Von der Vaterfigur zum Sonderling

Wie sich das Bild der TV-Kommissare in den letzten 50 Jahren verändert hat

Tilmann P. Gangloff

Tilmann P. Gangloff ist freiberuflicher Medienfachjournalist.

Kein Genre begeistert die Fernsehzuschauer so sehr wie der Krimi. Die Tradition ist fast so alt wie das deutsche Fernsehen selbst. Auch die Privatsender hatten ihren Anteil daran, dass sich das Ermittlerbild im Lauf der Jahre deutlich geändert hat – und das nicht nur, weil Kommissarinnen heutzutage eine Selbstverständlichkeit sind. TV-Polizisten mit Migrationshintergrund bilden allerdings nach wie vor eine große Ausnahme.

Online seit 10.01.2019: https://tvdiskurs.de/beitrag/von-der-vaterfigur-zum-sonderling/

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Die Geschichte des Krimis im deutschen Fernsehen begann 1958 mit Stahlnetz (bis 1968) von Wolfgang Menge und Jürgen Roland (1968), gefolgt von der ganz ähnlich konzipierten Reihe Blaulicht (1959 – 1968) im Fernsehen der DDR. Die Episoden basierten hüben wie drüben auf authentischen Ereignissen, allerdings wurden die von Günter Prodöhl geschriebenen Blaulicht-Fälle stets vom gleichen Ermittler (Bruno Carstens als Hauptmann Wernicke) gelöst, hatten also bereits einen seriellen Charakter. In den 1960er-Jahren schrieben im westdeutschen Fernsehen vor allem Durbridge-Verfilmungen wie Das Halstuch (1962) als „Straßenfeger“ ARD-Geschichte. Ebenfalls im „Ersten“ liefen mit Kommissar Freytag (1963 – 1965, HR) sowie Die seltsamen Methoden des Franz Josef Wanninger (1965 – 1970, WDR) auch die ersten Krimiserien im Vorabendprogramm.

Trotzdem nimmt die im Januar 1969 gestartete ZDF-Serie Der Kommissar eine ganz besondere Stellung ein. Die von Erik Ode verkörperte Titelfigur Herbert Keller, ein väterlicher Beamter mit klarem moralischen Kompass, war zumindest im „Zweiten“ auf Jahre hinaus prägend. Auf den Kommissar (1969 – 1975) folgten weitere Klassiker wie Derrick (1974 – 1998) und Der Alte (mit wechselnden Titeldarstellern seit 1976). Sämtliche Serien spielten in München und bevorzugt in besseren Kreisen.
 

Andere Akzente

Kein Wunder, dass die ARD mit ihrem 1970 gestarteten Tatort schon früh andere Akzente setzte. Der erste Ermittler, Paul Trimmel (Walter Richter, NDR), hatte zwar eine ähnlich fürsorgliche Haltung wie Kommissar Keller, konnte aber auch ein ziemlicher Choleriker sein. Mit dem Zolloberinspektor Kressin (1971 – 1973) führte der WDR bereits 1971 eine völlig neue Ermittlerfigur ein. Der Österreicher Sieghardt Rupp verkörperte den Zollfahnder, der immer einen flotten Spruch auf Lager und stets eine attraktive Frau in Griffweite hatte, wie eine Jetset-Figur mit deutlichen Anleihen bei James Bond. Sein Nachfolger im Auftrag des WDR, Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy, 1974 – 1980), war deutlich braver; die meisten Zuschauer werden sich vor allem an die eigenwillige Variante des „Bratkartoffelverhältnisses“ erinnern, das den Essener Kommissar mit seiner Ex-Frau verband. Anschließend setzte der WDR erneut auf den denkbar größten Gegensatz und schuf eine Figur, die heute geradezu ein Mythos ist: Mit Horst Schimanski, unvergleichlich verkörpert von Götz George, eroberte die Wirklichkeit den TV-Krimi.

In den frühen 80ern erlebte das Genre ohnehin einen deutlichen Wandel. Mit Themen wie Kinderhandel, Zwangsprostitution oder internationalem Rauschgifthandel berücksichtigten die Sender erstmals die negativen Folgen der Globalisierung. Schimanski (1981 – 1991), von den Zuschauern dank der regelmäßigen Actionszenen rasch als Raubein mit Herz geliebt, war ein Mann aus dem Volk, viele Geschichten spielten im Milieu der Arbeiter und Kleinganoven. Nie wieder ist das Wort „Scheiße“ mit so viel Hingabe ausgesprochen worden. Zur Realitätsnähe passte auch der Schauplatz: Die Ruhrpottstadt Duisburg sah womöglich noch schmutziger und heruntergekommener aus als im wahren Leben.
 

Weibliche Ermittlungen

Im Schimanski-Jahrzehnt wurden nicht nur die Ermittlerfiguren komplexer, auch die Erzählweisen wandelten sich. Ging es in den ZDF-Serien der 1970er-Jahre klassisch um die Tätersuche, wurde gerade der Tatort mehr und mehr zu einem Erzählgefäß für Sozialkritik. Und noch eins änderte sich: Der Krimi wurde weiblich. Während im 1971 gestarteten Polizeiruf 110 des DDR-Fernsehens mit Leutnant Vera Arndt (Sigrid Göhler, bis 1983) von Anfang an eine Frau zum Team der Ermittler gehörte, setzte die ARD mit Oberkommissarin Marianne Buchmüller (Nicole Heesters, SWF, bis 1980) erst 1978 auf weibliche Instinkte. Allerdings vergingen weitere elf Jahre, bis die junge Ulrike Folkerts 1989 ihr Debüt als burschikose Kommissarin Lena Odenthal in Ludwigshafen gab und der Bann endlich gebrochen war. Erst 2016 traute sich die ARD, im Tatort aus Dresden zwei Frauen gemeinsam ermitteln zu lassen.
 

Krimi-Preise für Privatsender

RTL war in dieser Hinsicht mit Doppelter Einsatz (1994 – 2007) deutlich früher dran. Die Krimireihe mit Despina Pajanou und wechselnden Partnerinnen hat im Lauf der Zeit neun Deutsche Fernsehpreise erhalten. Ohnehin waren es gerade die Krimiserien, die den Privatsendern immer wieder namhafte Auszeichnungen bescherten. Wolffs Revier (1992 – 2006) mit Jürgen Heinrich, eine der frühesten Serien von Sat.1, hat gleich für die erste Staffel ebenso einen Grimme-Preis erhalten wie beispielsweise Dr. Psycho (ProSieben, 2007 – 2008) mit Christian Ulmen.

Auch der viele Jahre lang neben Derrick international gefragteste deutschsprachige Krimi-Export lief hierzulande bei einem Privatsender: Kommissar Rex (1994 – 2004) war trotz wechselnder Herrchen einer der größten Erfolge in der Sat.1-Geschichte. Aktuell versucht der Sender, mit Der Bulle und das Biest an diese Zeiten anzuknüpfen. Beliebteste RTL-Krimiserie ist der Dauerbrenner Alarm für Cobra 11 (seit 1996); der Quotengarant ist dank seiner spektakulären Stunts ebenfalls ein Exportschlager.
 

Wo bleiben die Migrantenkinder?

RTL hat sich auch getraut, einen der ersten Kommissare mit Migrationshintergrund ins Rennen zu schicken. Erol Sander ermittelte als türkischstämmiger Titelheld der Serie Sinan Toprak ist der Unbestechliche jedoch nur zwei Staffeln lang (2001 – 2002). Während Kommissarinnen im TV-Krimi längst eine Selbstverständlichkeit sind – im ZDF gibt es seit vielen Jahren die Tradition, Krimireihen wie Bella Block (1994 – 2018), Rosa Roth (1994 – 2013), Marie Brand (seit 2008) oder Helen Dorn (seit 2014) nach den weiblichen Hauptfiguren zu benennen –, findet man nur wenige Nachfolger von Sinan Toprak. Mehmet Kurtulus (2008 – 2012) und Fahri Yardim (seit 2013, mit Til Schweiger) als Hamburger Tatort-Kommissare sind die große Ausnahme; dabei hat jeder vierte Deutsche eingewanderte Eltern oder Großeltern. Die Drehbuchautorin Dorothee Schön findet dieses Missverhältnis bedenklich:

Wenn im Krimi Männer mit türkischen oder arabischen Wurzeln mitwirken, dann in der Regel auf der Seite des Bösen, weil sie einer kriminellen Organisationen angehören oder als Islamisten Attentate planen. Das hat auf Dauer natürlich einen gewissen Einfluss auf die Zuschauer.“

 

Kommissare ohne Familienleben?

Der Wahrnehmung des Publikums ist allerdings nicht zu trauen. Heute, glaubt Schön, sind die Menschen überzeugt, es gebe unter den Ermittlern nur noch abseitige Figuren, was natürlich nicht stimmt. Richtig ist allerdings, dass Freddy Schenk aus dem Kölner Tatort der einzige Hauptabendkommissar mit offenbar intaktem Familienleben ist. Seine TV-Kollegen sind entweder Junggesellen oder geschieden und haben keinen Kontakt zu ihren Kindern. Einerseits entsprechen die Ermittler damit der Tradition, denn die sozialen Kontakte der frühen Kommissare waren in der Regel die Assistenten. Andererseits hat das Single-Dasein laut Schön, die viele Tatort-Episoden vor allem für Lena Odenthal und die Konstanzer Kommissarin Klara Blum (Eva Mattes) geschrieben hat, vor allem dramaturgische Gründe:

Die Fälle sind in der Regel so kompliziert, dass die Drehbuchautoren überhaupt keinen Raum hätten, auch noch ein Familienleben unterzubringen.“

Im 1971 gestarteten Polizeiruf 110 des DDR-Fernsehens hatte das Fehlen des Privatlebens allerdings andere Gründe: Im Unterschied zum Tatort gab es keine festen Teams. Oberleutnant Peter Fuchs (Peter Borgelt) brachte es zwischen 1971 und 1991 zwar auf 85 Einsätze, aber ansonsten wurden die Mitwirkenden regelmäßig gewechselt.
 


Alleinerziehende Mütter und harte Kerle

Einer der wenigen Kommissare mit Familie war Wilfried Stubbe (Stubbe – Von Fall zu Fall, ZDF, 1995 – 2014), weil die familiäre Ebene des Hamburger Kommissars mit den sächsischen Wurzeln von Anfang an den gleichen Stellenwert innehatte wie die Ermittlungen. Beim Sat.1-Klassiker Der Bulle von Tölz (1995 – 2009) mit Ottfried Fischer spielte dieses Element ebenfalls eine große Rolle, weil der korpulente Titelheld bei seiner dominanten Mutter lebte. Auch für Unter anderen Umständen (ZDF, seit 2006) gelten andere Bedingungen, schließlich bezieht sich der Titel der Reihe auf die Schwangerschaft der Kommissarin Jana Winter, deren Sohn gewissermaßen mitwächst und anfangs tatsächlich vom Sohn der Hauptdarstellerin (Natalia Wörner) verkörpert wurde. Die Ermittlerin aus Schleswig repräsentiert ähnlich wie ihre Tatort-Kollegin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler, seit 2002) aus Hannover eine weitere Entwicklung der letzten Jahre: Die Polizistinnen haben zumeist ebenfalls kein klassisches Familienleben, sondern sind entweder alleinstehend wie Lena Odenthal oder alleinerziehende Mütter, die oft Probleme haben, Beruf und Kind unter einen Hut zu bekommen. Schön findet das „überraschend realitätsnah“, sagt aber auch:

Die TV-Kommissare repräsentieren heute ohnehin viel stärker bestimmte gesellschaftliche Gruppierungen.“

In der Tat wäre ein schwuler Ermittler wie im Berliner Tatort Nina Rubins Kollege Robert Karow (Mark Waschke) früher undenkbar gewesen. Da war Sat.1 mit der Serie Mit Herz und Handschellen mit Henning Baum (2002 – 2006) überraschend progressiv. Einige Jahre später verkörperte Baum als Der letzte Bulle (2010 – 2014) einen der letzten harten Kerle mit Polizeimarke; das Comeback dieses Typus’ aus den 1980ern war aber nur möglich, weil der Held der Serie 20 Jahre im Koma gelegen hatte.
 

Ausblick

Insgesamt ist das Berufsbild des Fernsehpolizisten nach Ansicht Schöns deutlich bunter und vielfältiger geworden. Allerdings vermisst sie die ungleich realitätsnähere Figur „eines ganz normalen Familienvaters mit drei Kindern, der zum Elternabend muss und sich Sorgen macht, ob sein Auto noch mal durch den TÜV kommt.“ Darüber hinaus sieht die zweifache Grimme-Preisträgerin (Frau Böhm sagt nein, 2009; Der letzte schöne Tag, 2012) die Gefahr eines sogenannten Backlash, einer Rückwärtsbewegung:

Viele Zuschauer stören sich an Minderheiten auf dem Bildschirm. Sie werfen dem Fernsehen vor, es stelle eine Wirklichkeit dar, die mit der Realität nichts zu tun habe. Ich befürchte, dass die Sender sich dies in vorauseilendem Gehorsam zu eigen machen.“