„Al Pacino – Star wider Willen“

Die Entstehung einer Doku über einen Star

Lukas Hoffmann

Lukas Hoffmann ist freiberuflicher Autor, Filmemacher und Musiker.

Der Schauspieler Al Pacino wurde im April dieses Jahres 80 Jahre alt. Zum Geburtstag widmete ihm die Kölner Filmproduktion BROADVIEW TV im Auftrag des Senders 3sat ein einstündiges Porträt. Was es bedeutet, sich an die Fersen eines Stars zu heften und welche Probleme und Überraschungen die Entstehung eines solchen Films mit sich bringt, wird hier aus Sicht des Autors und Regisseurs beschrieben.

Online seit 09.06.2020: https://tvdiskurs.de/beitrag/al-pacino-star-wider-willen/

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Warum ausgerechnet Pacino? Die erste Idee

Wenn man Leute auf der Straße anspricht: „Hey, kennst du Al Pacino?“, kommt von den meisten entweder: „Ja klar, der aus dem Paten, wie hieß er da noch? oder aber: „Say hello to my little friend!“, das wohl berühmteste Zitat Al Pacinos alias Tony Montana aus dem Kultfilm Scarface (1983).

Wie viele Gesichter Al Pacino wirklich hat, wissen aber nur eingefleischte Filmfans. Ein machtbesessener Gewerkschaftsboss, ein von Ehrgeiz zerfressener Trainer, ein einsamer Bulle, ein eiskalter Killer. In jedem seiner mittlerweile weit über 50 Filme blickt uns ein anderes Gesicht entgegen. Er ist ein Verwandlungskünstler, schlüpft gekonnt in jede Rolle. Aber was für ein Mensch verbirgt sich dahinter? Wie viel vom Leinwand-Pacino steckt im Menschen Pacino? Und ist die Privatperson ebenso vielschichtig wie seine dargestellten Charaktere?
 


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Als der Auftrag von 3sat kam, den Film zu machen, waren das einige der Fragen, die mich bewegten. Eine weitere gab der Dokumentation ihren Untertitel: Star wider Willen. Al Pacino geriet unfreiwillig ins Rampenlicht. Er wurde zum gefeierten Star, obwohl er es anfangs gar nicht wollte. Seine eigentliche Liebe gilt dem Theater. Wenn es nur nach ihm gegangen wäre, würde er heute noch lediglich auf kleinen Bühnen vor kleinem Publikum spielen. Doch seine Rolle als Michael Corleone in Der Pate (OT: The Godfather, 1972) machte aus ihm einen Weltstar. Plötzlich waren alle Spotlights auf ihn gerichtet. Was das mit ihm machte, wie der Ruhm den Menschen Pacino veränderte, sollte der zweite wichtige Aspekt und der rote Faden der Dokumentation werden.
 

Materialschlacht: die Qual der Wahl

Mehrere Biografien wälzen, lange Nächte vorm Rechner und der Glotze. Am Anfang ist der Anspruch: Ich muss alles über ihn gelesen, alles von ihm gesehen haben. „Du darfst während deiner Arbeitszeit rund um die Uhr Fernsehen schauen, wie geil ist das denn! Und du beschwerst dich noch?“, kriegt man neidvoll von Freunden zu hören. Dass das nicht immer nur cool, sondern auch ziemlich zermürbend sein kann, verstehen die wenigsten. Damit meine ich nicht die Filme Pacinos an sich, die sind mit wenigen Ausnahmen total spannend. Es ist die schiere Endlosigkeit seines Werkes. „Mein Gott, was hat der Junge denn alles gespielt“, denke ich.

Der Anspruch „alles sehen“ wird schnell zum aussichtslosen Unterfangen. Zumal in der 3sat-Auftrags-Doku wenig Zeit bleibt, sein Leben zu erzählen. Ein Leben von 80 Jahren, ein kreatives Pulverfass wie Pacino – komprimiert auf 60 Minuten Sendezeit? Wie, bitte, soll das möglich sein? Es gilt radikal auszusieben, auch wenn das bei Pacino echt schwerfällt. Was soll rein, was kann weg? Die wichtigste Frage: Welche Filme sind wirklich relevant für die Dramaturgie des eigenen Films? Welche sind die Schlüsselrollen seiner Karriere? Sein Debüt, sein Durchbruch, seine Krise, sein Absturz, sein Comeback. Die Dokumentation funktioniert im besten Fall ähnlich wie die Heldenreise im Spielfilm. Da landet dann automatisch die ein oder andere DVD wieder auf dem Speicher oder im Wandschrank. Zu dieser rein dramaturgischen Sortierung stellen sich mir bei einer schillernden Person wie Pacino schnell weitere erzählerische Fragen:

Welche seiner Rollen lassen sich mit der Person dahinter verknüpfen? Welche erzählen uns auch etwas über den Menschen Pacino? Schließlich gilt Pacino als ein Meister des sogenannten Method Actings, einer Schauspielkunst, die der Theaterregisseur Lee Strasberg entwickelte. Es bezeichnet eine Methode, die mittels eigener persönlicher Erinnerungen die vollkommene Identifikation mit der Rolle ermöglicht. Der Darsteller wird förmlich zu der gespielten Rolle. Für einen Filmemacher natürlich ein unheimlich faszinierender Gedanke. Plötzlich verwischen die Grenzen, es vermischen sich Fiktion und Realität. Darsteller und Person sind nicht mehr voneinander zu trennen. Pacino ist auch nach Drehschluss noch in seiner Rolle, was dazu führt, dass sein Gegenüber oft nicht genau weiß: Mit wem habe ich es denn hier gerade zu tun? Mit einer deiner Rollen oder dir selbst? Je nach aktueller Filmrolle war das nicht immer nur witzig. Da konnte einem auch mal anders, wenn nicht gar Angst und Bange werden, weiß einer seiner Freunde zu berichten.
 



Das Zitatrecht: der Alptraum eines jeden Autors

Als Filmemacher malt man sich seinen Film in den schillerndsten Farben aus. Look und Ästhetik dürfen da dem erzählerischen Anspruch keineswegs nachstehen. Wenn man schon in Hollywood dreht, soll es bitte auch nach Hollywood aussehen. Schließlich machen es uns Netflix & Co ja Abend für Abend vor.

Die Realität sieht dann leider etwas anders aus. Spätestens wenn die gebauten Luftschlösser auf die Kalkulation des Senders und des Produzenten treffen. Die müssen den Film schließlich finanzieren. Da hilft nur noch Kreativität, die so manches Schlupfloch bietet.

Im Falle eines Star-Porträts über einen Schauspieler steht man aber noch vor einer ganz anderen Herausforderung: dem Einbinden von Filmausschnitten. Diese darf man nämlich nur als Zitat verwenden, ansonsten muss man eine Lizenz kaufen. Das würde bei dem zur Verfügung stehenden Budget den Rahmen sprengen und die Produktionsfirma in den finanziellen Ruin treiben. Bei allen in der Dokumentation verwendeten Spielfilm-Sequenzen muss also das Zitatrecht greifen. Heißt: Die jeweiligen Szenen müssen frei für sich stehen, dürfen nicht bearbeitet werden. Kein Schnitt, keine Musik – noch nicht einmal Blenden sind erlaubt. Hinzu kommt, dass jede verwendete Szene eine Aussage illustrieren muss. Zum Beispiel: Wenn man über die spezielle Gestik oder Mimik Pacinos spricht, muss die gezeigte Szene genau darauf Bezug nehmen und den Sachverhalt belegen. Das klingt nicht nur verklausuliert, sondern ist es auch.

Der große Erzählbogen, das mühsam errichtete Kartenhaus bricht da erstmal zusammen. Die spannende Heldenreise droht zu einer rein sachlichen Filmanalyse zu werden. Ein Alptraum für jeden Filmemacher. Jegliche Dramaturgie scheint dahin.
 

Wieder ruhig schlafen unter dem Stern des Zitats

Es folgen schlaflose Nächte: Wie soll ich daraus bloß jemals eine sinnvolle Story stricken? Im ersten Moment scheint das Zitatrecht der reinste Fluch zu sein. Ich fühle mich in meiner künstlerischen Freiheit mutwillig und unnötig eingeschränkt. Mit der Zeit verstehe ich aber auch den Segen. Schließlich heißt es auch, dass wir Pacino in möglichst vielen Rollen und viele seiner Gesichter erleben können. Und dass mein Cutter und ich – solange wir uns an die Spielregeln halten – so viele Ausschnitte einschneiden dürfen, wie wir wollen. Zumal sich in den Archiven außer jeder Menge Fotos nicht sehr viel anderes Bewegtmaterial von Pacino findet.

Wir machen uns also ans Werk. Für uns Filmfreaks natürlich ein Traum. Es dauert nicht lange, da platzt die Timeline im Schnitt vor Filmszenen aus allen Nähten. Wieder die Qual der Wahl, dabei hatte ich doch vorher schon radikal aussortiert. Und im Schnitt ist man ja sowieso jeden Tag auf der Flucht. Doch die Fleißarbeit soll sich bezahlt machen.

Die ersten Schnitttage verbringen wir nur damit, einzelne Szenen genau unter die Lupe zu nehmen und noch gezielter auszusuchen. Was genau erzählen sie über Al Pacino? Was macht seine Schauspielkunst im Kern aus? Wie lassen sie sich auf unsere Thesen beziehen? Wie funktionieren sie im Wechselspiel mit den geführten Interviews?

Und so sind wir auch schnell wieder bei der Frage: Was erzählen die Szenen noch über den Menschen hinter der Rolle? Warum spielt er sie in dieser Lebensphase? Wie machen sie mit ihm, wie verändern sie ihn?

Wieder ist das Spannungsfeld zwischen der eigentlichen Person und dem Darsteller der springende Punkt. Immer in den Momenten, wo die Ausschnitte ein Intermezzo mit der Realität des Schauspielers bilden, knistert es. Dann sind die Filmsequenzen nicht nur bloße Belege, sondern erzählen so viel mehr. Und das, obwohl sie juristisch für sich stehen. Mit dieser Strategie lässt es sich zumindest wieder etwas ruhiger schlafen. 
 



Ein Film über Al Pacino ohne Al Pacino

Ein Film über einen Star ohne Stars lässt sich schlecht verkaufen. Ein prominenter Name zieht immer. Was drauf steht, ist im Endeffekt immer wichtiger als das, was drin ist, sagt zumindest der Vertriebler. Viele Filme sind ja deshalb auch eine Mogelpackung. Reines Marketing!

Aber wie sieht das von der erzählerischen Warte aus? Lässt sich ein Film über einen Star wie Al Pacino ohne Al Pacino machen? Von Anfang an war das Ziel: Wir wollen Al Pacino im Interview. Und dafür tun wir alles, was in unserer Macht steht. Die erste Anfrage geht an ihn raus. Doch bei allen Interviewanfragen in die USA besteht erst einmal das Problem der Zeitverschiebung. Ohne zweite Schicht bis tief in die Nacht hinein ein Ding der Unmöglichkeit. Es bleibt ein denkbar kleines Zeitfenster von circa drei Stunden, in denen man mit den USA telefonieren kann. Hinzu kommt, dass der Amerikaner eine ausländische Nummer für gewöhnlich nicht annimmt. Geschweige denn, dass er auf die Idee käme zurückzurufen. Mailanfragen an die Agenten oder Publizisten der Stars versanden in 90 % der Fälle. Man kann sich glücklich schätzen, wenn man eine Absage erhält. Immerhin eine Antwort! Insgesamt beläuft sich die Anzahl der Interviewanfragen bei solch einem Star-Porträt auf 50 bis 100. Im Fall von Al Pacino sind es an die 60 Anschreiben, die per Mail rausgingen. Die allermeisten davon unbeantwortet. Frust, Ärger und Wut mischen sich mit Enttäuschung, bis zu dem Punkt, an dem ich am liebsten das Handtuch werfen würde.
 

Das Skript geht vor die Hunde

Als Filmemacher verliebe ich mich in Geschichten. Und das schon während der Recherche. Bei Al Pacino ist das zum Beispiel Michelle Pfeiffer, die wundervolle Anekdoten zu ihren gemeinsamen Auftritten mit Al Pacino in den Filmen Scarface (1983) – immerhin auch ihr eigener Durchbruch – oder Frankie & Johnny (1991) auf Lager hat. Sofort landen diese Szenen im Drehbuch, lassen sie doch das eigene Herz und somit hoffentlich auch das der Zuschauer höherschlagen. Eine Antwort des Managements! Keine Absage! Wochenlanges Zittern, hoffentlich macht sie mit. Dann doch die Absage. Der Block fliegt wieder raus, wieder alles umwerfen. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Auch Martin Sheen hatte anfänglich zugesagt. Doch noch ein Promi! Nur noch schnell einen Termin vereinbaren. Dem Vertriebler leuchten schon die Dollarzeichen in den Augen! Plötzlich, aus unerfindlichen Gründen mitten auf der Drehreise eine Mail von seinem Agenten: wieder eine Absage. Das kann doch nicht wahr sein, es ist wie verhext. Das komplette Drehbuch für die Tonne.
 

Andere Stars machen das Rennen

Dann aber sagen unverhofft sechs Leute zu. Es sind nicht unbedingt die Wunschkandidaten. Auch nicht die A-Riege der Stars, die dem Film einen Ehrenplatz im Regal des Vertrieblers sichern würde. Dafür nehmen sich diese Menschen Zeit. Und haben einiges zu erzählen. Der Film nimmt plötzlich eine andere Richtung. Ich gehe mit ihren Geschichten, passe meine Dramaturgie stetig im Kopf an, statt sie in ein vorgefertigtes Handlungskorsett zu zwingen. 
 


Statt Martin Sheen in Los Angeles treffen mein Team und ich Jerry Schatzberg in seinem New Yorker Atelier. Der Typ ist nicht nur der Regisseur von Pacinos erstem Film (Panik im Needle Park, 1971), sondern unter Fotografen eine echte Legende. Michelle Pfeiffer, wer war das nochmal? Jetzt nimmt Steven Bauer ihren Platz ein. Und am Pool des Roosevelt-Hotels direkt am Hollywood-Boulevard spüren wir alle, wie viel ihm die Zeit mit Al Pacino während der Dreharbeiten zu Scarface (1983) wirklich bedeutet hat. Es sind Momente, die einem nahegehen. Momente, die man so nicht schreiben oder planen kann. Es sind viele Zufälle, die die Drehreise begleiten. Tag und Nacht pure Anspannung und Nervenkitzel. Denn Zeit, den vergangenen Tag zu verdauen, bleibt nicht. Abends im Hotel gilt es den nächsten Tag vorzubereiten. Stets in Erwartung neuer guter oder böser Überraschungen.
 

Warten auf Mr. Pacino

Das Gute ist: Am Ende wird immer ein Film draus. In unserem Fall fehlt aber nach wie vor der Hauptprotagonist. Lange lässt er uns zappeln. Gefühlt spielt er, ähnlich wie als Cop Vincent Hanna im Thriller Heat (1995), Katz und Maus mit uns. Es kommt weder eine Zusage noch eine Absage. Dabei sind wir gleich mehrere Male so knapp davor, ihn zu treffen.

In Paris bringt uns seine damalige Lebenspartnerin, die Schauspielerin Marthe Keller, den privaten Al näher. In New York dürfen wir mit Pacinos Einverständnis im Actors Studio drehen, jenem legendären, ja fast heiligen Ort, wo er die Schauspielkunst erlernte und sonst kein Filmteam reinkommt. Und in Los Angeles erzählt unser Interviewpartner Gray Frederickson (Co-Produzent Der Pate I-III), dass er gestern Abend Al beim Abendessen getroffen habe. Und das rein zufällig. Es scheint, als würde er jedem über den Weg laufen, nur uns nicht. Die Hoffnung stirbt für gewöhnlich zuletzt. Am Ende kommt aber dann doch die finale Absage. Insgeheim habe ich auch nicht mehr mit einer Zusage gerechnet. Vielleicht, weil er bis zum heutigen Tag ein sehr scheuer Mensch ist und den ganzen Rummel um seine Person verabscheut. Ein durchaus nicht unsympathischer Charakterzug. Oder weil es dann doch etwas völlig anderes ist, über sein eigenes Leben zu sprechen, als einen laut schreienden Machtmenschen zu spielen, wie zuletzt in Martin Scorseses Gangsterepos The Irishman (2019).
 



Tatsache ist: Mit ihm wäre es ein vollkommen anderer Film geworden. Vielleicht ein besserer, vielleicht ein schlechterer. Vielleicht sieht er ihn irgendwann selbst und fällt sein eigenes Urteil. In jedem Fall aber ist es ohne ihn der leichtere Film geworden. Denn wie faszinierend, aber auch wahnsinnig kompliziert dieser Mensch wirklich ist, darüber habe ich in den letzten Monaten viel gelernt.

Nachträglich alles Gute zum 80. Geburtstag, Mr. Pacino!