Digitales und Aktivismus – eine neue Generation der Tatkräftigen

Eva Maria Lütticke

Eva Maria Lütticke studiert Medienwissenschaft an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF.

Jährlich zeichnet der Grimme Online Award besonders gelungene Inhalte im Internet aus. 2019 hat in der Kategorie „Spezial“ ein Beitrag gewonnen, der von Jugendlichen für Jugendliche konzipiert und umgesetzt wird: die Teenageinternetwork Convention, kurz TINCON. Angelehnt an die re:publica bringt sie junge Menschen zusammen, um über relevante (digitale)Themen zu diskutieren.

Online seit 13.09.2019: https://tvdiskurs.de/beitrag/digitales-und-aktivismus-eine-neue-generation-der-tatkraeftigen/

Vollständiger Beitrag als:

Die Idee zur TINCON hatten Tanja Haeusler und ihr Mann Johnny gemeinsam mit ihren zwei Söhnen. Das Ehepaar hat maßgeblich die größte Medienmesse Europas, die re:publica, mit aufgebaut. Mit Digitalem kennt sich das Paar also aus. Nicht nur auf der Messe, sondern auch zu Hause am Esszimmertisch wurde viel über digitale Themen diskutiert. Dass die beiden Söhne im Teenageralter ganz andere Fragen und Probleme bewegten und sie auch einen ganz anderen Zugang zur Onlinewelt hatten als die älteren Generationen, setzte den Ideenfunken, eine Convention für junge Menschen ins Leben zu rufen. Von Beginn an war klar, dass die Jugendlichen selbst die Themen setzen sowie die Messe planen und organisieren würden. Erwachsene sollten das Projekt lediglich begleiten. Das war 2016.


Guten Tag, wir sind die TINCON!

Heute veranstaltet die gemeinnützige TINCON e.V. Gesellschaftskonferenzen für Menschen zwischen 13 und 21 Jahren. Dabei gilt es vor allem, inklusiv zu sein, nicht zu einem Publikum zu sprechen, sondern mit ihm zu diskutieren. Themen wie Künstliche Intelligenz (KI), Netzpolitik, Umweltaktivismus, Storytelling, Bildung und Gaming finden dort einen Diskussionsraum.
 


Organisiert wird das Ganze von einem Verein, zu deren stimmberechtigen Mitgliedern „ebenso viele Erwachsene wie Jugendliche unter 18 Jahren und genauso viele weibliche wie männliche Mitglieder“ zählen (vgl. tincon.org). Und jeder kann Mitglied werden. Ob auf oder vor der Bühne, letztendlich ist die TINCON ein Projekt, das Jugendliche motiviert, inspiriert und dazu befähigt, die vernetzte Gesellschaft aktiv mitzugestalten.
 

Gesellschaftsrelevante Themen sind Themen der Jugend

2019 fand die TINCON das erste Mal im Rahmen der re:publica statt. Unter dem Motto „re:publica Next Generation“ gab es neben einer digitalen Berufsmesse jede Menge Workshops und Panels mit Jugendlichen, darunter YouTuber, Netzaktivisten und ‑bekanntheiten wie Autorin Sophie Passmann, Satiriker Nico Semsrott und Umweltaktivistin Luisa Neubauer. Obwohl die Convention viele Themen abdecken soll, ergibt sich doch immer ein Hauptanliegen. 2017 war es „Transgender und Identität“, 2018 „Mental Health“, und dieses Jahr war „Aktivismus“ ein viel diskutiertes Thema. Mit Fridays for Future als die größte Jugendbewegung seit Generationen ist es nur logisch, dass auch bei der TINCON Politik und gesellschaftliches Engagement eine zunehmende Rolle spielen. Die gemeinsame Zukunft ist eben nicht nur eine digitale, sondern eine Umweltfrage. Und die Rahmenbedingungen dafür entstehen in der Politik.
 


Die Welt verändern und nicht nur darüber reden

Was die TINCON und die Jugendprotestbewegung Fridays for Future gemeinsam haben? Zukunftsvisionen sind nicht nur Teil der Gespräche, sondern werden aktiv umgesetzt: mit Protesten, Engagement in Ehrenämtern, dem Umdenken im eigenen Konsumverhalten. Die Jugendlichen sehen sich als Individuen und als Teil einer Gesellschaft, deren Verantwortung es ist, nachhaltig zu agieren und ethisch zu handeln. Wenn KI, Programmierkurse und ethische Fragen zu Veganismus, Tierwohl und Plastikverbrauch gleich viel Interesse erzeugen, besteht die Hoffnung, dass diese junge Generation von Tatkräftigen bereit ist, Lösungen für die großen Probleme unserer Zeit zu finden. Das gelingt jedoch nur, wenn wir als Gesellschaft diese Bewegungen aktiv unterstützen, fördern und bei politischen Entscheidungen miteinbeziehen.
 

Grimme Online Award 2019
 


Ohne das Internet gäbe es die TINCON nicht. Die Jugendlichen sehen das Netz als einen selbstverständlichen Lebensraum, der es ihnen ermöglicht, kreativ in Interaktion zu treten, Content zu produzieren, zu publizieren und schließlich durch Live-Events die Formatgrenzen zu verwischen. Die siebenköpfige Jury des Grimme Online Awards hat dies mit dem Preis in der Kategorie „Spezial“ ausgezeichnet. Damit konnte sich die TINCON gegen das Projekt OpenSCHUFA durchsetzen, das durch „Datenspenden“ die Mechanismen und Auswertungskriterien der Schufa offenlegt. Besonders lobenswert honoriert die Jury in ihrer Begründung die Begegnung der Jugendlichen und Erwachsenen auf Augenhöhe. Medienbildung sei eben keine Einbahnstraße. Vielmehr seien Teenager den Erwachsenen oft um Nasenlängen voraus und hätten einen klaren Blick für Chancen und Risiken der digitalen Lebenswelt. Somit ist die TINCON das längst überfällige Schaufenster für die alles entscheidende Perspektive der Jugendlichen.*

* In dem Beitrag Die Zukunftsfabrik beschreibt eine 14-jährige Schülerin ihre Erfahrungen bei der TINCON 2018.