Panorama 2/2021

Printausgabe tv diskurs: 25. Jg., 2/2021 (Ausgabe 96), S. 60-61

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Colorblind Casting

Die Diversitätsdebatte und damit die Frage, wer wen wie repräsentiert, flammt auch bei der Besetzung von Rollen in Film- und Fernsehproduktionen auf. Die Realitätsdarstellung im Fernsehen ist in aller Regel weitaus stereotyper als die Wirklichkeit. Um das aufzubrechen, um andere Geschichten mit anderen Figuren entwickeln und erzählen zu können und Minderheiten nicht immer nur (wenn überhaupt) unter Betonung ihrer Andersartigkeit zu zeigen, hat die UFA angekündigt, vor und hinter der Kamera bis 2024 die reale Diversität der deutschen Bevölkerung angemessen abzubilden, d. h. gezielt und nach Maßgabe des Zensus mehr People of Color, behinderte Menschen, ältere Frauen, Homosexuelle etc. einzusetzen.

Netflix geht – zumindest vor der Kamera – einen noch radikaleren Weg mit Bridgerton, einer zusammen mit Shonda Rhimes (Grey’s Anatomy, How to Get Away with Murder) produzierten Historienserie, in der die britische Queen zur Zeit der Regency (circa 1811 – 1830, eine Zeit radikaler Veränderungen durch neue Technologien und raschen kulturellen Wandel) schwarz ist. Bridgerton avancierte schnell zur erfolgreichsten Netflix-Serie aller Zeiten. Dass die Königin geschichtlich gesehen weiß war (wenngleich sie wohl auch schwarze Vorfahren hatte), scheint die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer gar nicht zu interessieren.

Die Besetzung von Rollen ungeachtet der Hautfarbe – aktuell umschrieben mit Colorblind Casting – ist umstritten: Dafür spricht, dass Stereotype auf diese Weise radikal aufgebrochen werden und schwarze Schauspielerinnen und Schauspieler endlich Zugang zu einem breiteren Spektrum an Rollen bekommen. Putzfrauen und Drogendealer haben sie lange genug gespielt, andere Rollen übernehmen zu können, ist auch eine ökonomische Frage. Insbesondere wirtschaftlich gesehen durchaus relevante Historienfilme boten bislang kaum Rollen für People of Color, was auch nicht immer den geschichtlichen Tatsachen entspricht. Auch vor einigen hundert Jahren lebten in Großbritannien schon schwarze Menschen, die keine Sklaven waren.

Dagegen kann man einwenden, dass die Geschichte verzerrt dargestellt wird – im Fall von Bridgerton allerdings in einer Produktion, die oft mit der Teenieserie Gossip Girl verglichen wird und kaum den Anspruch hat, historische Ereignisse detailgenau widerzuspiegeln. Komplizierter wird die Frage der Geschichtsklitterung bei Produktionen wie Hamilton, einer inzwischen bei Disney+ als Film veröffentlichten Broadway-Produktion über die Gründerväter Amerikas, die – durchaus in antirassistischer Absicht – colorblind besetzt ist, aber die Geschichte der Sklaverei dabei vollständig ausblendet.

Aus dem Blick gerät beim Jubel über das subversive Potenzial des Colorblind Castings mitunter, dass die Besetzung von Rollen mit Menschen anderer Hautfarbe eine lange, überwiegend rassistische Geschichte hat. Diese reicht von Blackface (weiße Darsteller mit schwarz angemalten Gesichtern, die Stereotype drastisch und in diskriminierender Weise auf die Spitze treiben) bis zum Whitewashing (weiße Schauspielerinnen und Schauspieler besetzen Rollen, die ursprünglich ethnisch anders codiert waren, wie etwa Scarlett Johansson in der Hauptrolle des Animeklassikers Ghost in the Shell). Colorblind Casting dreht diese rassistische Praxis in ihr Gegenteil, produziert dabei aber auch blinde Flecken.

Das Dilemma, marginalisierten Gruppen gleiche oder zumindest vergleichbare Chancen nicht länger vorzuenthalten und parallel dazu ihre (Diskriminierungs-)Erfahrung anzuerkennen, lässt sich vermutlich eher durch genaues Hinsehen als durch vermeintlich farbenblindes Wegsehen lösen.
 

Quellen:

Beier, L.-O./Höbel, W./Knöfel, U./Pilarczyk, H.: Wer darf wen spielen? Streit um Rollenbesetzungen. In: Der Spiegel, 19.02.2021. Abrufbar unter: www.spiegel.de

Cummings, E. P.: Unpopular Opinion: Color-Blind Casting Isn’t ‘Woke’ – It’s Racist. In: The Harward Crimson, 09.12.2020. Abrufbar unter: www.thecrimson.com

Glamour.de: „Bridgerton“ bricht alle Rekorde: Die gehypte Serie ist jetzt die meistgesehene Netflix-Produktion aller Zeiten. In: Glamour.de, 28.01.2021. Abrufbar unter: www.glamour.de

Hildebrand, K.: Kann das Kino farbenblind sein? In: Süddeutsche Zeitung, 03.01.2021. Abrufbar unter: www.sueddeutsche.de

Husmann, W.:Schöne bunte Welt. In: Zeit Online, 26.11.2020. Abrufbar unter: www.zeit.de

Phillips, M.: Hamilton’, ‘The Simpsons’ and the Problem With Colorblind Casting. In: The New York Times, 08.07.2020. Abrufbar unter: https://www.nytimes.com
 



Google veröffentlicht erstmals Zahlen zu Kindesmissbrauch im Internet

Darstellungen von Kindesmissbrauch finden sich keineswegs nur im Darknet. Google meldet diese Inhalte an das National Center for Missing & Exploited Children (NCMEC), eine private und gemeinnützige US-Organisation. Das NCMEC prüft entsprechende Meldungen von Internetunternehmen und leitet diese gegebenenfalls an die zuständigen Strafverfolgungsbehörden weiter. Die Zahlen sind schockierend: Meldungen durch Google an das NCMEC betrafen mehr als 4,5 Mio. Inhalte im Jahr 2020 – darunter fallen Bilder, Videos, Audioaufnahmen, URLs, auf denen Darstellungen von sexuellem Missbrauch von Kindern zu finden sind, oder Textnachrichten, in denen solche Inhalte angefordert werden.

Google will keine Auskunft darüber geben, auf welche Weise es welche seiner Dienste auf der Suche nach diesen illegalen Inhalten scannt.
 

Quelle:

Beuth, P.: Google findet 4,5 Millionen Inhalte zu Kindesmissbrauch im Jahr. In: Der Spiegel, 24.02.2021. Abrufbar unter: www.spiegel.de