Vom New zum New New Hollywood

Sozialkritik in der Traumfabrik

Werner C. Barg

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Dr. Werner C. Barg ist Autor, Produzent und Dramaturg sowie Honorarprofessor im Bereich Medienwissenschaft der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Außerdem leitet er den Ergänzungsstudiengang „Medienbildung“ im Rahmen der Lehrer*innenausbildung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Der Hollywoodfilm wird mit spektakulären Schauwerten und der Wiederkehr immer gleicher Storymuster und Erzählmittel assoziiert. Doch neben dem zur Realitätsflucht einladenden Mainstream-Kino kamen seit den 1960er-Jahren immer wieder gesellschaftskritische Filme aus der Traumfabrik, heutzutage sogar verstärkt, weil die Filmindustrie damals wie heute auf politische und gesellschaftliche Krisen des Landes reagiert.

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Mit Produktionen wie Arthur Penns kultigem Gangsterfilm Bonnie und Clyde (1967), Mike Nichols’ Die Reifeprüfung (1967) oder Dennis Hoppers Easy Rider (1969) begann die Ära des sogenannten New Hollywood, „im Ansatz eine transatlantische Nouvelle Vague“ (Blumenberg 1976, S. 33), die an die cineastischen Erneuerungsbewegungen in Europa und Lateinamerika anknüpfte und mit ihrem schonungslos realistischen Blick auf die Gegenwart wie auf die Geschichte der US-Gesellschaft den Nerv der Zeit traf.

So erzählt etwa Penn, zusammen mit Produzent und Hauptdarsteller Warren Beatty, in Bonnie und Clyde von einfachen Leuten, die trotz der Misere der Wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren ein Stück vom amerikanischen Aufstiegstraum abbekommen möchten. Sie rauben Banken aus, die nicht davor zurückschrecken, in der Krise verschuldete Farmer in den Ruin zu treiben. Realistisch und sozialkritisch zeigt Penn, wie die Mitglieder der Barrow-Bande im Affekt oder aus Notwehr töten, an dem schlechten Gewissen, getötet zu haben, fast zugrunde gehen und sich zunehmend nach bürgerlicher Normalität sehnen, nach einem Alltag, aus dem Bonnie Parker (Faye Dunaway) zu Beginn des Films ganz bewusst, dem Verbrecher Clyde Barrow folgend, ausgebrochen war.
 

Trailer: Bonnie und Clyde (1967)



Fundamentale Gesellschaftskritik

Der Ausbruch aus bürgerlicher Konvention und einem von den Filmfiguren als grau und routiniert empfundenen Alltag prägte viele Filme des „New Hollywood“. Durchaus zeittypisch brachten die neuen Hollywoodfilme damit ein Lebensgefühl zum Ausdruck, das viele US-Bürger spürten und das der Soziologe Charles Reich 1970 als „Verlust der eigenen Persönlichkeit, das Lebend-Totsein“ (Reich 1970, S. 14) umschrieb.

Dieses Gefühl führte der Historiker Arthur M. Schlesinger jr. seinerzeit darauf zurück, dass „jeder (…) mehr oder weniger stark das Bewußtsein (hat), im Schatten gewaltiger unkontrollierbarer Strukturen zu leben, denen menschliche Wünsche oder Bedürfnisse fremd sind“ (Schlesinger 1969, S. 210 f.). Hollywoodfilme wie John Schlesingers Asphalt Cowboy (1969), Peter Bogdanovichs Die letzte Vorstellung (1971) oder George Lucas’ American Graffity (1973) antworteten auf diese gesellschaftliche Mentalität, die aus einem realgesellschaftlichen „Klima einer tiefgreifenden Verunsicherung“ (Blumenberg 1976, S. 45) entstand.

Es wurde ausgelöst durch politische Eruptionen wie die Attentate auf die Kennedy-Brüder, die Ermordung Martin Luther Kings, den verheerenden Vietnamkrieg und das Aufbegehren der afroamerikanischen Minderheit, die erstmals massiv das Rassismusproblem in der Gesellschaft anprangerte und einerseits militant in der Black-Panther-Bewegung, aber vor allen Dingen andererseits zivilgesellschaftlich und friedlich in der Bürgerrechtsbewegung für die Gleichheit aller Menschen kämpfte. Diese gesellschaftliche Grundstimmung führte in den Hollywoodfilmen um 1970 nicht selten zu einer fundamentalen, auch kapitalismusskeptischen Gesellschaftskritik, die auf die für die Mehrheit der Bevölkerung nicht eingelösten Glücksversprechen des „amerikanischen Traums“ verwies.

Die meisten Filme endeten düster und pessimistisch. In Asphalt Cowboy führt der Wunsch der Protagonisten nach sozialem Aufstieg ins Nichts. In Easy Rider gehen zwei junge Motorradfahrer im Süden der USA auf die Suche nach „Amerika“, finden aber nur eine gewalttätige Gesellschaft weißer Hinterwäldler vor, die erst einen Mitreisenden der beiden nachts brutal erschlägt und schließlich nicht davor zurückschreckt, die von ihr als „Hippies“ identifizierten Fremden bei voller Fahrt von den Motorrädern zu schießen. „Viele der derzeit besten amerikanischen Filme vermitteln einem das Gefühl, daß uns nichts anderes übrigbleibt, als gelähmt zu werden und zu sterben, und daß das für uns Amerikaner das angemessene Schicksal ist“ (Kael 1973, S. 119), kommentierte die Filmkritikerin Pauline Kael die Geschichten des „New Hollywood“-Kinos.
 


Schlussszene Easy Rider (1969)




Kritische Genrefilme

Dass die Produzenten der Hollywoodstudios stärker an Gegenwartsfilmen interessiert waren, lag aber schlicht daran, dass die Filme oft nur wenig kosteten, dafür aber Millionen einspielten. Easy Rider beispielsweise hatte ein Budget von 360.000 Dollar, spielte aber allein in den USA 40 Millionen an der Kinokasse ein. So half „New Hollywood“ den Studios, eine ihrer schwersten ökonomischen Krisen am Beginn der 1970er-Jahre zu überstehen (vgl. Figlestahler 1976, S. 8 ff.).

Damit ging aber auch einher, dass die hollywoodtypischen Filmrezepte, z. B. das Genrekino, kurzzeitig nur eine geringere Rolle spielte. Wenn Genre, so wurde dies von den Regisseuren nun für sozialkritische Seitenhiebe auf die Gegenwart genutzt, z. B. im Western. Ralph Nelsons Das Wiegenlied vom Totschlag (1970) endet mit einem Massaker der US-Armee an den Cheyenne, bei dem auch viele Frauen und Kinder von den Soldaten kaltblütig getötet werden. 1970 in den Kinos, verwies die Darstellung des 1864 tatsächlich stattgefundenen „Sand-Creek-Massakers“ auf aktuelle Kriegshandlungen der US-Armee im Vietnamkrieg, speziell auf das Massaker von My Lai, das 1968 die Öffentlichkeit schockierte. Auch Arthur Penns Westernepos Little Big Man (1970) nimmt mit der Darstellung der Indianerkriege im historischen Gewand Bezug auf das zeitgenössische Kriegsgeschehen in Vietnam.

Durch die Enthüllung der Watergate-Affäre und den damit verbundenen Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon im Jahr 1974 verdichtete sich in der US-amerikanischen Bevölkerung das Gefühl, in einer von politischen Verschwörungen durchzogenen Gesellschaft zu leben. Dieses Gefühl gesellschaftlicher Paranoia spiegeln in jener Zeit zahlreiche Verschwörungsthriller wie Alan J. Pakulas Zeuge einer Verschwörung (1974), Sydney Pollacks Die drei Tage des Condor (1975), Peter Hyams Unternehmen Capricorn (1977) oder Mike Nichols’ Silkwood (1983).
 

Trailer: Silkwood (1983)



Rassismus

Die kritischen Gegenwarts- und Genrefilme, die seit den späten 1960er-Jahren die Hollywood-Studios fluteten, erzählten ihre Geschichten mehr oder weniger aus der Perspektive der weißen Mittelschicht. Um 1970 entwickelte sich zwar mit der „Blaxploitation“1-Bewegung der erste Ansatz für ein „Black Cinema“, das mit wenigen Ausnahmen wie Gordon Parks Detektivfilm Shaft (1971) im zeitgenössischen Hollywood-Mainstream kaum reüssierte (vgl. Figlestahler 1976, S. 17). Auch die kritischen, den Rassismus thematisierenden Filme von Spike Lee oder John Singleton blieben Ausnahmeerscheinungen.

Erst in den 1980er- und 1990er-Jahren wurde das Thema auch im weißen Mehrheitskino hoffähig. Regisseur Alan Parker zeigte in Mississippi Burning – Die Wurzel des Hasses (1988) knallig und plakativ die Wandlung zweier weißer FBI-Agenten im Kampf gegen die rassistische Gewalt des Ku-Klux-Klans im Süden der USA im Jahr 1964; Norman Jewison zeichnete 1999 in Hurricane den Justizskandal um den Schwarzen Boxer Rubin Carter nach, der unschuldig wegen Mordes verurteilt wurde. Und in der John-Grisham-Verfilmung Die Jury kämpft ein weißes Anwaltsteam für den Freispruch eines afroamerikanischen Farmers, der die weißen Vergewaltiger seiner 10‑jährigen Tochter ermordet hatte.
 

Trailer: Mississippi Burning (1988)



Diese und andere Filme aus jener Zeit in Hollywood wenden sich gegen die noch immer herrschende Apartheid in vielen Köpfen der weißen US-Mehrheitsgesellschaft, in dem sie auch von den Wandlungsprozessen der weißen Protagonisten weg von Vorurteilen und hin zu einem gleichberechtigten Zusammenleben aller Menschen, gleich welcher Hautfarbe, erzählen. Die People of Color kommen in diesen Filmen aber zumeist als Opfer vor, wodurch das Publikum zur Empathie mit ihnen eingeladen wird.
 

Angeklagt

Die „New Hollywood“-Filme wurden überwiegend von Männerfiguren beherrscht. Die weiblichen Stars blieben, selbst wenn sie in ihren Rollen stark und selbstbewusst auftraten, doch mehrheitlich weiterhin dem „male gaze“ unterworfen. Das Prinzip, die erotischen Attribute der Frauenfiguren als Objekt männlicher Schaulust darzubieten, prägt bis heute das Frauenbild Hollywoods (vgl. Leonard 2020).

Jonathan Kaplans Angeklagt, ein Mix aus Vergewaltigungsdrama und Justizthriller, bildete hier 1988 eine frühe Ausnahme. Anfangs verfolgt der Film ähnliche Muster der Emotionslenkung wie in der zuvor beschriebenen Darstellung des Rassismusproblems im „weißen“ Hollywood: Eine junge Arbeiterin wird in einer Bar unter den Augen zahlreicher männlicher Zuschauer von mehreren Männern brutal vergewaltigt. Die Frauenfigur wird als Opfer präsentiert. Das Publikum wird zur Empathie mit ihr aufgefordert. Doch im Verlauf der Handlung entwickelt sich die junge Frau – von einer Staatsanwältin unterstützt – zu einer starken kämpferischen Figur, die schließlich die Verurteilung der Vergewaltiger und der Zuschauer erreicht.
 

Trailer: Angeklagt (1988)



Jodie Foster erhielt 1989 für die Rolle der Sarah Tobias den Oscar als Beste Hauptdarstellerin – am Frauenbild änderte sich in den Hollywoodfilmen nur wenig. Es bedurfte erst des Weinstein-Skandals und der Me-too-Bewegung, um eine breitere Öffentlichkeit für eine Sexismusdebatte zu interessieren.
 

Spielarten des Sexismus werden thematisiert

Vor diesem sozialpolitischen Hintergrund entstanden in den USA in letzter Zeit nicht nur unabhängige Produktionen wie Kitty Greens Filmdrama The Assistant (2019), sondern auch Hollywoodproduktionen wie Jay Roachs Film Bombshell – Das Ende des Schweigens (2019), der den authentischen Fall von Roger Ailes nachzeichnet. Der Fox-News-Chefredakteur trat nach massiven Vorwürfen der sexuellen Belästigung zahlreicher Mitarbeiterinnen 2016 zurück. Der Film wirft einen kritischen Blick auf die Vertuschungsversuche seitens der männlichen Führungsriege im Hause des Medienmoguls Rupert Murdoch und appelliert an alle Frauen, die von sexueller Belästigung betroffen sind, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen.

Noch kritischer als im Hollywoodkino wird derzeit im Hollywoodfernsehen Sexismus, aber auch Rassismus in der Gesellschaft thematisiert. Nur ein Beispiel: In der ABC-Erfolgsserie How to Get Away with Murder (2014 – 2020) gibt es kaum eine weibliche Zentralfigur, die nicht in ihrer Kindheit oder in ihrem weiteren Leben quer durch alle Gesellschaftsschichten mit sexualisierter männlicher Gewalt konfrontiert war – ein verheerender und pessimistischer Blick auf Familienstrukturen und private Beziehungsverhältnisse in der US-Gesellschaft.

Auch das Thema „Rassismus und Diskriminierung“ wurde im Laufe der insgesamt sechs Serienstaffeln immer eindringlicher erzählt. War die Schwarze Anwältin Annalise Keating, gewiefte Strafverteidigerin und Jura-Professorin, mit den fünf Studierenden, die sie jedes Jahr für ein Praktikum in ihrer Kanzlei auswählt, anfangs in verschiedene Mordintrigen verstrickt, aus denen Keating die Fünf und andere Personen in ihrem Umfeld immer wieder mit allerlei Tricks herausboxte, so stößt sie in der zweiten Hälfte der Serie auf Fälle von systematischer Diskriminierung von Schwarzen Angeklagten im US-Justizsystem.
 

Trailer: How to Get Away With Murder (2014 – 2020)



Mehrfach wird in der Serie betont, dass in den USA sechsmal so viele Schwarze wie Weiße für die gleichen leichten bis mittelschweren Delikte im Gefängnis sitzen. Keating bringt den Fall vor den Obersten Gerichtshof und kommt einem Komplott zwischen Justiz, Politik und einflussreichen Geschäftsleuten auf die Spur. Die US-Gesellschaft wird mehrfach als „rassistischer Ort“ beschrieben, die US-Justiz erscheint korrupt und Keating selbst ist Opfer und Täterin in diesem System. Ihre zunehmenden Gewissensbisse versucht sie im Alkohol zu ertränken.

Die radikale Kritik am Rassismus und Sexismus in der Gesellschaft sowie an der Korruption im Justiz- und Polizeiapparat formuliert sich in der Serie ab Staffel 4 immer massiver. Die Staffel startete im Herbst 2017. Die Richtung, in der sich die Geschichte um Annalise Keating weiterentwickeln sollte, wurde von Showrunner Peter Nowalk und seinem Autorenteam seit Beginn des Jahres 2017 entworfen, also in jenem Jahr, in dem Donald Trump im Januar die Präsidentschaft übernahm. In seiner Regierungszeit geriet die US-Gesellschaft zunehmend in Aufruhr – Rassismus, Sexismus, Rechtsradikalismus. Die Handlung in der zweiten Hälfte der Serie kommentiert diese Zeitläufte offenkundig äußerst kritisch und entwirft mit der studentischen Community der „Keating 5“ zugleich das Bild einer offenen multikulturellen Gesellschaft „en miniature“. Die Beziehungen der Figuren in diesem „inner circle“ der Serie sind nicht ohne Spannungen, Konflikte und Intrigen. Aber zunehmend kristallisiert sich neben Hauptfigur Annalise das homosexuelle Paar Connor und Oliver als emotionales Kraftzentrum der Handlung heraus.
 

Alte und neue Perspektiven

Heute kann man wohl von einem neuen „New Hollywood“ sprechen, denn so klar wie in der Amtszeit Trumps und besonders im polarisierenden US-Wahljahr 2020 hat sich die Entertainment-Branche selten für politische Werte wie Demokratie, persönliche Freiheit und unveräußerliche Menschenrechte, gegen Rassismus, Homophobie und die Spaltung der Gesellschaft positioniert.

Joaquin Phoenix, 2020 für seine Darstellung in Joker (2019) mit dem Oscar als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet, sprach in seiner Dankesrede während der Verleihungszeremonie aus, was viele Hollywoodstars im Augenblick denken. Es gehe um die Auseinandersetzung mit dem Glauben, „dass eine Nation, ein Volk, eine Rasse, ein Geschlecht oder eine Spezies das Recht hat, eine andere ungestraft zu beherrschen, zu kontrollieren, zu benutzen oder auszubeuten“ (vgl. Halbroth 2020).
 

Joaquin Phoenix’ Rede bei der Oscar-Verleihung 2020



Viele aktuelle Filme aus Hollywood setzen sich genau mit dieser Thematik auseinander. Dabei rückt auch die gesellschaftliche Krise der 1960er-Jahre nochmal in den Blick mancher Filme. Aaron Sorkins The Rial oft he Chicago 7 (2020) rollt die blutige Niederschlagung von Anti-Vietnam-Demonstrationen in Chicago 1969 auf und zeichnet eine politische Intrige im Polizei- und Justizsystem nach, durch die sieben der im Umfeld der Demonstration festgenommenen Angeklagten wegen Verschwörung hoch bestraft werden sollten. Auch Kathryn Bigelow zeigt am Beispiel der Rassenunruhen 1967 in Detroit (2017) die Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung, insbesondere die Afroamerikaner, als Opfer rassistisch motivierter Polizeigewalt.

Steven Spielberg wiederum geht in Die Verlegerin (2017) den Ränkespielen zwischen Medien und Politik im Vorfeld der Veröffentlichung geheimer Vietnam-Dokumente des Pentagon in der „Washington Post“ 1971 nach. Durch die Veröffentlichung sank die Akzeptanz des Vietnam-Kriegs in der amerikanischen Öffentlichkeit deutlich.

Filme wie Peter Farrellys Green Book – Eine besondere Freundschaft (2018) oder Spike Lees BlacKkKlansman (2018) plädieren für gesellschaftlichen Zusammenhalt, für ein Miteinander von Schwarzen und Weißen. Doch während Farrelly das Rassismusproblem aus der klassischen Perspektive Hollywoods erzählt und – vor dem Hintergrund der Apartheid in den US-Südstaaten der frühen 1960er-Jahre – den Weißen als Retter des Schwarzen präsentiert, steht in Spike Lees Film ganz klar die Perspektive einer Schwarzen Hauptfigur im Mittelpunkt, die authentische Geschichte des ersten afroamerikanischen Polizisten in Colorado Springs, dem es Ende der 1970er-Jahre als Undercover-Agent gelang, einen Anschlag des rechtsextremistischen Ku-Klux-Klans zu vereiteln. Dadurch gewann er die Anerkennung und Freundschaft seiner weißen Kollegen.

Auch in Hollywoodfilmen beginnt sich die Perspektive auf das Rassismusproblem zu wandeln, hin zur Sichtweise der Afroamerikaner selbst. In dem von Denzel Washington produzierten Netflix-Film Ma Rainey’s Black Bottom erzählt Regisseur George C. Wolfe eine Episode aus dem Leben der Schwarzen Blues-Legende Gertrude „Ma“ Rainey. Die Sängerin soll 1927 in Chicago einige ihrer Songs aufnehmen. Ma hat viele Diskriminierungserfahrungen hinter sich. Sie ist kalt, zynisch und überheblich geworden. Sie weiß, dass die weißen Produzenten nur an ihrer Stimme interessiert sind, und genießt es, sie für sich „springen“ zu lassen. Auch gegenüber ihren Bandmitgliedern ist Ma nicht gerade freundlich. Besonders der vom Aufstieg träumende Trompeter Levee Green (Chadwick Boseman in seiner letzten Rolle) hat unter Mas Kapriolen zu leiden. Schließlich beginnt er sich zu wehren. Diskriminierungserlebnisse der Schwarzen Figuren werden von Wolfe als Ursache für eine Gewaltspirale dargestellt, die sich am Ende nicht gegen die Verursacher der Diskriminierung und Frustration richtet, gegen die Weißen, sondern gegen die Mitglieder der eigenen Community.
 

Trailer: Ma Rainey’s Black Bottom (2020)



In Regina Kings One Night in Miami trifft der frisch gekrönte Boxweltmeister Cassius Clay in der Nacht nach seinem Sieg am 25. Februar 1964 in einem Hotelzimmer in Miami auf drei weitere Ikonen des „Black Amerika“, den politischen Aktivisten Malcolm X, den Sänger Sam Cooke und die Football-Legende Jim Brown. Sie sprechen darüber, wie sie als prominente Vertreter der Schwarzen Minderheit mit der weißen Mehrheitsgesellschaft umgehen sollen. Rebellion oder Anpassung? Kampf um die eigene Identität oder Übernahme der von Weißen gesetzten Standards und Werte? Das Zusammentreffen in Kings Film ist Fiktion, doch alle vier begannen in den 1960er-Jahren die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung „Black-Power“ zu unterstützen.

Solche neuen sozialkritischen Perspektiven auf die US-Gesellschaft in Gegenwart und Zeitgeschichte lassen hoffen, dass im neuen „New Hollywood“ bald noch mehr Sichtweisen auch anderer sozialer Gruppen auf eine sich zunehmend diverser gestaltende Gesellschaft geboten werden – Perspektiven, denen im Hollywoodfilm bislang nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

 

Anmerkung

1) „Eine Verbindung aus ‚black‘ und ‚exploitation‘. Letzteres lässt sich vielfältig übersetzen – mit Ausbeutung, Verwertung oder Instrumentalisierung. Die Kombination steht aber natürlich auch für die Anlehnung an die klassischen Exploitation-Filme: billig produzierte Reißer, die sich vornehmlich um Sex und Gewalt drehen. Klar definierte Unterhaltung für die Massen, roh und schmutzig“ (Wiebeck 2020).
 

Literatur:

Blumenberg, H. C.: Das Neue Hollywood. In: P.W. Jansen/W. Schütte: New Hollywood (Reihe Film 10). München-Wien: 1976, S. 23‑58

Figlestahler, P.: Krise und Boom. In: P.W. Jansen/W. Schütte: New Hollywood (Reihe Film 10). München-Wien: 1976, S. 7‑22

Halbroth, J.: Er erinnert an toten Bruder. Joaquin Phoenix hat bei Oscar-Rede Tränen in den Augen. In: t-online, 10.02.2020. Abrufbar unter: https://www.t-online.de (letzter Zugriff: 26.03.2021)

Kael, P.: Deeper into Movies. New York 1973

Leonard, K.: What is the Male Gaze? Definition and Examples in Film. In: Studiobinder, 12.02.2020. Abrufbar unter https://www.studiobinder.com (letzter Zugriff: 26.03.2021)

Reich, C. A.: Die Welt wird jung. The Greening of America. Wien-München-Zürich: 1970

Schlesinger, A. M. jr.: Das erschütterte Vertrauen. Wird die USA eine gewalttätige Nation? Bern-München-Wien 1969

Wiebeck, S.: Blaxploitation: #blackfilmsmatter. In: cinema, 21.01.2020. Abrufbar unter: www.cinema.de