzeit Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Lisa Mahnke hat mit dem Projekt „Klick dich clever“ an der Hochschule Bremen den Internationalen Studiengang „Journalistik“ abgeschlossen (Bachelor) und studiert derzeit „Kultur und Gesellschaft Afrikas“ an der Universität Bayreuth.

Kim Neubauer hat mit dem Projekt „Klick dich clever“ an der Hochschule Bremen den Internationalen Studiengang „Journalistik“ abgeschlossen (Bachelor) und arbeitet als Reporterin und Redakteurin bei Radio Fritz vom rbb in Potsdam.