Welche Rolle spielt die Bewertung von Inhalten unter Jugendschutzgesichtspunkten heute noch?

Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF)

Im April 2019 feiert die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) ihr 25-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass wurden Expertinnen und Experten aus dem Umfeld der FSF, aus Politik, Medienwissenschaft und Pädagogik zu dem aktuellen Medienwandel und den zukünftigen Aufgaben des Jugendmedienschutzes befragt:

Klassische Jugendschutzthemen um Sex und Gewalt scheinen immer seltener zur Diskussion zu stehen. Welche Rolle spielt die Bewertung von Inhalten unter Jugendschutzgesichtspunkten heute noch?

Online seit 29.03.2019: https://tvdiskurs.de/beitrag/welche-rolle-spielt-die-bewertung-von-inhalten-unter-jugendschutzgesichtspunkten-heute-noch/

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Solange es Filme und Serien gibt, egal, ob im Kino, auf Trägermedien, im Fernsehen oder im Netz verfügbar, wird auch ihre Bewertung weiterhin auf der Agenda stehen. Jedoch befreit vom Sex- und Gewaltalarmismus der 1980er- und 1990er-Jahre. Die Kommunikations- und Interaktionsrisiken im Netz haben die Rezeptionsrisiken also nicht etwa abgelöst. Sie sind hinzugetreten. Wobei die Rezeption auch im Netz Thema bleibt. Jenseits der großen Streamingportale für Filme und Serien fluten auch Darstellungen von Leid, Gewalt und Tod die Bildlabore des Web 2.0, ohne mit den wirksamen Möglichkeiten der Kontextualisierung und Kommentierung für eine moralische Grundierung zu sorgen. Wir werden also in Zukunft sehr sorgfältig auch auf die Alarmsignale aus der Herzkammer der Menschenwürde zu achten haben!

Prof. Dr. Murad Erdemir, Stellvertretender Direktor und Justiziar der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR)

 


 

Die Inhaltebewertung spielt tatsächlich noch eine ganz große Rolle und die klassischen Themen „Sex“ und „Gewalt“ sind nach wie vor hochrelevant für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Ich würde nicht sagen, dass die neuen Interaktionsrisiken diese Themen verdrängen, sondern sie kommen in einem neuen Gewand daher. Häufig geht es ja auch um verbale Gewalt in der Interaktion und Kommunikation.

Martina Hannak, Vorsitzende der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM)

 


 

Ein öffentlicher Diskurs über die genannten Themen ist aktueller und notwendiger denn je. Gleichzeitig ist es ein großer Erfolg, dass über die Wirkung von Medieninhalten heute wesentlich sachlicher debattiert wird, als es noch vor 25 Jahren der Fall war. Gerade die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) hat mit ihrer Arbeit einen maßgeblichen Beitrag dazu geleistet. Auch in Zukunft wird medienpädagogischer und kommunikationswissenschaftlicher Sachverstand vonnöten sein, um Gefahrenpotenziale für Kinder und Jugendliche einschätzen zu können.

Annette Kümmel, Senior Vice President Governmental Relations & Regulatory Affairs bei ProSiebenSat.1 Media SE

 


 

Durch die Sozialen Medien ist zur potenziellen Gefährdung durch Inhalte die Gefährdung durch Interaktionsrisiken hinzugekommen. Dies geschieht z.B. in Form von Cybermobbing, Cybergrooming, Kaufaufforderungen im Rahmen von Games, aber auch durch sogenannte Challenges auf YouTube oder über WhatsApp, die junge Menschen zu selbstverletzendem Handeln verleiten wie beispielsweise die Blue Whale Challenge, die Tide Pod Challenge oder die Bird Box Challenge. Es geht für Kinder und Jugendliche dabei weniger um den immersiven Konsum von Inhalten, sondern darum, mit diesen Inhalten und den entsprechenden Akteuren dahinter zu interagieren und ihr eigenes Handeln dann wiederum in Form von Videos oder Fotos ins Netz zurückzuspielen und sich damit selbst zu präsentieren, um Klicks und Likes zu werben. Der Wunsch nach digitalem und analogem Feedback, der zu Verhalten führt, sich und andere zu gefährden, ist etwas, das in der Jugendschutzdebatte noch nicht genug diskutiert wird, da es um ein gesamtgesellschaftliches „Risiko“ geht: Wie wertschätzen wir uns als Menschen, wie wertschätzen wir Jugendliche und um welche Werte im Zusammenleben, online wie offline, geht es uns? (Selbst-)Gefährdung entsteht, wenn wir außer durch Klicks und Likes nicht mehr achtsam und aufmerksam sind. Und das berechtigt zur Sorge.

Dr. Anna Grebe, Leiterin des Initiativbüros Gutes Aufwachsen mit Medien

 


 

Die Rückmeldungen, die wir von Eltern bekommen, sind gerade im Spielbereich stark auf Inhalte konzentriert. Gewaltdarstellungen sind ein großes Thema, was man jetzt auch wieder am Beispiel von Fortnite gesehen hat: Wie viel Gewalt ist erlaubt und wie gehen wir mit Interaktions- und Kommunikationsrisiken im digitalen Bereich um? Ich glaube aber auch nicht, dass wir das allein über Alterskennzeichen lösen können, sondern dass wir einen bunten Blumenstrauß an Tools entwickeln müssen.

Elisabeth Secker, Geschäftsführerin der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK)

 


 

Im präventiven pädagogischen Jugendmedienschutz, der Teilbereich der Medienpädagogik ist, spielen Inhalte nach wie vor eine wichtige Rolle, vor allem im Hinblick auf Risiken. […] Kinder, Jugendliche und auch Eltern benötigen nach wie vor, womöglich mehr denn je, Orientierung und Kenntnisse, um Inhalte und Wirkungsmöglichkeiten einschätzen zu können. Wir betrachten Medienformate und ihre Inhalte als Bestandteil der Jugendmedienkultur. Daher ist es wichtig, nicht nur die riskanten, sondern generell Formate und Angebote, die bei Kindern und Jugendlichen beliebt sind, auf ihre Inhalte hin zu untersuchen und mit Kindern und Jugendlichen dazu kreativ zu arbeiten. Dies ist vor allem in Schulen noch viel zu wenig der Fall, hier fehlt es an Fortbildung und Material. Auch Eltern müssen mehr angeregt werden, sich mit Inhalten zu befassen – nicht nur in der Risikodimension, sondern auch auf kultureller Ebene. Dazu gehört auch, unterschiedliche Wahrnehmungen und Bewertungen der Inhalte aufzugreifen und zu diskutieren. […]

Dr. Friederike von Gross, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK)

 


 

Für die Jugendschutzdiskussionen in den Ausschüssen der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) ist das Thema „Gewalt“ nach wie vor von zentraler Bedeutung. Die Auseinandersetzung mit Gewaltwirkungsrisiken bewegt sich immer im Spannungsfeld der im Jugendschutzgesetz (JuSchG) formulierten positiven Entwicklungsziele – Eigenverantwortung und Gemeinschaftsfähigkeit – und Risikodimensionen wie Angst, Aggression, Befürwortung von gewalttätigen Heldinnen und Helden, Desensibilisierung u.a. Jede Filmbeurteilung fordert folglich eine differenzierte Analyse von Gewalt, inhaltlich und formal wie auch bezogen auf das Spannungsfeld von Einzelszenen zum Gesamtkontext. Je umfassender das Bild von Gewalt umgesetzt ist, sprich der Tathergang, das Profil des Täters, die Folgen für das Opfer, die gesellschaftliche Rahmung filmisch dargestellt werden, umso eher können die Zuschauenden eine sozialethische Haltung zum Gezeigten beziehen. Das heißt, dass dann bei den Zuschauenden eine Auseinandersetzung mit Gewalt, Empathie mit den Opfern und ein Transfer in die eigene Lebenswelt in Gang gesetzt werden.

Birgit Goehlnich, Ständige Vertreterin der Obersten Landesjugendbehörden bei der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK)

 


 

Für Eltern stehen oft andere Themen wie etwa Kostenfallen im Vordergrund, die Bewertung von Inhalten ist aber nach wie vor von Relevanz. Wir wissen, dass es z.T. sehr problematische Inhalte gibt, gerade im Internet. Dass die Eltern diese z.T. nicht wahrnehmen, hängt damit zusammen, dass viel über das Kindern inzwischen stets verfügbare Handy konsumiert wird und Eltern da aus irgendeinem Grund ein bisschen wegschauen. Und Kinder berichten von verstörenden inhaltlichen Erfahrungen oft nicht, weil sie Angst haben, dass sie irgendetwas nicht mehr nutzen dürfen.

Verena Weigand, Bereichsleiterin Medienkompetenz und Jugendschutz der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM)