„Du kannst aber gut Deutsch!“

Wie Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund Rassismus im Alltag erleben

Tilmann P. Gangloff

Tilmann P. Gangloff ist freiberuflicher Medienfachjournalist.

Wirklich überraschend sind die Zahlen nicht, alarmierend sind sie trotzdem: Die meisten Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund erleben hierzulande regelmäßig Momente, die sie als diskriminierend empfinden; und je dunkler die Hautfarbe, desto alltäglicher ist der Rassismus. Eine Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) ist diesem Missstand auf den Grund gegangen. Die Erkenntnisse sind in die Drehbücher für die KiKA-Reihe Moooment! eingeflossen.

Online seit 09.11.2021: https://tvdiskurs.de/beitrag/du-kannst-aber-gut-deutsch-beitrag-772/

 

 

 

Die Ergebnisse einer Befragung von über 1.400 Kindern und Jugendlichen zeigen, wie sich der Alltagsrassismus äußert und welche Folgen Ausgrenzungserfahrungen und Beschimpfungen für die Betroffenen haben. Die wichtigste Erkenntnis bezieht sich womöglich auf sogenannte Mikroaggressionen. Das sind Fragen wie „Wo kommst du her?“ oder Komplimente wie „Du kannst aber gut Deutsch!“, die nicht böse gemeint sind, aber implizit eine diskriminierende Botschaft beinhalten:

Eigentlich gehörst du gar nicht hierher.“

Dieses Konzept des „Otherings“ lässt sich in der Philosophie auf Georg Wilhelm Friedrich Hegel zurückführen, der dem Thema „Herrschaft und Knechtschaft“ in seiner Phänomenologie des Geistes (1807) ein eigenes Kapitel gewidmet hat: Eine dominante Gruppe grenzt die weniger mächtigen Gruppen als „nicht zugehörig“ aus.

Bei Menschen mit Zuwanderungsgeschichte äußert sich dies unter anderem in Alltagsrassismus. Der Begriff, heißt es in der Studie, „beschreibt das wiederkehrende und normalisierte Erleben von Rassismus eingebettet in alltägliche Routinen und Praktiken“ (Götz 2021, S. 11). Die Differenzierung zwischen der Eigengruppe und der Fremdgruppe zeigt sich nicht zuletzt in Vorurteilen: Die Mitglieder der „Ingroup“ werden als heterogen wahrgenommen. Die „Outgroup“, der zudem überwiegend negativ besetzte Stereotype zugewiesen werden, erscheint dagegen als homogen.
 

Hilflos und verletzt

Die Fallstudien verdeutlichen, wie hilflos und einsam sich die Kinder fühlen, wenn sie Diskriminierungen erleben; und wie sehr solche Erlebnisse sie verletzen. Es geht dabei ausdrücklich nicht um extreme Ereignisse, die es natürlich auch gibt, sondern um subtile Formen von Rassismus, die sich ständig wiederholen.

Der zwölfjährige Malik zum Beispiel, in Deutschland geborener Sohn eines türkischen Vaters, berichtet, dass er im Unterricht regelmäßig nach türkischen Traditionen befragt wird; und zwar von den Lehrkräften, die ihn offenbar für einen „Türkei-Experten“ halten. Malik fürchtet, dass ihn die anderen Kinder deshalb für „weniger deutsch“ halten könnten.

Wasilij ist zwölf, er ist in Deutschland geboren; seine Mutter stammt aus Kasachstan, sein Vater aus Russland. Er bekommt öfter zu hören, dass er wieder in das Land zurückgehen soll, aus dem er gekommen sei. Seine Eltern werden als Wodka saufende Alkoholiker beschimpft. Er wird regelmäßig auch körperlich attackiert.

Bei der zwölfjährigen Saira hat die Diskriminierung einen gut sichtbaren religiösen Hintergrund: Seit der fünften Klasse trägt die in Deutschland geborene Tochter pakistanischer Eltern einen Hijab, ein Kopftuch, das nur das Gesicht freilässt. Seither wird sie deutlich häufiger als fremd wahrgenommen, was sich in Blicken und Bemerkungen wie „Ausländer raus“ äußert. In der Schule sind die Lehrkräfte immer wieder überrascht, wie gut ihr Deutsch ist. Die Studie zitiert ältere Mädchen, die in den Interviews berichtet haben, dass sie wegen des Kopftuchs als Islamistin bezeichnet würden und hinter den Herd und nicht in die Schule gehörten.

Fayola ist zehn, ihre Eltern stammen aus Nigeria, dort ist sie auch zur Welt gekommen. Sie hat oft das Gefühl, dass andere sie wegen ihrer dunklen Hautfarbe als fremd wahrnehmen. Sie ärgert sich regelmäßig darüber, dass Afrika nicht als Kontinent betrachtet wird, der aus vielen einzelnen und völlig unterschiedlichen Staaten besteht. Die meisten Rassismuserfahrungen macht sie in der Schule, offenbar ohnehin ein Ort, an dem gerade Kinder und Jugendliche mit dunkler Hautfarbe häufig Diskriminierungen bis hin zum Mobbing erleben; oder auf dem Heimweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie beschreibt ein Beispiel, das gut nachvollziehen lässt, wie sich das anfühlt: Einmal habe sie sich neben eine Frau gesetzt, die daraufhin aufgestanden sei und den Platz gewechselt habe.
 

Braun und trotzdem aus Berlin

Die achtjährige Aminata ist gebürtige Berlinerin, ihr Vater stammt aus Gambia, ihre Mutter ist Kurdin. Aminata bezeichnet sich selbst als „Afro-Deutsch mit der Hautfarbe Braun“ (ebd., S. 72). Sie hat von klein auf in Kita und Schule Ausgrenzungen erfahren, wie sie erzählt: Sie durfte nicht mitspielen, weil sie braun ist, wurde als „schwarze Pest“ beleidigt oder aufgefordert, sich zu waschen. Das mache sie traurig, sagt sie, weil sie nicht wisse, wie sie in solchen Momenten reagieren soll. Wenn sie gefragt wird, wo sie herkomme, antwortet sie: „aus Berlin“. Auf die Nachfrage, wieso sie denn dann braun sei, entgegnet sie:

Nur weil ich braun bin, heißt es nicht, dass ich nicht aus Berlin kommen kann“ (ebd.).

Andere Kinder mit afrikanischen Wurzeln sind als „Scheißneger“ und „Sklave“ bezeichnet oder aufgefordert worden, „in den Busch“ zurückzugehen. Der zwölfjährige Gabriel – seine Eltern sind Einwanderer aus Sierra Leone – ist bereits zweimal von anderen Schülern mit einem Messer angegriffen worden.

Im Rahmen der Studie gibt es unter anderem ein Interview mit Diana-Sandrine Kunis, Mitbegründerin des Münchner Social Justice Instituts. Unter der Überschrift „Was Weiße lernen müssen“ führt sie aus, warum Mikroaggressionen rassistisch und auch scheinbar harmlose Fragen etwa nach der Familiengeschichte eine Grenzüberschreitung sind. Ihr krasser Vergleich:

Ich frage ja auch nicht im Smalltalk ‚Hat dein Großvater in der SS gedient?’“ (ebd., S. 132).

Die Erlebnisse von Rassismus gingen auch einher „mit der Sorge und Angst vor Gewalt“ sowie einer Einschränkung im öffentlichen Raum: „Es sind nicht nur Worte, es kann ja tatsächlich auch körperlich und lebensbedrohlich werden“ (ebd., S. 133).

Die Gesellschaft müsse sich damit auseinandersetzen, „dass wir in rassistischen und diskriminierenden Strukturen leben“ und dass die derzeitigen politischen Konzepte „nicht greifen und unserer Gesellschaft nicht gerecht werden“ (ebd, S. 135). Kunis fordert daher, dass Diskriminierungs- und Rassismuskritik Teil der pädagogischen Ausbildung sein sollten. Zu dieser Schlussfolgerung kommt auch die Studie:

Es bedarf dringend mehr und vor allem flächendeckende Fortbildungen für Lehrkräfte sowie Materialen, evaluierte Medien und Unterrichtseinheiten im Sinne der antirassistischen Pädagogik“ (ebd. S. 144).


Rassistisches Handeln sichtbar machen

Viele der von den Kindern geschilderten Erlebnisse sind in die Drehbücher zu Moooment! eingeflossen. Die fünfteilige KiKA-Reihe bedient sich populärer TV-Formate, um Diskriminierungen im Alltag zu entlarven. In einer Hinsicht weichen die Geschichten allerdings deutlich von der Studie ab: Im wirklichen Leben stammen 70 % der Beleidigungen von anderen Kindern und Jugendlichen; in Moooment! sind die Antagonisten jedoch ausschließlich Erwachsene.

IZI-Leiterin Maya Götz, die als Fachberaterin an der Reihe beteiligt war, sagt dazu, das Format solle rassistisches Handeln sichtbar machen sowie Kinder und junge Jugendliche sensibilisieren; Ziel sei es, Grundlagenwissen sowie antirassistische Handlungsoptionen zu vermitteln und Rassismus entgegenzuwirken. Gingen die rassistischen Handlungen von Kindern und Jugendlichen aus, würden sich viele Mitglieder der Zielgruppe jedoch als Täterinnen oder Täter erkennen und abschalten. Zurück blieben Aggression oder Scham. Eine Rezeptionsstudie habe ergeben, dass sich die Einstellungen vieler Kinder durch Moooment! tatsächlich zum Positiven verändert hätten. Götz fordert von den TV-Sendern, dass sie grundsätzlich „die Vielfalt der Gesellschaft besser abbilden, Menschen mit Zuwanderungsgeschichte stärker in alle Positionen der Medienproduktion einbeziehen sowie Klischees und Stereotype vermeiden.“
 

MOOOMENT! - 1. Rassismusfreie Schule | Mehr auf KiKA.de (KiKA, 27.10.2021)


 

Die Ergebnisse der IZI-Studie

Im Rahmen der Untersuchung sind 1.461 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 19 Jahren befragt worden. Darüber hinaus wurden 22 Tiefeninterviews mit Acht- bis Zwölfjährigen geführt.
70 % der Befragten haben bereits Alltagsrassismus erfahren; Kinder mit dunkler Hautfarbe gar zu 100 %. Die häufigsten Formen von Alltagsrassismus sind Fragen wie „Wo kommst du denn eigentlich wirklich her?“, Witze und Vorurteile über das Herkunftsland der Familie sowie die als Kompliment gemeinte Aussage „Du kannst aber gut Deutsch“. Den Satz empfinden die Betroffenen, wenn überhaupt, nur in der Grundschule als Lob.
Mit dem Alter nimmt die Erfahrung von Alltagsrassismus zu. 90 % der Kinder mit dunkler Hautfarbe haben das Gefühl, als fremd, ausländisch oder anders wahrgenommen zu werden. 70 % von ihnen haben schon mal den Satz „Du bist hässlich“ gehört, ebenso häufig die Aufforderung, sie sollten in das Land zurückkehren, aus dem sie gekommen seien. Die Bitte, ihre Haare anfassen zu dürfen, gehört ebenfalls zum Alltag von Kindern mit afrikanischen Wurzeln und wird von den Betroffenen einhellig als unangenehm empfunden.
Insgesamt haben 39 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Je dunkler ihre Hautfarbe ist, desto weniger fühlen sie sich im Fernsehen angemessen repräsentiert.