„Große Hinwendung zum Kind“

Fachtagung zum Kinderfilm der DEFA

Barbara Weinert im Gespräch mit Steffi Ebert

In der DDR spielte die Kinderfilmproduktion der Deutschen Film AG (DEFA) eine wichtige Rolle. Von 1953 bis 1990 entstanden knapp 200 Kinderfilme, immerhin ein Fünftel der gesamten Kinofilmproduktion der DEFA. Heute sind diese Filme nicht nur Erinnerungen an eine vergangene Kindheit, sondern auch kulturelle Zeugnisse einer nachwirkenden Gesellschaft. Wissenschaftlich ist das Thema bislang noch wenig bearbeitet worden. Vor diesem Hintergrund fand vom 6. bis 8. Februar 2019 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) eine Tagung zum DEFA-Kinderfilm statt, in deren Rahmen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen zusammenkamen, um sich zu dem Thema auszutauschen. tv diskurs sprach im Vorfeld mit der Organisatorin Dr. Steffi Ebert, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Medien und Kommunikation an der MLU tätig ist.

Online seit 04.02.2019: https://tvdiskurs.de/beitrag/grosse-hinwendung-zum-kind/

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Welches Forschungsinteresse steht hinter der Tagung? Was ist das Ziel?

Zusammengefasst ist es das Ziel der Tagung, die Kinderfilme der DEFA in ihrer Geschichte differenziert zu erfassen und nach ihrer aktuellen Bedeutung für die Gesellschaft und ihrer Perspektive auf Kindheit zu fragen. Zu den Kinderfilmen gibt es schon einige Publikationen. Ingelore König, Dieter Wiedemann und Lothar Wolf haben 1997 beispielsweise gemeinsam das Buch Zwischen Marx und Muck: DEFA – Filme für Kinder herausgegeben, das einen sehr guten Überblick bietet. Es gibt jedoch noch viele Forschungslücken, was spezielle Themenbereiche angeht, die weiter in die Tiefe gehen. Hier wollen wir ansetzen. Dabei beschäftigen wir uns unter anderem mit folgenden Fragen: Welche ästhetischen Strategien kann man unterscheiden und wie sehen diese aus? Was kann der Kinderfilm über die jeweilige Beschaffenheit der Gesellschaft sagen? Wie vermittelte der Kinderfilm Werte? Zudem geht es auch darum, herauszufinden, welche Aspekte des DEFA-Kinderfilms Vorbild für heutige bildungs- und kulturpolitische sowie ästhetische Entwicklungen und gesellschaftliche Diskurse sein können.

Die DEFA hat knapp 200 Kinderfilme produziert. Offenbar kam ihnen also ein großer Stellenwert zu. Wie lässt sich das erklären?

Das hat sicher etwas mit dem Stellenwert der Kinder in der DDR zu tun, der per se und auch politisch sehr hoch verortet war. Kinder, Kindererziehung und ‑bildung waren programmatisch mit in der Politik eingebunden. Deshalb erachtete man es nicht nur als wichtig, die Kinder filmästhetisch zu bilden, sondern mit Medien auch politisch Einfluss auf die Entwicklung der Kinder zu nehmen. Genau in diesem Spannungsfeld befanden sich auch die Filmemacherinnen und ‑macher. Einerseits konnten sie ganz persönliche, ästhetische Wege entwickeln, um filmisch mit Kindern umzugehen. Andererseits waren sie immer auch politisch in den Dienst genommen.

Kinderfilme wurden von staatlicher Seite also in erster Linie als ein kulturelles Erziehungsmedium gesehen?

Ja, durchaus. Der Einfluss reichte tatsächlich bis hin zu minutiösen Eingriffen ins Filmmaterial. Ein gutes Beispiel dafür ist der Film Alfons Zitterbacke aus dem Jahr 1966, den wir im Rahmen der Tagung auch in einer Kinderfilmvorführung mit anschließendem Filmgespräch zeigen werden. Die Originalfassung des Regisseurs Konrad Petzold bekam die Öffentlichkeit nie zu sehen, denn einige Teile waren der Zensur zum Opfer gefallen. Da das geschnittene Material heute nicht mehr auffindbar ist, lässt sich auch nicht rekonstruieren, wie der Film ursprünglich ausgesehen hat. Die Zensur war damals auch ein Aushängeschild für das, was gerade politisch gewollt war. Gleichzeitig gibt es jedoch immer auch versteckte Hinweise auf den Umgang mit Kindern in der jeweiligen Zeit. Diese gilt es, wie ein Archäologe herauszuarbeiten.
 


Welches Bild von Kindern und Kindheit hatte man in der DDR denn ganz konkret?

Pauschal kann man das gar nicht sagen, weil es sich immer wieder verändert hat. In den 1950er-Jahren ist den Kindern durchaus sehr viel Autorität im Sinne einer großen Eigenständigkeit zugesprochen worden. Sie konnten sich aktiv einbringen und durften viele Dinge selbst entscheiden. Anfang der 1960er-Jahre hat man dann begonnen, Kinder über die audio­visuellen Medien mit Propaganda zu befeuern. Hier waren wellenartige Annäherungen und Abstoßbewegungen zwischen den Filmemacherinnen und ‑machern und dem, was politisch gewollt war, zu beobachten. Ab Anfang der 1970er-Jahre war ganz klar, dass Kinder zwar einerseits eigenständige Persönlichkeiten sind, aber andererseits unbedingt im Sinne des Systems erzogen und gebildet werden müssen. Dafür mussten sie in staatliche Institutionen gehen, weil es diese Bildung sozusagen nur dort gab. Eine Bewegung in die andere Richtung gab es dann Anfang der 1980er-Jahre, als ein Psychologe in einem Aufsatz schrieb, dass den Kindern nichts Gutes getan wird, wenn sie schon in sehr jungem Alter aus den Familien herausgelöst werden und die Betreuung, auch die emotionale, völlig den staatlichen Institutionen überlassen wird. Ein spannender Punkt, denn in einigen Kinderfilmen der 1980er-Jahre wird genau diese Einsamkeit dargestellt: Die Kinder sind zwar in ihrer Familie, aber ihre Eltern sind so mit der Arbeit oder den Aufgaben des Alltags beschäftigt, dass sie für die Kinder als verlässliche Ansprechpartner verloren gehen. 

Kommen wir nochmal kurz auf Alfons Zitterbacke zurück. Für all diejenigen, die den Film nicht kennen: Worum geht es eigentlich und warum haben Sie gerade diesen Film für die Tagung ausgesucht?

Alfons Zitterbacke war als literarische Figur in der DDR schon sehr beliebt, bevor die Geschichte überhaupt verfilmt wurde. Alfons ist ein Lausejunge, der erstmal sehr darunter leidet, dass er Zitterbacke heißt, denn die anderen Kinder rufen immer: „Zitterbacke Hühnerkacke!“ Zudem baut er einfach viel Blödsinn bzw. muss man vielleicht treffender sagen passieren ihm viele dumme Dinge, die er eigentlich gar nicht beabsichtigt. Ein bisschen ist seine Figur mit Michel aus Lönneberga vergleichbar. Alfons Zitterbacke wurde jetzt neu verfilmt und kommt dieses Jahr in die Kinos. Deshalb bietet es sich geradezu an, einen Blick darauf zu werfen: Wie war das damals 1966 in der DDR und wie sehen die Dinge heute aus?
 


Beleuchten wir die Seite der Filmschaffenden: Wie konnte ein Spagat zwischen den Erwartungen der staatlichen Führung und dem eigenen filmästhetischen Anspruch gelingen?

Auch hier, glaube ich, ist eine pauschale Antwort nur sehr schwer möglich. Zum einen war das stark von der jeweils herrschenden politischen Großwetterlage in der DDR abhängig, zum anderen natürlich auch von den biografischen und künstlerischen Hintergründen und Lebenssituationen der jeweiligen Regisseure und Akteure. Was sie aus meiner Perspektive alle eint, ist eine ganz große Hinwendung zum Kind. Einfach auch weil der wirtschaftliche Faktor in der DDR nicht so eine wichtige Rolle spielte, war das Erzählen mit Kindern in der Hauptsache für Kinder, um ihnen dadurch nah zu sein, ganz zentral.

Gibt es Filmfiguren oder auch Filme, die damals nicht nur in der DDR, sondern auch in die BRD bekannt geworden sind?

Im Kinderfilmbereich wäre mir nichts bekannt und meines Wissens wurde da für den DEFA-Kinderfilm auch nicht weiter geforscht. Ebenso gibt es die Zuschauer betreffend noch große Forschungslücken. Hier muss man vielleicht einfügen, dass der Kinderfilm in der BRD als eigenes Genre in den 1960er-Jahren praktisch nicht existent war, während die 1960er- und 1970er-Jahre in der DDR zu den Hochproduktionszeiten von Kinderfilmen gehörten. In den Jahren seit der Wende können wir sicherlich eine gewisse Nostalgie erkennen, denken wir zum Beispiel an den Märchenfilm Drei Haselnüsse für Aschenbrödel.

Was passierte nach 1990 mit der DEFA-Kinderfilmproduktion?

Wie der Rest der DEFA wurde auch die Abteilung Kinderfilm aufgelöst. Einige der Regisseure waren schon in dem Alter, in dem sie langsam Richtung Rente gingen. Den meisten von ihnen drohte nach der Wende zudem die Bedeutungslosigkeit, obwohl sie, was den DDR-Kinderfilm betraf, einst ziemlich bedeutsam waren.

Auch weil ihnen eine gewisse Systemnähe unterstellt wurde?

Aus meiner Sicht haben diejenigen eine schwierige Position, die im DDR-System gelebt und sich darin auch verwirklicht haben: Bis heute müssen sie sich mehr oder weniger dafür verteidigen, dass sie nicht aus dem System ausgestiegen sind. Wie eben auch all jene Kunstschaffenden, die in der DDR geblieben sind und versucht haben, innerhalb des Systems kreativ und ästhetisch wirksam und tätig zu sein. Natürlich macht das auch was mit dem eigenen Lebenswerk, wenn man immer erstmal über die Schwelle dieses Vorwurfs springen muss und sich in einer Verteidigungsposition befindet. Für mich als Wissenschaftlerin ist zum Beispiel viel mehr die Frage von Interesse, ob sich da vielleicht in einer Art Nussschale eine eigene Ästhetik entwickelt hat? Ich glaube, ja. Eine langsamere Erzählweise etwa, die Kindern ästhetisch viel zutraut und daran glaubt, dass sie auch zwischen den Zeilen lesen können.

Lassen sich konkrete Einflüsse der DDR-Kinderfilmästhetik auf Kinderfilmproduktionen der Nachwendezeit ausmachen?

Ich glaube, die Kinderfilme der DDR hatten gar keinen Einfluss auf das, was danach produziert wurde. Bedauerlicherweise. Es gibt ein paar Leute, wie etwa Bernd Sahling, der zu DDR-Zeiten Regieassistent im Kinderfilmbereich war und nach der Wende eigene Filme gemacht und damit das Erbe weitergetragen hat. Aber eine große Wertschätzung der Kinderfilmproduktionen hat es im größeren Stil leider nicht gegeben.

Sie hatten bereits den Märchenfilm Drei Haselnüsse für Aschenbrödel erwähnt, der heute ein Kultfilm und ein fester Bestandteil des Weihnachtsprogramms ist. Was macht den Film so beliebt?

Vielleicht ist es die konsequente Illusion, diese Kompromisslosigkeit des Märchenerzählens für Erwachsene, die absolut auf die Emotionen drückt. Es ist ja tatsächlich ein Märchen, das mehr die Erwachsenen als die Kinder schauen. In dem Film ist nichts modern oder aktuell. Da ist überhaupt nichts in irgendeiner Weise zeitgenössisch gewendet, sondern es ist der Eskapismus: Hier muss ich nicht über mich und mein Leben nachdenken, sondern darf einfach nur auf dieser Insel der Märchenwelt sein. Im Rahmen der Tagung haben wir drei Vorträge, die sich mit dem Thema beschäftigen. Ich bin schon sehr gespannt darauf.
 

Dr. Steffi Ebert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Department für Medien- und Kommunikation an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Barbara Weinert war langjähriges Mitglied der tv-diskurs-Redaktion. Aktuell arbeitet sie im Bereich „Wissenschaftskommunikation“ an der Universität Passau.