Digitale Analphabeten

Raubt die moderne Medienkultur jungen Menschen das politische Bewusstsein?

Tilmann P. Gangloff

Tilmann P. Gangloff ist freiberuflicher Medienfachjournalist.

Der Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner ist überzeugt, dass Streamingdienste wie Netflix die Demokratie gefährden: Die junge Generation habe durch ihr Leben in digitalen Medienkulturen verlernt, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. Mit ihrem politischen Engagement sei es ebenfalls nicht weit her. Kleiner spricht von „Hashtag-Aktivismus“: „Viele junge Leute binden #MeToo oder #Black Lives Matter in ihre sozialen Netzwerke ein und denken, sie seien politisch aktiv.“ Eine derart radikal formulierte Haltung provoziert Widerspruch. Es gibt aber auch Zustimmung: Jugendforscher Klaus Hurrelmann hält Kleiners These für zutreffend, allerdings gelte sie bei Weitem nicht für alle 15- bis 25‑Jährigen.

Online seit 20.07.2021: https://tvdiskurs.de/beitrag/digitale-analphabeten-beitrag-772/

 

 


Netflix verspricht auf seiner Website ein unbegrenztes Sehvergnügen: Filme, Serien und Dokumentationen, so viel das Herz begehrt, und zwar immer und überall; ein Schlaraffenland für alle, die sich gern Geschichten in bewegten Bildern erzählen lassen. Medienwissenschaftler Marcus S. Kleiner ist jedoch überzeugt, dass der Streamingdienst eine Gefährdung für die Demokratie sei. Das klingt zunächst absurd; Netflix ist schließlich kein rechtspopulistischer Sender wie Fox News, der die Amerikaner 24 Stunden am Tag mit reaktionären Botschaften bombardiert. Kleiner, Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der SRH Berlin University of Applied Sciences und Autor des Netflix-kritischen Buches Streamland, zielt mit seiner Kritik jedoch vor allem auf das Nutzungsverhalten.

Der Netflix-Clou ist die nahezu perfekt funktionierende Empfehlungsoption: Kaum ist eine Serie zu Ende, wird schon die nächste angeboten; der Algorithmus des Streamingdienstes kennt die Bedürfnisse und Vorlieben der Kundschaft besser als diese selbst. Ausgerechnet in diesem Service sieht Kleiner eine Gefahr:

Weil wir die Entscheidung, wer oder was wir sein wollen, Netflix oder Amazon überlassen und damit grundlegende Tugenden unserer Bürgerlichkeit aufs Spiel setzen.“

Die Empfehlungen verstellten nicht nur den Blick auf den Rest des Sortiments, sie lenkten auch unseren Blick auf die Wirklichkeit, wie der Medienwissenschaftler am Beispiel der Politserien verdeutlicht: „Nachdem ich mir die erste Staffel von House of Cards angeschaut habe, empfiehlt mir Netflix weitere Serien, die die Medialisierung von Politik darstellen. Sie vermitteln allesamt den Eindruck, dass Politiker machthungrige, korrupte, manipulative Blender sind und keinerlei Interesse an den Bürgerinnen und Bürgern haben. Dieses Vorurteil hat sich in den letzten Jahren im Zuge der zunehmenden Politikverdrossenheit ohnehin stark verbreitet. Viele Menschen bezweifeln, dass man Politikern noch vertrauen kann, weil ständig die Rede von Skandalen und Machtmissbrauch die Rede ist.“ Darüber hinaus könne die junge Generation kaum noch selbstbestimmte Entscheidungen treffen: „Sie ist so daran gewöhnt, alle Antworten vorgefertigt präsentiert zu bekommen, dass sie nicht mehr in der Lage ist, sich Wissen selbst zu erarbeiten oder Informationen wirklich zu durchdringen.“
 

„Generation Beleidigt“

Netflix erreicht vor allem urbane, gut ausgebildete junge Menschen, die sich Kleiners These zum Trotz für medienkompetent und politisch informiert halten. Der Medienwissenschaftler spricht in diesem Zusammenhang jedoch bloß von „Hashtag-Aktivismus“:

Viele junge Leute binden #MeToo oder #Black Lives Matter in ihre sozialen Netzwerke ein und denken, sie seien politisch aktiv. Dieses Verhalten spiegelt sich auch in den digitalen Erregungskulissen.“

Die französische Publizistin Caroline Fourest hat mit ihrem gleichnamigen Sachbuchbestseller den Begriff „Generation Beleidigt“ geprägt. In diese Richtung argumentiert auch Kleiner: „Es herrscht eine ausgeprägte Form von Empfindlichkeit. Wenn sich jemand vermeintlich im Ton oder in der Wortwahl vergreift, folgt umgehend ein Shitstorm größtmöglicher Empörung. Auf diese Weise werden soziale Netzwerke zu politischen Schauplätzen, aber das hat natürlich nichts mit tatsächlichem politischem Engagement zu tun; es ist im Gegenteil die Banalisierung von politischer Aktivität.“ Die jungen Leute machten so den Platz frei für extremistische Jugendliche, zum Beispiel von der Identitären Bewegung: „Die sind im Netz nicht weniger aktiv, aber sie gehen auch auf die Straße.“ Fridays for Future, Occupy oder Extinction Rebellion täten das zwar ebenfalls, doch es stelle sich die Frage, wie lange diese Bewegungen noch durchhielten.

Eine derart radikal formulierte Haltung provoziert naturgemäß Reaktionen. Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger stimmt Kleiner gerade in Bezug auf die implizite Konsumismuskritik zu: Netflix sei mit seiner Geschmacksdiktatur der vorläufige Schlusspunkt einer Entwicklung, die Medien zu Konsumgütern mache. Diese Entwicklung hält auch er für gefährlich, denn „Konsumismus läuft auf die Schlussfolgerung hinaus: Was soll ich meine Zeit mit der Gestaltung der Demokratie vertun, wenn doch allein der Konsum mich glücklich macht?“ Dazu gehöre auch der „Instantismus“, der Drang zur sofortigen Bedürfnisbefriedigung. In westlichen Gesellschaften werde man von klein auf darauf trainiert:

Alles ist eine Ware, alles ist käuflich.“

Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen (Universität Tübingen), der sich in seinem Buch Die große Gereiztheit mit dem „kommunikativen Klimawandel“ beschäftigt hat, hält dagegen schon die Basis von Kleiners These für nicht korrekt. Dahinter stehe das vor einigen Jahren vom Netzaktivisten Eli Pariser formulierte Konzept der Filterblase: Nutzerinnen und Nutzer würden durch die personalisierte Filterung mit Hilfe von Algorithmen in einen „Tunnel der Selbstbestätigung“ gelockt. Fortan erfahre man nur noch, was die persönliche Weltsicht bestätige, weil die eigene „engmaschig geknüpfte Matrix der Wahrnehmung permanent bestätigt wird“. Pörksen hält dieser Sichtweise entgegen, dass eine derart „totale Monodiät der Information unter vernetzten Bedingungen fiktiv“ sei. Er spricht im Gegenteil von einer „entgrenzten, barrierefrei zugänglichen Öffentlichkeit“, weil es heutzutage „in nie gekannter Leichtigkeit und Geschwindigkeit“ möglich sei, Wahrnehmungsenklaven und Wirklichkeitsblasen aufzusprengen.
 

Theorie und Praxis

Soweit die Theorie. Die Praxis sieht etwas differenzierter aus, denn Generationen lassen sich nie über einen Kamm scheren. Kaum jemand kennt diese Altersgruppe besser als Klaus Hurrelmann, einer der bekanntesten Jugendforscher des Landes. Der Sozialwissenschaftler ist nach Jahrzehnten an der Universität Bielefeld seit 2009 Professor of Public Health and Education an der Hertie School in Berlin. Dank seiner Untersuchungen zu Einstellungen, Wertorientierungen und Verhaltensweisen von Jugendlichen (darunter die Shell Jugendstudien) genießt er auch außerhalb seines Fachs großes Ansehen. Er bestätigt, dass Kleiners These von der Demokratiegefährdung auf einen Teil der jungen Leute zwischen 15 und 25 Jahren tatsächlich zutreffe: „Jugendliche wachsen heutzutage oft schon ab dem ersten Lebensjahr mit digitalen Medien auf; der jüngere Teil dieser sensiblen Gruppe noch stärker als die Älteren. Durch ihre Fixierung auf diese Medien wird ein bestimmtes Bild vom politischen Leben geprägt. Das kann durchaus die von Kleiner geschilderten negativen Konsequenzen haben, allerdings nicht für alle, sondern in erster Linie für jene circa 30 bis 40 %, die keinen hohen Bildungsgrad und keine gute Perspektive haben, was Ausbildung und Beruf angeht.“ Diese Jugendlichen stammten überwiegend aus benachteiligten Familien, von denen etwa die Hälfte eine Migrationsgeschichte habe und nicht gut integriert sei; junge Männer seien dabei stärker betroffen als junge Frauen. „Die Mediennutzung dieser Gruppe ist in der Regel wenig durchdacht und sehr passiv, Unterhaltung steht eindeutig im Vordergrund, Informationen werden nur oberflächlich aufgenommen. Da müssen wir uns Sorgen machen.“

Hurrelmann betont allerdings, dass dieser Teil nicht in der Mehrheit sei: „Eine etwa genauso große Gruppe ist medial mit allen Wassern gewaschen, hat eine sehr gute Bildung, stammt aus stabilen Elternhäusern, ist politisch engagiert und durchschaut die Tricks der Internetanbieter. Diese jungen Leute kennen sich im digitalen Universum aus, sie können zwischen Nachrichten und Werbung unterscheiden und wissen, wie man Informationen überprüft und verifiziert.“ Eine Bewegung wie Fridays for Future würde es gar nicht geben, wenn Kleiners Einschätzung pauschal zuträfe:

Wir haben es im Gegenteil endlich wieder mit einer Generation zu tun, die politisch so wach ist wie seit 15 Jahren nicht mehr.“

Allerdings erfordere der gefährdete Teil dieser Altersgruppe die geballte Aufmerksamkeit: „Hier ist die Gefahr groß, dass rechtspopulistische, autoritäre oder nationalistische Positionen leichtes Spiel haben.“ Die AfD fische bereits kräftig in dieser Gruppe und nutze zudem die digitalen Kanäle sehr geschickt. Zuversichtlich stimmt den Sozialwissenschaftler, dass mittlerweile über 50 % jedes Jahrgangs das Abitur und weitere 25 % einen mittleren Abschluss schafften.
 

Schulfach Medienbildung

Allerdings stellt sich nun die Frage, ob den 30 bis 40 % am negativen Ende des Spektrums noch zu helfen ist und wie verhindert werden kann, dass die Gruppe in der Mitte ebenfalls abrutscht. Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen beim Bayerischen Rundfunk, sieht erhebliche Defizite bei der Vermittlung von Medienkompetenz:

Für Heranwachsende ist das enorme digitale Angebot eine Herausforderung, für die wir noch keine medienpädagogischen Konzepte haben.“

Viele „Streaming- und YouTube-Kids“ bewegten sich zudem nahe an der Medienabhängigkeit. Kleiner fordert daher dringend ein Schulfach Medienbildung, „und zwar schon in der Grundschule“, in dem die Kinder als erstes die Programmiersprache lernen sollten:

Die meisten Nutzerinnen und Nutzer digitaler Medien würden sich vermutlich eine gewisse Medienkompetenz bescheinigen, aber in Wirklichkeit sind fast alle digitale Analphabeten.“

Lehrerinnen und Lehrer müssten sich zudem fragen, wie sie Bildung, auch politische Bildung, „mit der Lebenswelt der Jugend verknüpfen können. Ich fürchte allerdings, dass die nötige Wandlungssensibilität bei den Lehrenden nicht sehr ausgeprägt ist.“

Auch Hallenberger betrachtet Bildung als Schlüssel für eine Veränderung, macht sich jedoch keine großen Hoffnungen, denn „unser kaputtgespartes Bildungssystem hat nur ein Ziel: Es soll aus jungen Menschen so schnell wie möglich Arbeitskräfte und somit Konsumenten machen.“

Hurrelmann klingt längst nicht so desillusioniert. Kinder müssten so früh wie möglich lernen, was es heißt, Mitglied einer demokratischen Gesellschaft zu sein, und daher schon im Kindergarten spüren: „‚Ich kann meine Meinung positionieren, ich kann Einfluss nehmen auf meine Stellung innerhalb der Gruppe.’ In der Schule muss dieser Prozess ganz bewusst fortgesetzt werden.“ Entscheidend sei dabei das Training der Kompetenz, und dazu gehöre heutzutage natürlich auch die Kompetenz im Umgang mit Medien sowie mit kanalisierten Informationen über Politik und Gesellschaft. Dieser Aspekt sei viel zu lange stiefmütterlich behandelt worden: „Digitale Kommunikation ist von den deutschen Pädagogen mit Unterhaltung gleichgesetzt und daher als gefährlich eingestuft worden, deshalb haben sie dafür gesorgt, dass digitales Arbeiten in Kindergärten und Schulen nach Möglichkeit nicht vorkommt beziehungsweise diskriminiert wird. Das ist ein fataler Fehler gewesen; auf diese Weise konnten Kinder natürlich keine digitale Medienkompetenz entwickeln. Sie haben weder gelernt, wie man sein Smartphone zu Recherchezwecken benutzt, noch welchen Quellen man trauen kann. Da haben die hiesigen Bildungseinrichtungen gewaltige Fehler gemacht. Corona hat gerade im internationalen Vergleich gezeigt, wie sehr wir es verschlafen haben, digitale Entwicklungen in den Bildungsprozess zu integrieren.“ Dabei könnten die Voraussetzungen kaum besser sein: „Die Kinder pflegen ihre Beziehungen größtenteils digital, sie haben in der digitalen Welt eine ganze Reihe von Fähigkeiten entwickelt, an die sich anknüpfen lässt. Die richtige Einordnung von Informationen zum Beispiel gehört dringend in den Politikunterricht, der sich aber vielerorts immer noch darauf beschränkt, den Unterschied zwischen Bundestag und Bundesrat zu erklären.“
 

Ein Sprung dank Corona

Immerhin attestiert Hurrelmann, dass Deutschland in dieser Hinsicht einen großen Sprung gemacht habe: „Vor Corona waren bloß 30 bis 35 % der Schulen überhaupt ans Internet angeschlossen. Digitale Medien waren nur dort Teil des Bildungsprozesses, wo Kollegien Eigeninitiative entwickelt haben. Das waren vor Corona 10 bis 15 %, ein katastrophal niedriger Wert. Heute hat rund die Hälfte der Schulen eine entsprechende Kompetenz entwickelt.“ Allerdings verhalte es sich mit den Institutionen ähnlich wie mit den Jugendlichen: „Gymnasien sind die Vorreiter, zumal hier die Elternschaft drängt und die Lehrerschaft bestens ausgebildet ist. Schulen, die überwiegend von Kindern aus sozial benachteiligten Verhältnissen besucht werden, haben andere Sorgen, als sich um digitale Kompetenz zu kümmern.“ Corona habe diese institutionelle Ungleichheit verschärft: „Da müssen wir höllisch aufpassen, dass sich die Strukturen nicht noch weiter verfestigen.“ Ein wichtiger Aspekt sei natürlich auch die Ausbildung: „Trotz der epochalen technischen Veränderungen ist es den Kultusministerien nicht gelungen, eine entsprechende Fortbildung zu etablieren. Es ist eine systemische Herausforderung, den Lehrern solche verbindlichen Angebote zu machen.“
 

Literatur:

Fourest, C.: Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Berlin 2020

Kleiner, M. S.: Streamland. Wie Netflix, Amazon Prime und Co. unsere Demokratie bedrohen. München 2020

Pörksen, B.: Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung. München 2018

Mit Dr. habil. Gerd Hallenberger, Prof. Dr. Klaus Hurrelmann und Prof. Dr. Marcus S. Kleiner wurden Telefoninterviews geführt; mit Dr. Maya Götz und Prof. Dr. Bernhard Pörksen erfolgte ein schriftlicher Austausch.