Das Porträt: Cornelia Mothes

Alexander Grau

Dr. Cornelia Mothes ist Kommunikationswissenschaftlerin an der Technischen Universität Dresden. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich vor allem mit dem Wandel der öffentlichen Kommunikation, der Vertrauenskrise des Journalismus, der Politikverdrossenheit und der Nachrichtennutzung. Nach ihrem Studium in Dresden und anschließender Promotion folgte 2014 ein Forschungsaufenthalt an der Universität Hohenheim im Rahmen des BMBF-Projekts „Perspektiven und Trends der Privatheit“. Anschließend ging sie an die School of Communication der Ohio State University. 2017 hatte sie eine Vertretungsprofessur an der TU Dresden inne.

Printausgabe tv diskurs: 23. Jg., 1/2019 (Ausgabe 87), S. 52-55

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Deutschland hasst wieder. So lautete im Sommer 2018 der Titel eines Kommentars in der „Welt“. Und in der Tat: Das Fieberthermometer der öffentlichen Debatte ist hierzulande in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Wüste Beschimpfungen sind an der Tagesordnung. In den sozialen Medien tobt Volkes Stimme. Im Gegenzug rümpft man im Milieu der modernen liberalen Kosmopoliten die Nase über die Abgehängten und Beschränkten.

Dass das kein rein deutsches Phänomen ist, dass die Stimmung in anderen Ländern noch viel aufgeheizter ist, zeigen die Wahlergebnisse der letzten Jahre in den USA, in Großbritannien, in Italien, Polen, Dänemark, Schweden, Holland oder wo auch immer. Im Zentrum des zunehmend rauer werdenden Meinungsklimas in den westlichen Gesellschaften stehen dabei naturgemäß die Medien. Und man vereinfacht sicher nicht, wenn man feststellt, dass traditionelle Medien wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk, die privaten Sendeanstalten und die etablierte Presse zumeist als Adressaten und Empörungsziele („Lügenpresse“, „Mainstreammedien“) dienen, die neuen, alternativen und „sozialen“ Medien hingegen jene Kanäle bereitstellen, über die sich die allgemeine Erregung bis hin zu kruden Verschwörungstheorien ausbreitet.

Das bedeutet zugleich, dass die atmosphärischen Erschütterungen, die in quasi allen westlichen Gesellschaften zu spüren sind, nicht nur eine Krise politischer Institutionen und des gesellschaftlichen Selbstverständnisses sind, sondern auch der etablierten Medien. Denn es sind letztlich die Medien in Gestalt von Journalisten, die in Magazinen, Nachrichtensendungen, Zeitungen und Talkshows das Bild von der Welt liefern, das als falsch, schief, einseitig oder manipuliert wahrgenommen wird und somit als Propaganda eines fehlgeleiteten Systems und seiner herrschenden Klasse. Die Bewegung der Gilets jaunes in Frankreich im November/Dezember 2018 hat das wieder einmal eindrucksvoll gezeigt.
 

Neutralität und Objektivität

Über diese Krise der Medien und den Vertrauensverlust des Journalismus forscht seit Jahren Cornelia Mothes, Kommunikationswissenschaftlerin an der Technischen Universität Dresden. Nach Dresden führte Mothes der Gründer des Instituts für Kommunikationswissenschaft (IfK) Wolfgang Donsbach. „Ich wusste ursprünglich nicht, ob ich nach der Schule eher etwas Künstlerisches machen will“, erzählt Mothes, „habe aber auch mit dem Journalismus geliebäugelt“. In ihrer Orientierungsphase nach dem Abitur sei sie dann auf einschlägige Arbeiten von Donsbach gestoßen. Die hätten sie für die Kommunikationswissenschaften begeistert und waren auch der Grund dafür, dass die gebürtige Erzgebirglerin zum Studium nach Dresden zog.

Dem künstlerischen Interesse ist Cornelia Mothes allerdings auch während ihrer wissenschaftlichen Ausbildung und Karriere treu geblieben. Seit Jahren gehört sie zum Kern zweier Musikprojekte, von dem zumindest das eine, „The Gentle Lurch“, durchaus überregionale Resonanz erfährt. So sah die „taz“ in der letzten LP „Workingman’s Lurch“ ein „herrliches Album“, und auch das Magazin „Focus“ zeigte sich angetan und lobte die musikalische Mischung aus Americana, Indie-Folk und Singer-Songwriter-Stoff.

Doch nicht nur der Musik, auch ihrem Studium widmete sich Mothes systematisch und professionell. 2008 geht sie als Research Fellow an das damalige Future Lab der Rino Snaidero Scientific Foundation in Majano/Italien. „Da trafen sich junge Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Disziplinen, um die Herausforderungen der nächsten 50 Jahre zu diskutieren. Ich habe dabei die kommunikationswissenschaftliche Perspektive vertreten und versucht zu erarbeiten, was in Zukunft Kommunikation ausmacht. Damals kam gerade die Twitter-Welle hoch und zugleich alle möglichen Smart Devices, die versprachen, uns irgendwelche Entscheidungen abzunehmen oder subtil aufzudrängen.“

Durchaus zukunftsrelevant war auch das Thema von Mothes Promotionsschrift über Objektivität als professionelles Abgrenzungskriterium im Journalismus. „Die Fragestellung“, erklärt die Wissenschaftlerin, „war damals, inwiefern sich Journalisten in ihrer Arbeit von Personen unterscheiden, die keinen journalistischen Hintergrund haben, aber heutzutage in der digitalen Welt genauso Informationen verbreiten“.

Fasziniert habe sie das Thema, erläutert Mothes, weil sie nach wie vor der Meinung sei, dass Objektivität, wie immer man sie definiere, etwas sei, das den Journalismus gegenüber anderen gesellschaftlichen Kommunikatoren auszeichne. Damit einher gehe die Verpflichtung zu einer gewissen Neutralität oder Ausgewogenheit und die Fähigkeit, gerade in Konfliktfällen verschiedene Perspektiven miteinander in Beziehung zu setzen. Und genau aus diesem Grund sei es problematisch, wenn diese Berufsrolle – sei es aus wirtschaftlichen Zwängen, sei es, weil alternative Kommunikatoren auf den Markt treten – immer prekärer werde.

Mein Anliegen“, so die Forscherin, „war es zu zeigen, ob und wo es einen Unterschied zwischen dem Laienkommunikator und dem Journalisten gibt, der eine Verantwortung trägt, die weit über das hinausgeht, was der Laie tun kann – und auch sollte.“

Denn letztlich sei es nicht Aufgabe des einzelnen Bürgers, diese Arbeit zu übernehmen, und die meisten wollten das auch gar nicht. Daher sei es notwendig, diese Form der Kommunikation an eine spezialisierte Gruppe zu delegieren, die sich kontinuierlich informiert, recherchiert, Quellen gewichtet und in der Lage ist, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen.

Um die Arbeitsweise von Journalisten und Nichtjournalisten zu untersuchen, rekrutierte Mothes ungefähr 400 Journalisten und ebenso viele Nichtjournalisten. Beide Gruppen sollten nun Expertenstatements zum Thema „Kernenergie“ durcharbeiten, damals, vor Fukushima und dem Beschluss der Bundesregierung, aus der Atomkraft auszusteigen, ein aktuelles und polarisierendes Thema. „An solchen, stark umstrittenen Themen lässt sich am besten zeigen, ob man von seiner eigenen Meinung abstrahieren kann“, so Mothes.

Aufgabe der Studienteilnehmer war es, die jeweiligen Expertenstatements durchzulesen und zu beurteilen, inwiefern diese faktenreich, glaubwürdig, informativ und objektiv sind, um so untersuchen zu können, inwieweit die eigene Einstellung zum fraglichen Thema das Urteil beeinflusst und ob sich Journalisten in dieser Hinsicht von Nichtjournalisten unterscheiden. Das ernüchternde Ergebnis:

Bei Journalisten und Nichtjournalisten gab es einen sehr ähnlichen Effekt. Das einstellungskonforme Statement wurde als faktenreicher und informativer wahrgenommen als die einstellungsinkonsistente Stellungnahme.“

Journalisten, so das erste Ergebnis, gelingt es also nicht besser als jedem anderen Bürger, bei der Rezeption von Informationen von der eigenen Position abzusehen. Und auch auf einer zweiten Untersuchungsebene, auf der die Zusammenstellung von Information untersucht wurde, unterschieden sich Journalisten nicht signifikant von Nichtjournalisten. Dies zeigt sich auch, wenn man beide Gruppen explizit darauf hinwies, die eigene Haltung nach Möglichkeit zurückzustellen: Profis und Nichtjournalisten reagierten auf diesen Hinweis mit größerer Objektivität.

„Diese Ergebnisse waren aufgrund der bisherigen Journalismusforschung durchaus zu erwarten“, betont Mothes. Spannend war jedoch, dass insbesondere jene Journalisten, die tendenziös berichtet hatten, die dadurch entstehende kognitive Dissonanz nicht etwa so auflösten, dass sie ihr Vorgehen kritisch reflektierten, sondern indem sie noch einmal die Wichtigkeit objektiver Berichterstattung betonten. „Das bedeutet immerhin, dass Journalisten, anders als Nichtjournalisten, die Objektivitätsnorm durchaus verinnerlicht haben, auch wenn das Gesamtergebnis nicht unbedingt positiv für die Journalisten ausfällt“, so Mothes.

Die Ergebnisse ihrer Untersuchung geben einen deutlichen Hinweis darauf, dass Journalisten sowohl an dem angespannten Meinungsklima als auch an den Negativurteilen über Medien nicht ganz unschuldig sind. Dabei ist vielleicht weniger das Problem, dass auch Journalisten sich, wie alle anderen Menschen, von ihren persönlichen Einstellungen leiten lassen, sondern dass sie diese, ebenfalls wie alle anderen Menschen, für mehr oder minder objektiv halten.

„Das würde sicher gut funktionieren, wenn wir davon ausgehen, dass Bürger sich umfassend aus mehreren Quellen informieren und sich eine Meinung auf einer breiten Grundlage bilden. Da aber die Nutzer so nicht funktionieren, sondern ganz im Gegenteil die Tendenz haben, die Information zugunsten ihrer eigenen Einstellung auszuwählen, besteht die Gefahr, dass man die Realität so wahrnimmt, wie man sie sich vorher zurechtgelegt hat.“ Daher sei es auch nach wie vor sinnvoll, die Trennung zwischen Kommentar und Nachricht in den klassischen journalistischen Nachrichten aufrechtzuerhalten.
 

Selektive Wahrnehmung

„Wir sind zu Monitorial Citizens geworden“, erklärt Mothes, „die ihre Aufmerksamkeit kurz auf das lenken, was eben mal aufploppt. Die wenigsten sind jedoch voll informierte Bürger, die sich kontinuierlich über alles Mögliche auf dem Laufenden halten. Deshalb ist eine möglichst ausgewogene Information notwendig.“

Das bedeute, so Mothes, selbstverständlich nicht, dass man über alle Themen und Ansichten in gleichem Maße berichten sollte. Dies führe zu einer „balance as bias“, also einer Verzerrung von Information durch Ausgewogenheit. Wie schwierig es hier im Einzelfall ist, ausgewogen zu berichten, zeigt jedoch das Bedürfnis vieler Menschen nach alternativer Berichterstattung, die Minderheitenperspektiven deutlich in den Vordergrund schiebt.

Umgekehrt, so Mothes weiter, gebe es das Phänomen, dass Mediennutzer Informationen, gerade ausgewogene Berichte, als einseitig wahrnehmen, eben weil sie ausgewogen sind und daher der Meinung des jeweiligen Rezipienten auch andere Perspektiven zur Seite stellen.

„Das ist ein perfider psychologischer Effekt, aber ein Grund dafür, dass ausgewogener und um Objektivität bemühter Journalismus auch schnell an seine Grenzen kommt.“ Eine Möglichkeit, die derzeit in der Forschung diskutiert wird und die auch Cornelia Mothes untersucht, ist die Strategie der Self-affirmation:

Informationen, die der eigenen Meinung entgegenstehen, werden als Gefahr wahrgenommen, als Bedrohung für das eigene Selbstbild.“

Also müsse es darum gehen, vor der Rezeption das eigene Selbstbild zu stärken. Denn selbstbewusstere Menschen würden sich weniger stark gegen Informationen wehren, die der eigenen Weltsicht widersprechen.

Eine Möglichkeit, das Selbstbild der Mediennutzer zu stützen, ist es, sich in der Berichterstattung weniger auf die Einschätzungen der politischen Elite zu konzentrieren. Eine weitere, weniger zu dramatisieren, um dem Bürger das Gefühl eigener Ohnmacht zu nehmen. „Ansätze wie der Konstruktive Journalismus versuchen, solche Konzepte aufzugreifen, was diese jedoch bewirken, das muss noch untersucht werden“, so die Wissenschaftlerin. Auch die verstärkte Zuwendung zu lokalpolitischen Themen passe zu diesem Trend. Auf die könnten Menschen leichter Einfluss nehmen, und anders als nationale oder internationale Themen seien diese häufiger auch weniger weltanschaulich belastet und würden damit dem eigenen Selbstwertgefühl nicht im Wege stehen.

Dem wichtigen Thema der Erforschung der selektiven Auswahl von Information, der „selective exposure“, widmete sich Mothes ausführlich während ihres Forschungsaufenthalts an der School of Communication der Ohio State University.

Es ist bekannt, dass wir uns Informationen stärker zuwenden, wenn sie unsere Einstellungen stützen“.

Und auch unsere Einstellung zu Nachrichten generell hat, wie Mothes zeigen konnte, erheblichen Einfluss auf die bevorzugte Nachrichtenpräsentation. Denn tatsächlich bevorzugen etwa weniger politisierte Menschen personenbezogene und dramatisierende Nachrichtenpräsentationen.

Angesichts der Heterogenität und der so häufig beschworenen Diversität moderner westlicher Gesellschaften stellt sich allerdings die Frage, ob das traditionelle Bild möglichst objektiver, neutraler, unabhängiger und auf einem gesellschaftlichen Konsens beruhender Medien und Nachrichten nicht eine unzeitgemäße Illusion ist. Mothes ist dieser Einwand bewusst, hält jedoch an dem heuristischen Ideal der um Neutralität bemühten Medien fest:

Wenn man sich nicht einmal an dem Ziel orientiert, die Realität möglichst unabhängig von eigenen Prädispositionen zu beschreiben, kommen wir ganz schnell an den Punkt, gesellschaftliche Verständigung unmöglich zu machen.“

Ebenso wichtig sei es jedoch, schon vorhandenen Polarisierungstendenzen entgegenzuarbeiten.

Denn die schon vorhandene Polarisierung beruhe – das hätten besonders US-amerikanische Forschungen gezeigt – vor allem auf einer affektiven Polarisierung, die auf einer emotionalen Abneigung sozialer Milieus untereinander basiere.

Das heißt, dass die soziale Abschottung nicht zwingend aufgrund von Einstellungsdifferenzen erfolgt, sondern aufgrund einer generellen Abneigung, die auf Stereotypen beruht.“

Wenn man diese Stereotype mit Fakten entkräfte, auch das würden Studien zeigen, könne man Verständigungsbereitschaft jedoch auch wiederherstellen. Insbesondere mit Blick auf die Massenmedien sei es daher im Fall gesellschaftlicher Konflikte wichtig, Neutralität zu wahren, keine Schubladen aufzumachen und sich nicht auf die Seite derjenigen zu stellen, denen man sich eventuell vom Lebensgefühl her verbunden sieht.

Wer sich hingegen als politischer Akteur begreift, wird eben auch als politischer Akteur wahrgenommen.“

Dr. Cornelia Mothes ist Kommunikationswissenschaftlerin an der Technischen Universität Dresden.

Dr. Alexander Grau arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist u.a. für „Cicero“, „FAZ“ und den Deutschlandfunk.