„Im Feindbild vereint“

Christina Heinen im Gespräch mit Pia Lamberty

Christina Heinen im Gespräch mit Pia Lamberty

Die Pandemie scheint den Verschwörungsglauben zu befeuern. Die Psychologin Pia Lamberty forscht dazu, was Menschen dazu motiviert, ungeachtet anderslautender Fakten den abstrusesten Verschwörungserzählungen anzuhängen. tv diskurs sprach mit ihr sowohl über die zugrunde liegenden Erzählstrukturen und Vorurteile als auch über den psychologischen Benefit, den der Glaube an eine Verschwörung seinen Anhängern beschert.

Printausgabe tv diskurs: 24. Jg., 3/2020 (Ausgabe 93), S. 40-43

Vollständiger Beitrag als:

Warum spielen Verschwörungstheorien in letzter Zeit eine so große Rolle? Ist das ein Merkmal von Gesellschaften in Krisen?

Krisen haben das Potenzial, den Verschwörungsglauben zu befeuern. In Situationen, in denen Menschen das Gefühl haben, keine Kontrolle zu haben, in denen sie sich machtlos fühlen, bedienen Verschwörungserzählungen Ängste und geben vermeintlich Struktur im Chaos. Man hat ein Feindbild, auf das negative Emotionen projiziert werden können, während beispielsweise das Virus eine unsichtbare Gefahr darstellt, die schwerer handhabbar scheint. Aus der Theorie lässt sich annehmen, dass der Verschwörungsglaube ansteigt während einer Pandemie. Ob Corona den Verschwörungsglauben aber wirklich befeuert, ist noch offen. Die Forschung steht hierzu noch ganz am Anfang. Zu beobachten ist nämlich gleichzeitig auch eine gegensätzliche Tendenz: Das Vertrauen in die Wissenschaft ist gestiegen. Es könnte also auch sein, dass der Verschwörungsglaube nicht zugenommen hat, sondern sichtbarer geworden ist. Oder dass es zu einer Polarisierung kommt: Im Mittel ist das Vertrauen zwar gestiegen, aber eine kleinere Gruppe könnte sich radikalisiert haben.

Verschwörungserzählungen haben also nicht unbedingt zugenommen, sondern eventuell nehmen wir sie nur stärker wahr – als Kontrast zu anderen Arten des Umgangs mit der derzeitigen Krise?

Ich würde da für den Moment noch ein Fragezeichen setzen. Es gibt erste Studien aus Deutschland, die zeigen, dass 17 % der Menschen glauben, es würde sich bei Corona um eine Lüge handeln. Ebenfalls 17 % glauben, dass Corona absichtlich im Labor gezüchtet wurde, um die Bevölkerungszahlen zu reduzieren. Ich finde, das sind keine geringen Werte.

Sind das zweimal 17 %?

Ja. Das kann aber nicht einfach aufaddiert werden, da 9 % beides glauben!

Das beschreiben Sie auch in Ihrem Buch1: Anhänger von Verschwörungserzählungen glauben nicht nur einer, sondern oftmals mehreren – und sogar solchen, die sich widersprechen.

Das ist tatsächlich ein stabiler Befund aus der Psychologie, der das erste Mal 2012 veröffentlicht wurde. Damals wurde gezeigt, dass Menschen, die glauben, dass Prinzessin Diana noch lebt, auch eher glauben, dass sie vom Geheimdienst ermordet wurde. Das zeigt sich für die heutige Krise auch. In Deutschland, den USA, aber auch in Großbritannien gibt es den Glauben an sich logisch ausschließende Verschwörungserzählungen. Das wurde damals als Beleg für Irrationalität gewertet. Mittlerweile ist die Forschung aber an einem anderen Punkt. Inzwischen geht man davon aus, dass diese Menschen glauben:

„Es muss anders sein! Ich weiß vielleicht nicht wie anders, aber so, wie ihr es mir erzählt, kann es nicht passiert sein.“

Das Misstrauen gegenüber der Wissenschaft oder dem, was etablierte Medien vertreten, ist also wichtiger als der Inhalt der Verschwörungserzählung?

Es geht um eine Vorurteilshaltung gegenüber all denen, die als mächtig wahrgenommen werden, seien es die Wissenschaft, die Medien, die Politik, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder das Robert Koch-Institut (RKI). Auch beim Antisemitismus sieht man das. Immer geht es um Gruppen, die als mächtig wahrgenommen werden und denen man alles zutraut.

Das erklärt, warum z.B. bei den sogenannten „Hygienedemos“ Menschen mit ganz unterschiedlichen Anliegen zusammenfinden.

Ja, die Menschen sind in ihrem Feindbild vereint. Das Thema „Impfungen“ bringt ja schon seit Langem linksradikale, bürgerliche und auch rechtsradikale Gruppen zusammen. Wenn wir bedenken, dass 2019 18 % an eine Impfverschwörung geglaubt haben, sehen wir, welch Mobilisierungspotenzial es da gibt.

Könnten Sie noch einmal kurz die verschiedenen Begrifflichkeiten definieren? Sie unterscheiden z.B. zwischen Verschwörungsmythos und Verschwörungserzählung?

Lange Zeit wurde von Verschwörungstheorien gesprochen. Davon rückt man nun zunehmend ab, da es sich ja gerade nicht um Theorien handelt. Bei einer Theorie würden Fakten geprüft und in dem Moment, wo klar wird, dass die Fakten nicht mit der eigenen Annahme in Einklang stehen, muss die Theorie abgeändert werden.
Bei Verschwörungserzählungen passiert das Gegenteil: Die eigenen Annahmen werden nicht den Fakten angepasst. Die Informationen werden nur noch aus der eigenen Weltsicht heraus verarbeitet. Deshalb plädiere ich für den Begriff der Verschwörungserzählung. Ergänzend finde ich den Begriff des Verschwörungsmythos wichtig. Er meint, dass es abstrakte Mythen gibt, die sich immer wieder aktualisieren und sich in konkreten Verschwörungserzählungen niederschlagen. Ein Mythos wäre z.B. die jüdische Weltverschwörung; er findet sich in Erzählungen über die Illuminaten, die Rothschilds oder auch George Soros wieder.

Haben die Verschwörungserzählungen, abgesehen von der aktuellen Situation, generell zugenommen?

Das ist schwierig einzuschätzen. Es existieren dazu wenige Langzeitstudien, da das Thema in der Vergangenheit eher nebensächlich behandelt wurde. Die Autoritarismus-Studie von Oliver Decker u.a.2, die von 2002 bis 2018 durchgeführt wurde, ist eine der wenigen, die das über längere Zeit beobachtet hat. Im Ergebnis konnte ein Anstieg des abstrakten Verschwörungsglaubens bestätigt werden.

Können Sie das näher erklären?

Setzt man sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinander, kann man sich anschauen, wie entweder die Zustimmung oder die Ablehnung zu konkreten Verschwörungserzählungen sich wandelt. Eine andere Option, das Phänomen wissenschaftlich zu greifen, ist es, den abstrakten Glauben an Verschwörungen zu erfragen und abzubilden. Bei dieser Methode werden keine konkreten Verschwörungsnarrative erfragt, sondern es wird die Zustimmung zu allgemeineren Sätzen wie: „Die da oben machen doch, was sie wollen“ oder: „Politiker sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte“ eruiert. Es wird also die generelle Ablehnung von all denen, die als mächtig wahrgenommen werden, erfragt. Das ist mit abstraktem Verschwörungsglauben gemeint.

Was ist der Benefit, wenn man glaubt, man habe als eine oder einer von wenigen begriffen, dass „die da oben mit uns machen, was sie wollen“?

Menschen, die ein starkes Bedürfnis haben, sich einzigartig zu fühlen, glauben stärker an Verschwörungen, weil sie dann die sind, die über eine Art Geheimwissen verfügen. Sie meinen, sie sähen die Wahrheit, während die anderen in dieser Logik nur naive Schlafschafe sind oder eben gleich als Teil der Verschwörung markiert werden. Spannend ist, dass Menschen, die von vornherein eine starke Verschwörungsmentalität haben, also eine Tendenz, an Verschwörungen zu glauben, der Verschwörungserzählung mehr Glauben schenken, wenn sie nur von einer Minderheit gestützt wird. Ich denke, das ist wichtig, um zu verstehen, wie mit Informationen umgegangen wird. Es ist nicht so, dass diese Menschen nicht in der Lage sind, Fakten zu verstehen, sondern der Verschwörungsglaube ist wichtig für die eigene Identität.

Ist das der Grund, warum es nicht einfach ist, den Verschwörungsglauben zu zerstreuen?

Die Kombination aus der Ablehnung von Eliten und dem Bedürfnis, sich zu überhöhen, macht es unglaublich schwierig, dagegen zu argumentieren. Man würde die Funktion, die die Verschwörungserzählung für die Person hat, angreifen. Und damit die Person selbst.

Ist es überhaupt möglich, mit Menschen zu diskutieren, die einer Verschwörungserzählung anhängen? Oder anders gefragt: Wie sollte man mit ihnen reden?

Hier würde ich klar trennen zwischen einer Diskussion online und einer im persönlichen Umfeld. Online wird man vermutlich niemanden vom Gegenteil überzeugen können. Man könnte aber versuchen, problematische Botschaften einzuordnen, damit Menschen, die mitlesen, den Sachverhalt vielleicht besser verstehen. Im Privaten sehe ich eher die Chance, darauf einzuwirken. Das sollte möglichst früh versucht werden und nicht erst, wenn die Ideologie ausgebildet ist. Dabei ist es enorm wichtig, ruhig zu bleiben und nach der Funktion zu suchen, die die Verschwörungserzählung für die Person hat. Also: Wofür dient der Verschwörungsglaube als Kompensation? Daher würde ich eher generelle Fragen stellen wie: Wenn Corona nur ausgedacht ist, warum beschäftigen sich dann so viele Wissenschaftler damit? Warum sollte das Virus zur Bevölkerungsreduktion eingesetzt werden? Oder: Welchen Profit hätte die Bundesregierung davon, wenn die gesamte Wirtschaft einbricht? In der Beantwortung dieser Fragen muss die Person, die daran glaubt, die eigene Logik hinterfragen und kommt damit vielleicht selbst zu dem Schluss, dass die gezogenen Zusammenhänge so nicht stimmen können.

Welche Rolle spielen soziale Medien bei der Verbreitung von Verschwörungserzählungen?

Auch hier gibt es leider keine Langzeitdaten. Ich denke, dass soziale Medien aber einen Einfluss haben, da bereits eine einmalige Konfrontation mit einer Verschwörungserzählung dazu führt, dass Menschen misstrauischer werden. Außerdem vermute ich, dass soziale Medien Verschwörungserzählungen noch mehr internationalisiert haben. Aber ich möchte betonen: Die sozialen Medien haben das Problem natürlich nicht erschaffen. Verschwörungserzählungen begleiten uns vielmehr durch die gesamte Menschheitsgeschichte. In der Psychologie geht man mittlerweile sogar davon aus, dass es eine evolutionäre Grundlage für den Verschwörungsglauben gibt.

Wenn man an den Fall „Edward Snowden“ denkt, dann können Verschwörungserzählungen durchaus einen Wahrheitsgehalt haben. Wo verläuft die Grenze zwischen gesundem Misstrauen und Verschwörungsglauben?

In meiner Forschung beschäftige ich mich weniger mit dem Wahrheitsgehalt als mit der Frage: Was macht das mit Menschen, wenn sie überall Verschwörungen sehen? Man muss vorsichtig sein, was man in dieser Debatte als Verschwörungserzählung markiert. Am Wahrheitsgehalt kann man das nicht festmachen. Wenn jemand sagt: „Das Virus ist nicht schlimmer als eine Grippe“, dann ist das, soweit ich das beurteilen kann, nicht richtig, aber es ist noch keine Verschwörungserzählung. Das wäre eher eine Desinformation. Es fehlt die Annahme, dass es Mächte gibt, die im Geheimen einen finsteren Plan haben.

Wenn man also sagen würde: „Ich glaube, das Virus kommt aus einem Labor und ist infolge eines Unfalls in der Forschung an Biowaffen ausgetreten“ – dann wäre das keine Verschwörungserzählung, weil das Motiv der Mächtigen mit dem Plan fehlt?

Ja, richtig. Diese Intention muss immer dabei sein.

Spielt das Alter beim Verschwörungsglauben eine Rolle?

Nein, jüngere Studien belegen, dass das nicht der Fall ist. Ebenso wenig gibt es Ost-West-Unterschiede und auch der Migrationshintergrund spielt keine Rolle. Was einen Unterschied macht, ist das Geschlecht: Männer glauben mehr an Verschwörungserzählungen als Frauen. Und Menschen mit einer niedrigeren Bildung glauben stärker an Verschwörungen als Menschen mit einer höheren Schulbildung. Dabei geht es aber nicht um eine vermeintlich niedrigere Intelligenz, sondern Menschen mit niedrigerem Bildungsstatus fühlen sich stärker von der Gesellschaft ausgeschlossen und haben das Gefühl, dass ihre Stimme nicht relevant ist. Für diesen gefühlten Kontroll- und Machtverlust ist der Glaube an Verschwörung eine Kompensation.

Sollten wir Verschwörungserzählungen generell ernst nehmen? Manches klingt so absurd …

Der abstrakte Verschwörungsglaube geht mit einer stärkeren Affinität zu Gewalt und einer stärkeren Legitimation von Gewalt einher. Das sind Menschen, die weniger wählen gehen, sich weniger demokratischen Mitteln der Meinungsäußerung bedienen. Stattdessen legitimieren sie gewalttätige politische Optionen, um ihr Ziel zu erreichen. Die letzten Terroranschläge aus dem rechtsextremen Spektrum wurden fast alle über Verschwörungserzählungen legitimiert. Das ist kein neues Phänomen.

Extremistische Gruppen nutzen Verschwörungserzählungen seit jeher, um ihre politischen Ziele zu verfolgen. Und da der Feind in dieser Logik absolut böse ist, sind die Menschen, die an die Verschwörung glauben, das absolut Gute.

Man immunisiert sich vollständig gegenüber Kritik. Jeder, der Kritik äußert, wird als naiv abgestempelt oder als Teil der Verschwörung markiert. Verschwörungsglaube ist also kein Spleen! Stattdessen haben wir es mit einem Phänomen zu tun, das Menschen in ihrem Feindbild vereint, die unter Umständen nicht vor Gewalt zurückschrecken.
 

Anmerkungen:

1) Nocun, K./Lamberty, P.: Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Köln 2020

2) Decker, O./Brähler, E. (Hrsg.): Flucht ins Autoritäre. Rechtsextreme Dynamiken in der Mitte der Gesellschaft. Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2018. Gießen 2018

Pia Lamberty, M.Sc. promoviert zur Rolle von Verschwörungstheorien in Radikalisierungsprozessen an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Christina Heinen ist Hauptamtliche Vorsitzende in den Prüfausschüssen der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF).