Panorama 3/2020

Vollständiger Beitrag als:

Facebook zahlt Content-Moderatoren in den USA eine Entschädigung

Insgesamt 52 Mio. Dollar will Facebook an ehemalige und noch aktive Content-Prüfer in den USA zahlen, so das Ergebnis einer Einigung im Rahmen eines gerichtlichen Vergleichs. 2018 hatten US-amerikanische Prüfer Klage gegen das soziale Netzwerk eingereicht, da dieses sie nicht ausreichend gegen die immensen psychischen Belastungen ihrer Tätigkeit schütze und geschützt habe. Content-Moderatoren prüfen und löschen Inhalte wie Darstellungen von sexuellem Kindesmissbrauch (sogenannter Kinderpornografie), von Folter, Hinrichtungen, Suiziden, Terrorismus etc. Überwiegend sind sie bei Drittfirmen in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt. Facebook will in Fällen posttraumatischer Belastungsstörungen nun Behandlungskosten übernehmen. Ein großer Teil der Content-Prüfung und Löschungen von unerwünschten Inhalten (Entscheidungsgrundlage sind interne Richtlinien der Plattform) durch Menschen findet bei Drittfirmen in Asien statt. Zunehmend sollen Algorithmen diese Arbeit übernehmen. In vielen Fällen ist eine Einschätzung jedoch nur auf der Grundlage menschlicher Urteilskraft möglich.

Quellen:

Zeit online/dpa/fo: Schadensersatz. Facebook zahlt Millionen-Entschädigung an erkrankte Prüfer. In: Zeit online, 13.05.2020. Abrufbar unter: www.zeit.de

SZ.de/bloom/jael/bix: Soziales Netzwerk. Facebook zahlt traumatisierten Content-Prüfern 52 Millionen Dollar. In: Süddeutsche Zeitung, 13.05.2020. Abrufbar unter: www.sueddeutsche.de
 



FSM veröffentlicht erste Prüfentscheidungen nach dem NetzDG

Die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) ist seit Januar 2020 staatlich anerkannt, auch Prüfungen auf Grundlage des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes (NetzDG) durchzuführen. Erste Prüfentscheidungen mit ausführlichen Begründungen können nun auf der Website der FSM nachgelesen werden.

Die Entscheidungen sind abrufbar unter: https://www.fsm.de
 



Medienstaatsvertrag hat zwei weitere Hürden genommen

Die EU-Kommission hat festgestellt, dass das Vertragswerk nicht gegen EU-Recht verstößt. Zudem haben alle Ministerpräsidenten der deutschen Bundesländer unterzeichnet. Nun müssen sich die Landtage noch mit dem Medienstaatsvertrag befassen und darüber abstimmen. Geplant ist, dass der Vertrag, welcher den Rundfunkstaatsvertrag ersetzen soll und neue Regelungen für Onlineplattformen und Medienintermediäre enthält, noch im Herbst 2020 in Kraft tritt. Das umstrittene „Pornowerbeverbot“ wurde wieder gekippt und ist nun nicht mehr im Vertragstext enthalten. Durch dieses wären einfach pornografische Inhalte indizierten Inhalten gleichgestellt worden und hätten somit – auch in inhaltsneutraler Form – nur noch in geschlossenen Benutzergruppen und nach Prüfung der Volljährigkeit von Nutzerinnen und Nutzern durch ein anerkanntes Altersverifikationssystem beworben werden dürfen.

Quellen:

Krempl, S.: Medienstaatsvertrag: Pornowerbeverbot und Google-Ausnahme sind raus. In: Heise online, 04.05.2020. Abrufbar unter: www.heise.de

SZ.de/dpa: Medienstaatsvertrag. Unterschriften sind komplett. In: Süddeutsche Zeitung, 02.05.2020. Abrufbar unter: www.sueddeutsche.de
 



Sie duldet, er deutet

Das Fernsehen bleibt sich auch in der Krise treu: Es sind vor allem Männer, die Corona erklären

Die Erkenntnis ist nicht neu: Im Fernsehen wird die Welt von Männern erklärt. Die Coronakrise hat das wieder deutlich vor Augen geführt. „Frauen sind die wahren Heldinnen in der Krise – erzählen uns Männer“, lautet das Fazit einer Analyse des Instituts für Medienforschung der Universität Rostock. Die Kommunikationswissenschaftlerinnen Elizabeth Prommer und Christine Linke haben bereits in ihrem viel beachteten Buch Ausgeblendet. Frauen im deutschen Film und Fernsehen(Köln 2019) festgestellt, dass Frauen im Fernsehen ganz erheblich unterrepräsentiert sind, und zwar in allen Bereichen: vor der Kamera wie auch dahinter, in Filmen und Serien wie auch in journalistischen Formaten oder in der Unterhaltung.

Für die erneut durch die MaLisa Stiftung der Schauspielerin Maria Furtwängler und ihrer Tochter Lisa finanzierten Folgestudie haben die Kommunikationswissenschaftlerinnen Elizabeth Prommer und Julia Stüwe 174 Informationssendungen mit Coronabezug ausgewertet, die während der zweiten Aprilhälfte 2020 ab 18.00 Uhr von ARD, ZDF, RTL und SAT.1 ausgestrahlt worden sind. Die Ergebnisse belegen, wie wenig die weibliche Hälfte der Gesellschaft im Fernsehen zu sagen hat:

Auf vier männliche Experten kam nur eine Frau.

Während sich dies noch damit rechtfertigen ließe, dass die Leitung maßgeblicher Institutionen (etwa des Robert Koch-Instituts) überwiegend mit Männern besetzt ist, ist die Diskrepanz in der Statistik der Medizinerinnen und Mediziner, die in Talkshows oder Nachrichtensendungen zu Wort kamen, offenkundig: In Deutschland gibt es ebenso viele Ärztinnen wie Ärzte; im Fernsehen lag das Verhältnis aber bei eins zu fünf. Waren Menschen mit Leitungsfunktion gefragt, lag der Frauenanteil bei nur 5 %. Und während der Pflegebereich in der Realität eindeutig von Frauen dominiert wird (70 %), wurden sie im Fernsehen laut Studie nur zu 17 % befragt. Insgesamt kamen doppelt so viele Männer wie Frauen zu Wort (67 zu 33 %).

Eine parallel durchgeführte Untersuchung von knapp 80.000 Coronatexten in den Onlineauftritten von 13 Printmedien kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Erkenntnisse decken sich mit einer Analyse des „Spiegel“. Das Nachrichtenmagazin hat seit Januar 2020 die Coronaausgaben der fünf wichtigsten Talkshows in ARD und ZDF ausgewertet; nur ein Drittel der Gäste war weiblich. Das Fazit des Autorenquintetts:

Männer sind die Experten, ihnen wird die größere Deutungshoheit zugestanden.“

Frauen seien hingegen nur dann in der Überzahl, wenn es um Betroffenheit gehe:

Sie berichten vom Stress mit den Kindern, die sie zu Hause unterrichten, während sie gleichzeitig ihre Arbeit im Homeoffice erledigen.“

Medienforscherin Prommer findet die entsprechende Botschaft sehr bedenklich, denn sie kultiviere „das Bild eines Experten, der männlich zu sein hat. Die Abwesenheit der Frauen wiederum unterstellt, dass wir ihnen weniger zutrauen können.“

Anne Will, die Moderatorin der erfolgreichen Sonntagstalkshow der ARD, sagte dem „Spiegel“, ihre Redaktion lade regelmäßig auch Expertinnen ein, aber viele Frauen scheuten die Kritik und die Anfeindungen, die ein derart exponierter Auftritt fast zwangsläufig nach sich ziehe. Die nicht zuletzt durch den Springer-Verlag („Bild“) forcierten Angriffe auf Prof. Dr. Christian Drosten dürften die weibliche Zurückhaltung noch verstärkt haben.

Quellen:

Dambeck, H./Knöfel, U./Laurenz, N./Tack, A./Voigt, C.: Wer das Sagen hat. In: Der Spiegel, Nr. 21, 16.05.2020, S. 100 – 112

Prommer, E./Stüwe, J.: Wer wird in Krisenzeiten gefragt?. Geschlechterverteilung in der Corona-Berichterstattung. Rostock 2020 (im Auftrag der MaLisa Stiftung). Abrufbar unter: malisastiftung.org

Weiterführende Literatur:

Weinert, B.: Männer erklären uns die Welt. Expertinnen sind im Fernsehen immer noch die Ausnahme. Interview mit Elizabeth Prommer. Abrufbar unter: tvdiskurs.de

Tilmann P. Gangloff