Das Ende der Schockstarre

Wie die Corona-Krise das Fernsehen verändern wird

Tilmann P. Gangloff

Tilmann P. Gangloff ist freiberuflicher Medienfachjournalist.

Wenn das ganze Land stillsteht, werden natürlich auch keine Filme und Serien produziert. Bei einigen „Dailys“ konnte allerdings schon nach wenigen Tagen wieder gedreht werden. Trotzdem stellen die aktuellen Bedingungen Sender und Produktionsfirmen vor enorme Herausforderungen. Schon machen Szenarien die Runde, dass demnächst nur unter „Bundesliga-Auflagen“ gedreht werden könne. Filmschaffende befürchten massive Qualitätseinbußen.

Online seit 28.05.2020: https://tvdiskurs.de/beitrag/das-ende-der-schockstarre/

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Natürlich spricht niemand drüber, weil alle ganz andere Sorgen haben, aber Pornoproduzenten dürften es in diesen Tagen besonders schwer haben: Wie soll man einen Sexfilm drehen, wenn sich die Darsteller an die Abstandsregel halten müssen?

Dem ungleich größeren Rest der Branche geht es derzeit allerdings auch nicht besser. Laut Erhebungen der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) gab es seit dem Ausbruch der Corona-Krise mehr als 400 Drehabbrüche, Unterbrechungen oder Verschiebungen. Das Investitionsvolumen entsprach rund einer halben Milliarde Euro. Gerade bei lang laufenden Serien konnten die Dreharbeiten jedoch erstaunlich rasch wieder aufgenommen worden. So berichtet zum Beispiel UFA-Geschäftsführer Joachim Kosack, der auch für den Bereich „Serial Drama“ zuständig ist, von neuen Hygiene-Standards, die das Drehen der drei RTL-Dailys Gute Zeiten, schlechte Zeiten, Unter uns und Alles was zählt bereits nach einer einwöchigen Produktionspause wieder ermöglicht hätten. Für die UFA sei es auch aus Gründen der wirtschaftlichen Absicherung „ganz wichtig, dass wir diese Produktionen unmittelbar und ohne große Unterbrechungen fortsetzen.“

Kosack vertraut dabei auf die Imaginationskraft der Zuschauer, zum Beispiel bei romantischen Szenen mit Serienpaaren, die bereits die eine oder andere große Liebesgeschichte erlebt hätten:

Die Schauspieler schauen sich an, entsprechende Musik setzt ein, dann folgt ein Schnitt; und jeder ahnt, wie’s weitergeht. Wenn man nicht weiß, unter welchen Bedingungen diese Folgen entstanden sind, wird man keinen Unterschied merken.“


Verschärfte Bedingungen

Sämtliche Produktionen finden derzeit unter verschärften Bedingungen statt. Bei Serien, die größtenteils im Studio entstehen, haben externe Sicherheitsspezialisten Arbeitsschutz- und Hygienepakete speziell für Dreharbeiten konzipiert. Zusätzlich eingestellte Desinfektions- und Sicherheitsfachkräfte achten darauf, dass die Vorgaben eingehalten werden.

Trotzdem herrscht nach wie vor große Unsicherheit in der Branche. Sie bezieht sich allerdings weniger auf konkrete Hygienefragen, sondern auf die Zukunft, und sie betrifft ausnahmslos alle: Sender, Produktionsfirmen, Regisseurinnen und Regisseure, Autorinnen und Autoren, Schauspielerinnen und Schauspieler und selbstverständlich auch die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nie genannt werden.

Weil Filme und Serienfolgen in der Regel einen Vorlauf von mindestens einem halben Jahr haben, wird es eine Weile dauern, bis die aktuelle Produktionslücke bei den Sendern ankommt. Selbst im Herbst und Winter wird sich das vermutlich noch nicht bemerkbar machen. Spätestens im nächsten Jahr aber könnte es zu einer Erstausstrahlungslücke kommen. Das betrifft ARD und ZDF mit ihren vielen Film- und Seriensendeplätzen auf den ersten Blick ungleich stärker als die Privatsender.

Betroffen sind aber auch Produktionen wie Berlin – Tag & Nacht, die Dokusoap von RTLZWEI, bei der es sich der Anmutung zum Trotz nicht um Dokumentationen, sondern um Serien mit Laiendarstellern handelt; die Branche spricht von „Scripted Reality“, Realität nach Drehbuch. Das gilt auch für die „Crime-Soaps“ von Sat.1 (Auf Streife). Die Senderfamilie ProSiebenSat.1 hatte zu Beginn der Krise über 130 laufende Fernseh- und Filmproduktionen; bei einem großen Teil sei es „zu massiveren Herausforderungen“ gekommen.
 

Das Fernsehen als Krisengewinner

Die Auflagen vor und hinter der Kamera stellen ohnehin eine enorme Belastung dar. Das gilt natürlich auch für die Abläufe bei den Sendern, aber die kommen offenbar ganz gut damit klar. Außerdem sind sie, wenn man so will, Krisengewinner, denn das Fernsehen hat von den Ausgangsbeschränkungen enorm profitiert. Das Biergartenwetter im Frühjahr hätte normalerweise viele Zuschauer gekostet. Die zweite Staffel von The Masked Singer (ProSieben) war jedoch auch ohne Studiopublikum erneut ein Quotenknüller. Shows und Comedy sind bereits vor Corona sehr gefragt gewesen.

Dieser Trend hat sich laut Ute Biernat, Geschäftsführerin der UFA-Tochter Show & Factual (Deutschland sucht den Superstar, Das Supertalent), während der Krise verfestigt:

Unterhaltung ist immer eng gekoppelt an die Stimmung der Gesellschaft und gerade in schwierigen Zeiten stark gefragt. Unterhaltung bietet Ablenkung und lässt für den Moment die anstrengende Zeit im beengten Homeoffice oder die Sorge vor Arbeitslosigkeit und anderen Auswirkungen der Krise vergessen.“

Solche Sendungen lassen sich auch unter Hygienebestimmungen produzieren. Bei fiktionaler Unterhaltung sieht das ganz anders aus. Die große Frage ist daher: Unter welchen Bedingungen kann in Zukunft gedreht werden? Womöglich nur unter Auflagen, wie sie die Politik dem Bundesligafußball gemacht hat? Mit Quarantäne für alle Beteiligten während der Dreharbeiten?

Der große Unterschied zum Profifußball, sagt der mehrfache Grimme-Preisträger Stephan Wagner (Der Fall Jakob von Metzler, Mord in Eberswalde), sei die Lastenverteilung beim Risiko:
 

Beim Profifußball partizipiert ein Verein auch dann noch am Geldstrom durch die TV-Erlöse, wenn eine Mannschaft wegen positiver Covid-19-Fälle in Quarantäne muss. Es gibt aber keinen Ausfallfonds für Filmproduktionen, deren Dreharbeiten trotz penibler Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen einen infektionsbedingten Shutdown erleiden.“


In jeder Woche Drehunterbrechung entstehe einer Filmproduktion ein sechsstelliger Schaden: „Die Abwägung dieses Risikos gegenüber dem wirtschaftlichen Schaden des Ausfalls eines gar nicht erst entstandenen verwertbaren Produkts stellt für jeden Produzenten eine existenzielle Glaubensfrage dar.“


Drehen im Halteverbot

Derzeit, sagt Wagner, der viele seiner Filme selbst produziert, befinde sich die Branche in Phase zwei der Pandemie. Die erste Phase sei „von Schockstarre und kurzfristigen Maßnahmen zur Schadensbegrenzung“ geprägt gewesen. Nun sei es an der Zeit, konkrete Fragen zu beantworten: „Welche Auswirkungen haben die unterschiedlichen Rechtslagen in verschiedenen Bundesländern? Unter welchen Bedingungen sind Drehgenehmigungen im öffentlichen Raum wieder erhältlich? Bekommt man Halteverbotszonen wieder genehmigt und in welchem Umfang? Wie sehen die Testkapazitäten in den Labors am Ort der Dreharbeiten aus? Wie groß ist der Studioanteil? Kann man vorbeugende Quarantänemaßnahmen für Teamgruppen vor und hinter der Kamera gewährleisten? Wie viele Komparsen werden für welche Szenen benötigt, und wie vermeidet man bei ihnen das Infektionsrisiko?“

Die wichtigste Frage stellt er zuletzt:

Wie geht man mit den für all diese Maßnahmen entstehenden Mehrkosten um? Denn nur weil uns ein Virus weltweit fest im Griff hält, stehen den deutschen Filmproduktionen ja keine höhere Budgets zur Verfügung.“

Bei der Stoffauswahl sieht Wagner einen Trend zu form follows function: „Das zeitgenössische Kammerspiel im Zeitalter von Lockdown und Mundschutz hat hier in der Einfachheit der Herstellung einen klaren Vorteil gegenüber dem komparsenlastigen Historiendrama.“

Das könne sich allerdings als Bumerang erweisen: „Eine TV-Serie im Stil einer Videokonferenz ist nur beim ersten Mal originell.“ Deshalb warnt er davor, die Rahmenbedingungen aktueller Produktionen in irgendeiner Form auf die Filme und Serien Einfluss nehmen zu lassen, denn das Publikum des Jahres 2022 werde kaum eine menschenleere Hamburger U-Bahn zur Mittagszeit akzeptieren. Er geht allerdings davon aus, dass viele Kollegen „die Bilder flacher anstatt in die Tiefe gestalten, um auf diese Weise den durch Beschränkungsmaßnahmen entstandenen Mangel kreativ zu verwalten.“ Vermutlich werde es sich auch nicht vermeiden lassen, dass die Zuschauer „die erschwerten Bedingungen in der Herstellung durch eine intuitive Wahrnehmung fehlender Leichtigkeit spüren.“
 

Diese Gefahr sieht auch der vielfach preisgekrönte Regisseur Kilian Riedhof (Homevideo, Gladbeck):

Die größte Gefahr besteht darin, dass wir Filme drehen, die im Bemühen um die Einhaltung der Hygieneregeln untergründig gehemmt wirken. Gerade jetzt aber brauchen wir Filme, die uns befreien, mutig und leidenschaftlich werden lassen und uns für die neu entstandene Realität öffnen.“

 


Doch das ist Zukunftsmusik. Für Miguel Alexandre, ebenfalls Grimme-Preisträger (Grüße aus Kaschmir) und Regisseur des RTL-Event-Movies Starfighter –Sie wollten den Himmel erobern, gilt es erst mal, ganz konkrete Fragen zu klären. Eine Quarantäne für alle Beteiligten während der Dreharbeiten kann er sich zwar vorstellen, aber er fragt sich, wie mit Schauspielerinnen und Schauspielern umgegangen werden soll, die mehrere Produktionen gleichzeitig drehen. Die Alternatividee, alle Darstellerinnen und Darsteller jeweils für die gesamte Dauer einer Produktion und unabhängig von der Anzahl ihrer Drehtage zu engagieren, ließe sich vermutlich kaum finanzieren. Er wäre jedoch eher bereit, „auf einen Drehtag zu verzichten, um etwaige Mehrkosten zumindest teilweise aufzufangen, als die gesamte inhaltliche Umsetzung einem Virus zu unterwerfen“. Allerdings sind die Drehzeiten aufgrund der Sparzwänge der letzten Jahre derart zusammengestrichen worden, dass viele Regisseurinnen und Regisseure die Produktionsbedingungen schon längst für qualitätsschädigend halten.
 

Bitte Abstand beachten!

Alexandre ist bei seinen Filmen seit vielen Jahren auch für die Bildgestaltung verantwortlich und kann daher gut beschreiben, wie sich das Virus auf die Ästhetik auswirkt, wenn man Abstandsregeln einhalten muss:

Man ist gezwungen, mit langen Brennweiten zu fotografieren, denn eine Handkamera, die dicht an den Figuren ist, könnte in einigen Situationen nicht ohne Weiteres eingesetzt werden. Es versteht sich von selbst, dass die Schauspieler das Herz und Blut jeder Geschichte sind. Eine Inszenierung, die darauf zu achten hätte, dass die handelnden Figuren Abstand zueinander halten müssen, ist für mich nur im seltensten Fall vorstellbar.“

 

Sibylle Tafel, die zuletzt für die ARD-Tochter Degeto die Filmreihe Toni, männlich, Hebamme inszeniert hat und als Co-Autorin an den Drehbüchern beteiligt war, beschreibt, wie Dreharbeiten unter Corona-Bedingungen aussehen werden: „Man wird möglichst viel im Studio oder auf Privatgelände drehen, weil der Zugang zum öffentlichen Raum stark eingeschränkt ist. Städte werden kaum Parkplätze freigeben, was die Arbeitswege massiv verlängert. Catering darf quasi nicht stattfinden, weil man da ja zusammenstehen könnte.“

Auch sie sieht das größte Problem in der Abstandsregel, weil dadurch alles sehr viel länger dauern werde:

Die Technik des hochkonzentrierten Arbeitens, das sich in unserer Branche durchsetzen musste, um die ständige Drehtagekürzung abzufangen, ist derzeit einfach nicht möglich.“


Die Auftraggeber würden die übliche Anzahl an Drehtagen kalkulieren: „Corona wird dann extra verhandelt. Man geht wohl davon aus, dass die Mehrkosten zwischen Sender und Produktion geteilt werden. Ich bin gespannt, wie eine kleine Produktion das leisten soll.“
 

Merkt eh keiner

Die Regisseurin ist daher überzeugt, dass das „massiv gedrosselte Arbeitstempo Qualität kosten wird“. Sie fürchtet, dass die Sender sagen: „,Ihr schafft das auch unter den neuen Bedingungen. Hauptsache, es kostet nicht mehr.’ Nach dem Motto: Ist doch eh egal, merkt sowieso keiner.“ Natürlich habe Corona auch inhaltlichen Einfluss: Als Autorin mache sie sich Gedanken darüber, ob sie wirklich ältere Figuren in die Drehbücher schreiben oder Szenen im öffentlichen Leben ansiedeln solle. Davon abgesehen erinnert sie an Kolleginnen und Kollegen, die es sich nicht leisten könnten, ein gesundheitliches Risiko einzugehen: „Ich habe bereits eine Absage von einem hochgeschätzten Mitarbeiter erhalten, der wegen eines Lungenproblems nicht mitmachen kann. Erwerbstätige Eltern mit Kindern müssen genau abwägen, wer jetzt ‚an die Front‘ geht, solange Kitas und Schulen keinen Regelbetrieb haben. Das ist alles sehr schlimm, weil die Einkünfte fehlen und die Menschen in existenzielle Nöte geraten sind.“

Alexandre hofft daher, dass die Corona-Krise die Gesellschaft zu mehr Solidarität animiere:

Wir Menschen sind keine ‚Inseln‘, sondern Teil einer Gemeinschaft. Deshalb könnte sich die momentane Erfahrung durchaus auf die Geschichten auswirken, die wir in nächster Zukunft erzählen. Das Modell des Einzelgängers, der nach individuellem Erfolg strebt und diesem Ziel alles unterordnet, hat erstmal ausgedient. Wir werden Geschichten sehen wollen, in denen humanistische Werte eine zentrale Rolle spielen.“