Medienkompetenz ist Medienreflexion

Claudia Mikat

Claudia Mikat ist Geschäftsführerin der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).

Im November 2020 geht die Multimediaplattform „Medienradar“ online.

Printausgabe tv diskurs: 24. Jg., 4/2020 (Ausgabe 94), S. 12-14

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Hintergrund und Ziel

Wie Heranwachsende Wirklichkeit und Normalität erleben und wie sie soziale Zusammenhänge bewerten, wird wesentlich auch durch Medien geprägt. In ihr Geschichtsbild und Politikverständnis fließen Eindrücke aus Dokumentationen, Spielfilmen oder Nachrichtensendungen ein. Die Verwendung von Sprache ist stark mit jugendkulturellen Trends und musikalischen Präferenzen verknüpft, die in Videoclips oder Magazinen aufgegriffen werden. Und was als gelungene Kommunikation, verbale Ausgrenzung oder Diskriminierung wahrgenommen wird, hängt ganz erheblich mit medial vermittelter Kommunikation in Talkshows, Podcasts oder in sozialen Medien zusammen.

Die Medien präsentieren die verschiedensten, teils widersprüchlichen Werthaltungen. Es bleibt den Nutzerinnen und Nutzern überlassen, aus der Vielfalt auszuwählen, Eindrücke zu ordnen und in ihr eigenes Wertesystem zu integrieren. Diese Reflexionskompetenz, die Fähigkeit, mediale Einflüsse wahrzunehmen und auf Wahrheitsgehalt und Plausibilität hin zu überprüfen, wird im sogenannten postfaktischen Zeitalter der Fake News immer wichtiger.

Für Bildungszusammenhänge bedeutet das: Aktuelle Medienthemen und die dahinterstehenden Wertfragen müssen stärker einbezogen werden. Wesentlich ist dabei, zur Reflexion von Inhalten anzuregen sowie Ordnung und Orientierung anzubieten. Die Multimediaplattform Medienradar will Lehrende darin unterstützen.
 

Idee und Inhalte

Der Medienradar ist ein medienpädagogisches Internetportal, das sich an Fachkräfte in der schulischen und außerschulischen Bildung richtet. Grundidee ist, aktuelle Medienthemen, die die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen unmittelbar berühren, ansprechend aufzubereiten und Lehrenden Material anzubieten, das einfach und flexibel einsetzbar ist.
 


Zu jedem Thema sind Hintergrundwissen, Lehrmaterialien und Mediensammlungen in Dossiers zusammengefasst. An den Start geht das Portal im November 2020 mit vier Dossiers zu den Themen „Gangsta­-Rap“, „Diversität“, „Hate Speech“ und „Jugendmedienschutz“. Die Dossiers versammeln Artikel aus Fachzeitschriften, Essays und Experteninterviews sowie zahlreiche Medienbeispiele in Form von Texten, Videos oder Radio-­Features. So finden sich auf der Playlist zu „Antisemitismus im deutschen Gangsta-­Rap“ neben einschlägigen Songs auch Ausschnitte aus diversen TV-Beiträgen zum Thema, aus einer Podiumsdiskussion über die Antisemitismusvorwürfe gegen den Rapper „Haftbefehl“ oder aus einem Podcast über den Rothschild-­Begriff. Im Dossier „Jugendmedienschutz“ beinhalten die Playlists zahlreiche AV­-Beispiele aus dem Fernsehen und von Onlineplattformen für Inhalte, die potenziell angsterzeugend, gewaltbefürwortend oder sozialethisch desorientierend sind.
 


Medienkompetenz = Medienreflexion

Das Besondere an der Auswahl und Aufbereitung der Inhalte ist der Fokus auf das Diskursive. Alle Themen sind facettenreich oder streitbar, bilden gesellschaftliche Debatten ab und eröffnen unterschiedliche Perspektiven. Im „Rap“-Dossier kommen neben der Wissenschaftlerin, die antiisraelische Narrative in Rap-­Texten untersucht, auch die Künstlerinnen und Künstler selbst zu Wort und stellen ihre Sicht auf ihre Texte dar. Eine deutsche Rapperin verulkt die zur Schau gestellte maskuline Härte im Hip-­Hop und plädiert im Interview dafür, mit etablierten Erzählmustern zu brechen. In anderen Beiträgen geht es um den Zusammenhang zwischen Rap und Geschlecht, um die Geschichte des Hip­-Hops, typische Inszenierungsstrategien oder die Frage der Faszination von Getto- und Gangkultur.
 


Im Dossier „Jugendmedienschutz“ sind die Beispiele so angelegt, dass auch individuelle Unterschiede in der Wahrnehmung und andere Einflussfaktoren für die Wirkung von Medien deutlich werden und diskutiert werden können. Im Bereich „Ängstigung“ sind es etwa Genrekenntnisse, die eine mögliche Beeinträchtigung begünstigen oder relativieren, im Bereich „Gewalt“ ist es der Kontext, in dem Gewalt stattfindet, oder die Realitätsnähe einer Darstellung.
 

Verschiedene Zugänge

Für Lehrende bietet das Portal eine Fülle an Inhalten, Anschauungsmaterial und Anregungen für die Verwendung der verschiedenen Angebote. Neben der thematischen Strukturierung durch die Dossiers kann das Portal auch nach Fächerverbindung durchsucht werden, da die Einzelinhalte mit verschiedenen Lehrplananforderungen der Bundesländer verknüpft sind. Eine weitere Gliederung erfolgt nach Zielgruppen – zum Start des Portals sind dies die Klassenstufen 7/8, 9/10 und 11/12. Sofern das Angebot angenommen wird und sich entsprechende Partner finden, ist eine Erweiterung auf die Arbeit mit Vor- und Grundschulkindern vorgesehen. Das Lehrmaterial enthält Aufgaben-­Sets mit kompletten Unterrichtseinheiten, einzelne Arbeitsblätter mit Anregungen für Hausaufgaben und Homeschooling sowie Präsentationen und Lernvideos. Unter „Extras“ wird außerdem ein Glossar angeboten, ein Methodenkoffer wird im kommenden Jahr erstellt.
 

 

Partizipation: Medienbarometer

Eine feste Kategorie ist das Medienbarometer mit Statements von Kindern und Jugendlichen zu ihrer Sicht auf Medien und auf die Themen der Dossiers: Sehen die Heranwachsenden ihre Interessen in den Medien hinreichend vertreten? Sind Jugendschutzmaßnahmen aus ihrer Sicht sinnvoll? Wann ist ein Rapper oder eine Influencerin für sie authentisch und was empfinden sie als Hate Speech? Die im Rahmen der Videofilmreihe Medienbarometer seit 2018 geführten Interviews sollen fortgeführt und um aktuelle Statements zu neuen Themen ständig erweitert werden. Eine Onlinevariante mit virtueller Videokabine und Abstimmungstool, die es einem breiteren Personenkreis ermöglicht, sich zu beteiligen, ist in Planung.
 

Partnerinnen und Partner

Der Medienradar ist ein Projekt der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF). Der Aufbau des Angebots wurde durch die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) gefördert, die sich bei einzelnen Dossiers zukünftig auch inhaltlich beteiligt. Weitere Partnerinnen und Partner sind die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM), das Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF) und die Clearingstelle Medienkompetenz der Deutschen Bischofskonferenz. Ziel ist es, das Netzwerk auszubauen und weitere Partnerinnen und Partner für das Portal zu gewinnen. Organisationen, die über fundiertes Material verfügen und ihre (Lebenswelt‑)Themen mit Medienbeispielen versehen und für Bildungsprozesse nutzbar machen möchten, sind eingeladen, sich an die FSF zu wenden.

Ab 6. November 2020 ist der Medienradar zu erreichen unter https://medienradar.de.