Arenen der Niedertracht

Promi-Bullying und Beschämung in Unterhaltungsformaten

Uwe Breitenborn

Dr. Uwe Breitenborn ist hauptamtlicher Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), Dozent, Autor und Bildungsreferent bei der Medienwerkstatt Potsdam.

Scham ist ein virulentes Gesellschaftsthema und Schadenfreude eine Ursubstanz des Unterhaltungsbedürfnisses. Einige Formate gehen dabei mittlerweile sehr weit. Es kann nicht egal sein, ob Mobbing sanktionslos aufgewertet und belohnt wird oder nicht. Letztlich muss es darum gehen, einem antisozialen Verhalten den Erfolgsnimbus zu nehmen.

Printausgabe tv diskurs: 25. Jg., 2/2021 (Ausgabe 96), S. 26-29

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Es heißt, Zyniker sehen im Guten nur das Schlechte, bei manchen Guilty-Pleasure-Formaten ist es wohl umgekehrt. Reden wir also über Scham. Bei diesem Thema geht es um Identität und Verletzlichkeit, die sich auch in Kategorien von Status und Distinktion übersetzen lassen. Nicht umsonst wird in den Realityshows ständig und aufgeregt über „Respekt“ und „Integrität“ geredet. Herabsetzung und Beschämung sind hier häufig Strategien zur Durchsetzung eigener Ansprüche. Das Fernsehen gilt trotz mehrfach ausgestellter „Totenscheine“ immer noch als ein repräsentativer Ort der Wertekommunikation unserer Gesellschaft. Sicher, einer unter vielen, aber immerhin. Trotz extremer Marktdifferenzierung mit Hunderten von Programmangeboten und Verfügbarkeiten bleiben die marktstarken Programmangebote im Fokus eines Diskurses, der über Werte, Normen und regulative Ideen kommuniziert. Sonst würde sich auch niemand über „Palmenpromis“ aufregen. Eigentlich eine gute Nachricht.

Erfolg und Aufregung sind in der Medienbranche eng miteinander verwoben. Scham auch. Als im Frühjahr des Coronajahres 2020 die Show Promis unter Palmen (PuP) sehr gute Einschaltquoten bei den 14- bis 49-Jährigen erzielte, ging mit den erfreulichen Zahlen auch eine heftige Debatte einher, dass „der neue Hit am Reality-Himmel“ (Mantel 2020) zuweilen auch ein höchst problematisches Weltbild transportiere, das nicht nonchalant hingenommen werden könne. Die Empörung war deftig, lief doch das Format gerade in der zweiten Hälfte mächtig aus dem Ruder. Alles drehte sich um das Mobbing, welches sich gegen die Modeunternehmerin und Reality-TV-Darstellerin Claudia Obert richtete, die daraufhin in der 5. Folge die Show verließ. Mit bösartigen Zuschreibungen wie „Viech“ oder „Pottsau“ wurde sie übel attackiert. Auch das herbstliche Sommerhaus der Stars bot Ähnliches.
 

Abgrenzung durch Ausgrenzung

Medien und Formate wirken durchaus als öffentliche Beschämungsmaschinen, die zuweilen Funktionen des mittelalterlichen Prangers übernommen haben, der dazu diente, mittels eines Spektakels Ein- und Ausgrenzungen zu definieren. Beschämung stellt also eine Kulturtechnik dar, um Hierarchien zu stabilisieren, was die Frage aufwirft: Wer ist „oben“ und wer „unten“? Wer kann wen womit beschämen?

Es gehe zumeist um Entblößungen in unterschiedlichen Machtkonstellationen, so die Theologin Regina Ammicht Quinn, die Scham durch drei Punkte definiert sieht:

Scham ist sozial; sie entsteht aus dem Geflecht sozialer Beziehung heraus und steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem tatsächlichen oder imaginierten Maß von Anerkennung, das man erfährt. Scham ist normativ, weil sie ein Selbstbild voraussetzt, gegen das man beschämend abfällt. Scham ist moralisch relevant, weil die in der Scham verborgenen Normalitätsfragen ethisch diskutiert werden müssen. Dies betrifft Körper- und Intimitätsscham ebenso wie Kompetenzscham, Ungleichheitsscham und andere Bereiche.“ (Quinn 2019, S. 357)

Beschämungsvorgänge etablieren häufig eine Demarkationslinie zwischen „uns“ und den anderen, sie können gar die Androhung oder den Vollzug eines Ausschlusses aus der Gruppe bedeuten. Scham sei anthropologisch eng verwandt mit Ekel und bedeute auch Integritätsverletzungen, für die es, so Quinn, keine vergleichbaren Entlastungsstrukturen oder Entlastungsrituale gebe (ebd., S. 359).

Es lässt sich natürlich auch argumentieren, dass diese Reality-Spiel-Formate durch die Beobachtbarkeit von Mobbingkulturen durchaus eine abschreckende Wirkung haben, weil sie auch die Konsequenzen dieses Sozialverhaltens sichtbar machen. Insbesondere in Casting- und Realityshows sowie Schadenfreude-Formaten werden Teilnehmerinnen und Teilnehmer immer wieder zu Entblößungsvorgängen angehalten, deren Reichweite sie vermutlich selbst nicht abschätzen können. Die Rezeption solcher Vorgänge wird gern auch als Fremdschämen umschrieben. Allerdings ist es schwierig, sich für andere zu schämen, wenn man keine identifikatorische Bindung besitzt. Zuweilen ist es wohl eher Koketterie, sich fremdzuschämen. Es sagt sich schnell dahin und meint letztlich (nur) Guilty Pleasure.
 

Sat1: Nach Skandal: Das sagen die Kandidaten zu den Mobbing-Vorwürfen! | Promis unter Palmen (2020)



Desintegrativer Habitus

Ob Guilty Pleasure oder gänzlich humorbefreite Formate, wenn Scham im Spiel ist, geht es immer um „unterstellte oder tatsächliche Gruppennormen“ (Hallenberger 2021, S. 66). Diesbezüglich ist das Verhältnis von Scham und Beschämung bei TV-Formaten in zweierlei Hinsicht zu hinterfragen. Ist die Beschämung oder die Scham über die sichtbare Beschämung die Norm? Die benannten Formate spielten mit unseren Grenzen und ermöglichten es, dass wir uns in intensiver Form selbst erleben, so Hallenberger. Zweifellos eine recht positive Interpretation, aber ist es auch im Sinne des Jugendschutzes eine förderliche Form, wenn eskalierende TV-Shows Mobbingkulturen inszenieren?

Die Entscheidungen der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) bezüglich dieser Formate kreisten im Kern um die Frage, ob das sanktionsfreie Mobbing oder Bullying in solchen TV-Shows als abträgliches Sozialverhalten für Kinder zu erkennen ist. In der Regel ist davon auszugehen, dass bereits Kinder und Jugendliche in der Lage sind, ein abstoßendes, sozial unverträgliches und moralisch verwerfliches Verhalten wahrnehmen und moralisch einordnen zu können. Wenn aber die gröbsten Mobber auch die Gewinner sind, läuft etwas falsch im Unterhaltungskosmos. Die süffisante, ironische Kommentierung in den Shows ist dann als Einordnung zu schwach und verstärkt eher Häme und Spott. Oder, um hier Matthias Struchs Fazit zu Promis unter Palmen anzuführen: Dass am Ende der Meister des antisozialen Verhaltens Bastian Yotta gewinne, sei unter Wirkungsaspekten des Kinder- und Jugendmedienschutzes eigentlich ein Sakrileg, spreche aber weder gegen die Sendung, die Kandidatinnen und Kandidaten, die Macherinnen und Macher noch gegen das Publikum – das mache allein die Quote.

Denn klar ist: Gut und gerecht ist das nicht.“ (Struch 2020)

Das Mobbing führte zwar im Nachhinein bei Staffelsieger Yotta und anderen Teilnehmenden zu Verlusten bei Geschäftsbeziehungen, aber die spielerische Inszenierung des Zivilisationsbrüchigen hat kaum pädagogisch positive Effekte.

Schnell gerät man hier in die Empörungsfalle. Natürlich spricht einiges dafür, diese Formate auch dort zu belassen, wo sie sind, nämlich im Unterhaltungskontext. Alles halb so wild? Auch das Unterhaltungsfernsehen ist eine Beobachtungsapparatur von Sozialverhalten – gerade im Reality-Bereich. Die Klagen über Hass- und Mobbingkulturen, die längst über die sozialen Netzwerke hinausreichen, werden zu wohlfeilen Plattitüden, wenn nicht auch die Beschämungsformate letztlich als ein Resonanzboden für Ausgrenzungskulturen erkannt werden. Scham bleibt ein Querschnittsthema heutiger Medienkulturen, das gilt nicht nur für die Unterhaltung und den Boulevard.

Carmen Krämer publizierte erst kürzlich eine Studie, in der sie den Würdebegriff in Bezug auf Casting- und Reality-TV-Formate diskutiert. Begriffe wie „Erniedrigung“ oder „Demütigung“ sind juristisch nicht immer eindeutig zu fassen. Die Autorin arbeitet aber detailliert heraus, was bei Formaten wie DSDS eigentlich passiert.

All diese Demütigungen und Erniedrigungen treffen das Ansehen real existierender Persönlichkeiten, die im Anschluss an die Sendung mit dieser Bewertung leben müssen. Derartige Diffamierungen werden nicht nur absichtlich ausgestrahlt, sondern auch absichtlich geäußert, um den Unterhaltungswert zu steigern.“ (Krämer 2020, S. 256)

So könne in der Konsequenz die Ausstrahlung selbst ein Akt der Demütigung sein. Hatten wir das nicht schon einmal?
 

Alte diskursive Schlachten

Vieles erinnert an die Diskussionen aus den 1990er-Jahren. Struch wies in seinem Beitrag zu Promis unter Palmen auf den Code of Conduct aus dem Jahr 1998 hin, der damals vom VPRT (Verband Privater Medien, heute VAUNET) in Zusammenarbeit mit der FSF erarbeitet wurde. Fast alle Argumentationslinien hinsichtlich einer sozialethischen Desorientierung lassen sich auf heutige Formate übertragen. Es ging damals um die Wirkungsabschätzung bezüglich einer medial inszenierten Amoral oder antisozialen Verhaltens, vor allem in den verrufenen Daily Talks, die viel Ärger erregten. Es gab aber immer auch abwägende Positionen, die diese eher als Moralbildungsprozesse verstanden und die Empörung zurückwiesen. Zuschauer griffen auf eine verinnerlichte Hierarchie von Werten zurück, die sie mit den Beschimpfungsorgien kontrastiv vergleichen konnten (siehe z.B. Grimm 2001). Das Publikum durchschaue also die inszenatorischen Fallstricke.

Ähnliche Diskussionen folgten, als die Scripted-Reality-Formate auf den Markt kamen. Es ist müßig, die alten diskursiven Schlachten erneut auszufechten. Eher ist zu fragen, welche Voraussetzungen sich änderten, weshalb heutzutage eine andere Bewertung zum Tragen kommen könnte. Der Siegeszug eskalierender Dramaturgien im Lichte der Aufmerksamkeitsökonomie ist offensichtlich, aber die Wahrnehmung diskriminierender und beschämender Inszenierungen ist sensibler geworden. Die Disposition heutiger Medienkulturen ist also eine andere. Soziale Netzwerke und Plattformen sind in Teilen leider auch Arenen der Niedertracht. Nicht nur diese Erkenntnis beeinflusst die Bewertung solcher Formate. Anders gesagt: Es kann nicht egal sein, ob Mobbing sanktionslos aufgewertet und belohnt wird oder nicht. Letztlich muss es darum gehen, einem antisozialen Verhalten den Erfolgsnimbus zu nehmen.
 

Erschöpfte Dramaturgien

Warum setzen viele Reality-Spiel-Formate exzessiv auf den Mix aus Sentimentalität und Beschämungslust? Erstaunlich, dass immer noch das Schlachtross Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!, wenn auch in mutierter Form, am Start ist. Es hat sein Publikum, aber erschöpfte Dramaturgien bedürfen der Grenzüberschreitung. Daher besteht der Zwang in Spiel- und Reality-Formaten zur Eskalation. Tanja Deuerling wies erst kürzlich darauf hin, dass Realityshows bei kommerziellen Anbietern immer noch als das Erfolg versprechende Genre gehandelt werden, und prognostizierte „zwangsläufig“ noch mehr Krawall, um wahrgenommen zu werden (Deuerling 2020, S. 79). Das gilt übrigens nicht nur für die Reality-Flaggschiffe.
 


Sichtbar wird die neoliberale Grundierung unserer Gesellschaft, in der Status und Stärke – oder besser Rücksichtslosigkeit – eine zentrale Rolle einnehmen.



Spuren dessen sind auch bei den angesagten Großmeistern der aberwitzigen Challenges zu finden: Joko und Klaas. Deren Spielszenarien in Das Duell um die Welt kokettieren bei aller Sympathie und Raffinesse ebenfalls mit dem Prinzip der Beschämung. Ein Beispiel dafür bot die Vanessa-Mai-Challenge in der Folge vom 5. Dezember 2020, als sie sich auf hoher See übergeben musste und das Video wiederholt präsentiert und danach für die Social-Media-Belustigung veröffentlicht wurde. Natürlich ironisch geframt, doch das Video wird bleiben. Keine große Sache, aber es ist wie bei den endlosen Satire-darf-alles-Diskursen, die oft Alibicharakter haben: Wir haben’s euch ja gesagt – aber trotzdem gezeigt. Und natürlich sollte man auch die Kirche im Dorf lassen. Die ProSieben-Premiumgesichter Joko und Klaas liefern, was von ihnen erwartet wird. Keine Biederkeit. Wie fasste es Klaas am Ende der Show vom 5. Dezember 2020 kokett zusammen: „Unsere Kernkompetenz ist Ekel und Scham.“ Nicht erst seit Männerwelten wissen wir, dass sie viel mehr zu bieten haben.
 

Neoliberale Bruchstellen

Scham ist ein virulentes Gesellschaftsthema und Schadenfreude eine Ursubstanz des Unterhaltungsbedürfnisses. Ob Verstehen Sie Spaß? oder Pannenclipshows: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Aber schaden, um für Spott zu sorgen, ist der falsche Weg. Es sei daran erinnert, dass auch bei diesen Formaten eine affektive Verknüpfung von Unterhaltung und Information über die soziale Realität mitspielt. Sichtbar wird die neoliberale Grundierung unserer Gesellschaft, in der Status und Stärke – oder besser Rücksichtslosigkeit – eine zentrale Rolle einnehmen. So fügen sich all die „Sommerhäuser“ und „Palmenpromis“ letztlich in ein Gesamtbild ein, das viel weiter gefasst werden muss und nur bedingt im Jugendmedienschutz bearbeitet werden kann. Die flotte, reflexhafte Forderung, Kinder und Jugendliche von diesen Formaten eher fernzuhalten, ist durchaus nachvollziehbar, aber eine Sisyphosarbeit mit wenig Aussicht auf Erfolg. Wir werden mit den kompetitiv ausgerichteten Grenzausdehnungen leben müssen, sie repräsentieren spielartig Sozialmuster, an denen zivilisatorische Bruchstellen sicht- und diskutierbar werden. Unproblematisch sind sie deswegen noch lange nicht, vor allem angesichts ihrer innewohnenden Beschämungsdynamik.
 

Literatur:

Deuerling, T.: Zwischen Eskapismus und Eskalation. TV-Trends im New Normal. In: tv diskurs, Ausgabe 94, 4/2020, S. 78–81. Abrufbar unter: https://tvdiskurs.de (letzter Zugriff: 13.03.2021)

Grimm, J.: A-Moral, Anti-Moral, zügellose Moral. Zu normativen Aspekten von Daily Talks. In: tv diskurs, Ausgabe 17, 3/2001, S. 50–57. Abrufbar unter: https://tvdiskurs.de (letzter Zugriff: 14.02.2021)

Hallenberger, G.: Guilty Pleasure. In: tv diskurs, Ausgabe 95, 1/2021, S. 66–67. Abrufbar unter: https://tvdiskurs.de (letzter Zugriff: 14.02.2021)

Krämer, C.: Menschenwürde und Reality TV. Ein Widerspruch? Baden-Baden 2020

Mantel, U.: TV-Hits 2020: Die meistgesehenen Sendungen des Jahres. In: DWDL.de, 28.12.2020. Abrufbar unter: www.dwdl.de (letzter Zugriff: 15.03.2021)

Quinn, R. A.: Scham und Beschämung. Grundbegriffe der Kommunikations- und Medienethik (Teil 17). In: Communicatio Socialis, 3/2019/52, S. 356–361

Struch, M.: PuP, ein (neues) Format sorgt für (neue) Aufregung. Warum eigentlich?. In: FSF Blog, 04.06.2020. Abrufbar unter: https://blog.fsf.de (letzter Zugriff: 14.02.2021)

VPRT: Freiwillige Verhaltensgrundsätze der im VPRT zusammengeschlossenen privaten Fernsehveranstalter zu Talkshows im Tagesprogramm vom 30. Juni 1998 (Code of Conduct). In: tv diskurs, Ausgabe 6, 3/1998, S. 90–91, Abrufbar unter: https://tvdiskurs.de (letzter Zugriff: 21.04.2021)