„Immer erst den Kopf einschalten“

Chancen und Risiken der Digitalisierung

Tilmann P. Gangloff im Gespräch mit Holger Volland

Wir sitzen im goldenen Käfig und merken es nicht einmal: Holger Volland gibt in seinem Buch Die Zukunft ist smart. Du auch? hundert Antworten auf die wichtigsten Fragen zum digitalen Alltag. tv diskurs sprach mit ihm über die Herausforderungen und Risiken der Digitalisierung. Der Transformationsexperte verdeutlicht im Interview, warum der Wandel nicht nur die Politik, sondern uns alle angeht: weil jede Nutzung sogenannter smarter Technologien ihren Preis hat.

Online seit 12.05.2021: https://tvdiskurs.de/beitrag/immer-erst-den-kopf-einschalten/

 

 

 

Herr Volland, ihr Buch trägt den Titel Die Zukunft ist smart, verbunden mit der Frage Du auch?. Warum müssen wir Nutzerinnen und Nutzer ebenfalls smart sein? Und wollen das überhaupt alle?

Es ist für jeden Menschen wichtig, sich mit den digitalen Technologien auseinanderzusetzen, denn wir sind alle davon betroffen, ob wir wollen oder nicht. Selbst meine Mutter besitzt ein Smartphone mit diversen Apps. Meine Titelfrage zielt darauf ab, dass sich kaum eine Nutzerin bzw. ein Nutzer darüber im Klaren ist, welchen potenziellen Schaden die Technologien anrichten können; oder ob die Kosten, die sie verursachen, weil zum Beispiel sämtliche Daten erfasst und verwendet werden, den Nutzen aufwiegen. Der Einsatz solcher Technologien hat immer seinen Preis, und den kennen die wenigsten.

Müssten Sie Ihre Titelfrage nicht in erster Linie an Bund und Länder richten? Die Corona-Krise hat doch deutlich vor Augen geführt, wie rückständig Deutschland in Sachen Digitalisierung ist.

Deshalb gehört es zu den wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre, die Digitalisierung zu koordinieren und voranzubringen. Dafür brauchen wir dringend ein eigenes Ministerium, weil Bund, Länder, Städte und Gemeinden bislang alle jeweils ihr eigenes Süppchen kochen. Ebenfalls überfällig ist eine digitale Bildungspolitik. In dieser Hinsicht sind manche Bundesländer bereits auf einem guten Weg, während andere noch ganz am Anfang stehen. Diese Unterschiede finden sich auch im Kleinen: Da gibt es hier eine Schule, die vorbildlich ausgestattet ist, und zwei Straßen weiter eine andere, die noch längst nicht so weit ist. Es darf aber nicht derart dem Zufall überlassen bleiben, wie viel digitale Bildung Schüler bekommen.

Laut einer Statistik des Arbeitsministeriums fallen durch die Digitalisierung 1,3 Millionen Arbeitsplätze weg; dafür werden langfristig 2,1 Millionen neu geschaffen. Ist das nicht eine Milchmädchenrechnung?

Natürlich ist es das. Der Betrachtungszeitraum der normalen Arbeitnehmerinnen und -nehmer erstreckt sich ja nicht über mehrere Jahrzehnte. Wer seinen Job verliert, weil ein Algorithmus seine Arbeit erledigt, braucht jetzt einen neuen und nicht erst in zwanzig Jahren. Außerdem können viele dieser 2,1 Millionen Arbeitsplätze schon aktuell nicht besetzt werden, weil die nötigen Fachkräfte fehlen. Der Wandel der Arbeitswelt wird die größte Herausforderung für die nächste Arbeitsministerin bzw. den nächsten Arbeitsminister darstellen. Es ist längst absehbar, dass es durch die Digitalisierung auch viele Verlierer geben wird.
 



Umsatz und Einfluss
 



Droht Deutschland angesichts dieser beiden Problemfelder – hier die Rückständigkeit bei der Digitalisierung, dort die fehlenden Fachkräfte – international abgehängt zu werden?

Diese Gefahr liegt zumindest nahe. Man muss sich bloß mal anschauen, welche Firmen und Dienstleister die Corona-Krise nutzen konnten, um Umsatz und Einfluss zu steigern: Das waren amerikanische Technologiekonzerne wie Netflix im Unterhaltungsbereich oder Amazon als Onlinehändler. Amazon schafft zwar neue Arbeitsplätze, auch in Deutschland, aber in erster Linie für Lagerarbeiten, wo ein Algorithmus den Angestellten sagt, welches Produkt sie aus welchem Regal holen sollen. Das sind nicht die Jobs, die wir uns von der Digitalisierung erhoffen.

Ihr Buch gibt hundert Antworten auf die wichtigsten Fragen zum digitalen Alltag. Welche hat sie am meisten überrascht?

Ich habe mich zum Beispiel gefragt, warum die Stimmen von Assistenzsystemen wie Alexa immer weiblich sind. Zunächst dachte ich, dass die männlichen Programmierer Frauenstimmen einfach schöner finden. Tatsächlich haben die Hersteller entsprechende Studien in Auftrag gegeben, und es stellte sich heraus, dass wir uns von weiblichen Stimmen lieber assistieren lassen; von männlichen nehmen wir lieber Befehle an. Für den Sexismus sind also nicht die Programmierer verantwortlich, sondern wir Nutzerinnen und Nutzer.

Und was hat sie am meisten schockiert?

Wie wenig es kostet, den Ruf eines Menschen vollständig zu zerstören. Wir wissen, dass über soziale Medien gefälschte Nachrichten auch über Personen verbreitet werden. In Russland und China werden solche Kampagnen mutmaßlich vom Staat gesteuert. Ich habe herausgefunden, dass man eine komplette Rufmordkampagne bereits für 50.000 Dollar bekommt. Zigtausende Likes kosten sogar bloß ein paar hundert Dollar.

Gibt es ein Beispiel, das Sie empört hat?

Ja: Ich war extrem überrascht, wie viele Informationen ein ganz normaler Fernseher sammelt, und das gilt keineswegs nur für Apparate mit Kamera und Mikrofon; das hat sich ja mittlerweile herumgesprochen. Jedes sogenannte Smart TV mit Internetzugang – und das sind mittlerweile im Grunde alle – informiert die Hersteller darüber, was die Zuschauerinnen und Zuschauer gucken, wann sie umschalten etcetera. Diese Informationen werden genutzt, um gezielte Werbung auf die Geräte zu spielen, beispielsweise für neue zahlungspflichtige Kanäle bei Amazon Prime oder für Spielfilme und Serien, die per Abo verfügbar sind. Das erklärt unter anderem, warum Fernseher immer billiger werden, obwohl ihre Leistungsstärke zunimmt: weil wir neben dem Anschaffungspreis auch mit unseren Daten zahlen.
 



Die Medien sind gefragt
 


Jede siebte Deutsche, schreiben Sie, empfindet das Tempo der Digitalisierung als zu schnell. Ist das nicht ein Durchschnittswert, der durch viele Ältere in die Höhe getrieben wird?

Sicherlich gibt es Unterschiede; neben dem Alter spielt auch die Schulbildung eine Rolle. Trotzdem finde ich diese Zahl erschreckend, denn sie zeigt, wie viel wir noch tun müssen, um alle mitzunehmen. Den Medien kommt dabei eine wichtige Rolle zu: Sie sollen weder Ängste schüren noch euphorisch über technologische Entwicklungen berichten, sondern neutral darüber aufklären, welchen Preis wir für bestimmte Anwendungen zahlen müssen und welche Möglichkeit es gibt, diesen Preis zu beeinflussen.

Welche Möglichkeiten haben wir denn? Sie haben das Beispiel Smart TV genannt. Wenn ich das vom Netz nehme, kann ich keine Mediatheken mehr nutzen.

Sie können beispielsweise die Weitergabe von Daten in den Einstellungen ablehnen, die Internetverbindung nur temporär freigeben oder das nächste Gerät von einem Hersteller mit hohen Datenschutzstandards kaufen.

Die Medienwissenschaft fordert ein Schulfach Medienbildung, in dem unter anderem das Programmieren gelehrt wird. Unterstützen Sie das?

Ja, unbedingt. Es geht beim Erlernen einer Programmiersprache nicht darum, Programmiererin bzw. Programmierer zu werden; solche Aufgaben werden in Zukunft ohnehin von Algorithmen übernommen. Das Ziel ist vielmehr, die Logik von Programmen zu verstehen, und damit kann man gar nicht früh genug anfangen.

Wappnet der Besuch eines Gymnasiums besser gegen „Fake News“ als der einer Hauptschule?

Nicht unbedingt. Es braucht vor allem gesunden Menschenverstand. Entscheidend ist, nicht alles zu glauben, was einem zugespielt wird. Vor einem Jahr bin ich selbst auf eine gefälschte Nachricht reingefallen. Es ging um eine angebliche Studie der Universität Wien, die im Zusammenhang mit Corona vor einem bestimmten Schmerzmittel warnte. Der Absender war mir bekannt, die Nachricht klang glaubwürdig. Ich habe mir in der Apotheke vorsorglich das Schmerzmittel eines anderen Herstellers besorgt, bevor es ausverkauft war. Erst dann bin ich auf die Idee gekommen, die Nachricht zu hinterfragen, und es stellte sich heraus: Eine solche Studie hat es nie gegeben. Ich appelliere daher an alle Nutzerinnen und Nutzer: Immer erst den Kopf einschalten, bevor man eine Nachricht teilt, und sie grundsätzlich nur weiterleiten, wenn man sicher kein kann, dass die Information stimmt. Wenn man das beherzigt, haben die meisten „Fake News“ keine Chance auf Verbreitung.
 



„Milch ist alle“
 


Kommen zum wir Internet der Dinge. Digitaleuphoriker schwärmen vom Kühlschrank, der mir eine Nachricht auf mein Smartphone schickt: „Milch ist alle“. Ist das Zukunftsmusik?

Keineswegs, das ist schon längst Realität. Die Ausgaben für Smart-Home-Geräte und den entsprechenden Service sind von 2019 bis 2020 von 3,7 Milliarden auf 4,4 Milliarden Euro gestiegen. Vom smarten TV-Gerät haben wir schon gesprochen, aber es gibt auch smarte Glühbirnen, smarte Staubsauger-Roboter und Türschlösser, die ich mit meinem Smartphone öffne; Assistenzsysteme wie Siri und Alexa nicht zu vergessen. 

Wie sinnvoll ist das alles?

Wenn ich zum Beispiel ein Mensch mit starker Sehbehinderung bin, dann ist ein Assistenzsystem, das mir per Sprache die Orientierung im Haus erleichtert, sehr nützlich. Natürlich sammeln auch solche Geräte Daten, aber ich bin bereit, diesen Preis zu zahlen, weil das System meine Lebensqualität erheblich steigert. Beim Saugroboter sollte die Abwägung möglicherweise anders aussehen. Damit er nicht die Legosteine meiner Kinder einsaugt, entscheide ich mich für ein Modell mit Kamera. Aber dann sollte ich mir darüber im Klaren sein, dass das Gerät alles filmen kann; nicht nur meine Einrichtung, sondern auch meine Familie. Außerdem sind viele dieser Geräte Einfallstore in unser smartes Heim. Mit Hilfe der Suchmaschine Shodan kann man nach offenen Schnittstellen im „Internet der Dinge“ suchen. Sie zeigt Bilder von Kameras in Geschäften und privaten Geräten. Über eine ungeschützte smarte Glühbirne lässt sich leicht herausfinden, wo der Standort des entsprechenden WLANs ist.

Dass Privathaushalte nicht genug für den eigenen Schutz tun, ist bekannt, und das nicht nur wegen allzu simpler Passwörter wie 1-2-3-4. Wie gut ist denn das Land geschützt? Wäre zum Beispiel eine Cyberattacke auf unsere Stromversorgung möglich?

Die Sicherheitslücke bei den Microsoft Exchange Servern Mitte März hat verdeutlicht, wie leicht es ist, in große Firmennetzwerke einzudringen. Das ganze Ausmaß wird sich erst in einigen Monaten zeigen, wenn klar ist, welche Schadsoftware eingeschleust worden ist. In der Vergangenheit waren Wasser-, Elektrizitäts- und Atomkraftwerke schon öfter Ziel solcher Angriffe.

Gibt es auch positive Entwicklungen?

Natürlich. Ich brauchte während der Arbeit an dem Buch dringend ärztlichen Rat. In Frankfurt, wo ich lebe, hätte ich wegen Corona erst mehrere Wochen später einen Termin bekommen, aber dank der Telemedizin konnte ich noch am selben Tag ein Videotelefonat mit einer Ärztin aus Düsseldorf führen; und ich bin übrigens nicht privat versichert.

Amazon weiß mehr über meine Konsumgewohnheiten als ich. Warum ist das für viele Menschen kein Problem?

Weil es unglaublich bequem ist. Nur die wenigsten machen sich bewusst, dass sie deshalb auch Geld für Dinge ausgeben, die sie gar nicht brauchen, weil sie vollkommen gläsern sind. Amazon sammelt selbstverständlich auch auf anderen Websites Informationen, was zur Folge hat, dass irgendwann kein echter Preisvergleich mehr möglich ist; dann sitzt man als Kunde im goldenen Käfig und merkt es nicht mal. Abgesehen davon ist es grundsätzlich schlecht für den Wettbewerb, wenn ein Dienstleister eine derartige Monopolstellung hat: Weniger Wettbewerb ist gleichbedeutend mit wenig Interesse an Entwicklung. Die Geschichte der Technologie hat gezeigt: Die Pioniere sind nach einer gewissen Zeit immer von Nachfolgern mit besseren Produkten abgelöst worden.
 



Auch bei WhatsApp wird’s neblig
 


Wie gut sind wir insgesamt auf die Digitalisierung vorbereitet?

Längst nicht so gut, wie wir es sein sollten. Wir nutzen deutlich mehr Technologie, verstehen sie aber immer weniger.

Gilt das nicht fürs Auto ebenfalls?

Technisch gesehen ja. Aber wir wissen, was auf uns zukommen kann, weil wir das in der Fahrschule gelernt haben. Wenn es neblig und dunkel ist, fahren wir langsamer. Bei digitalen Technologien haben die meisten Menschen keine Ahnung, wann und wo es zum Beispiel bei WhatsApp neblig und dunkel wird.

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?

In der Bildung. Durch das Corona-Jahr sind viel zu viele Bildungschancen weggefallen. Die heutigen Kinder werden das irgendwann mit ihrem Einkommen bezahlen, dafür gib es konkrete Berechnungen. Die Gesellschaft muss in dieser Hinsicht dringend aufholen. Bei den jungen Menschen sehe ich dafür das größte Potenzial, aber ausgerechnet die haben derzeit wegen der Corona-Auflagen nur beschränkte Möglichkeiten.

Wo sehen Sie die größten Chancen der Digitalisierung?

In der Industrie. Der Mittelstand hat es in den letzten Jahren erstaunlich gut geschafft, die Digitalisierung in seine Produkte zu integrieren. Die deutsche Industrie gilt international nach wie vor als leistungsfähig. Verbraucher- und Datenschutz kommen im internationalen Wettbewerb dagegen generell zu kurz. Die maßgeblich von Deutschland initiierte Datenschutzgrundverordnung ist ein internationales Erfolgsmodell, selbst die chinesischen Datenschutzrichtlinien haben zum Teil darauf zurückgegriffen. Da sehe ich große Chancen für lohnende Geschäftsmodelle.
 


 

Holger Volland: Die Zukunft ist smart. Du auch?
München 2021: Mosaik Verlag

Holger Volland gehört zur Geschäftsleitung des Wirtschaftsmagazins „brand eins“, ist Mitglied im Beirat sowohl von Z-Inspection, einer wissenschaftlichen Initiative für ethische Künstliche Intelligenz, wie auch des Sonophilia Instituts.

Tilmann P. Gangloff ist freiberuflicher Medienfachjournalist.