20 Jahre jung: doxs!

Das Dokumentarfilmfestival für Kinder und Jugendliche

Barbara Felsmann

Barbara Felsmann ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkt „Kinder- und Jugendfilm“ sowie Autorin von dokumentarischer Literatur und Rundfunk-Features.

„Wir lassen uns von Filmen überraschen, nicht von den Einschränkungen der Pandemie“ hieß es trotzig im Programmheft von doxs!. So wurde das Festival zu seinem 20. Jubiläum als hybride Veranstaltung durchgeführt und damit zumindest im Internet sogar um eine Woche verlängert.

Online seit 01.12.2021: https://tvdiskurs.de/beitrag/20-jahre-jung-doxs-beitrag-772/

 

 

Doxs!, das seit seiner Gründung im Rahmen der Duisburger Filmwoche stattfindet, ist bundesweit das älteste Dokumentarfilmfestival für ein junges Publikum. 2002 von Gudrun Sommer ins Leben gerufen, hat es sich zu einem Festival entwickelt, das anspruchsvolle und innovative dokumentarische Formate präsentiert und zugleich auf die Partizipation seines Zielpublikums setzt. Nicht nur dass eine Jugendjury seit 2011 den europäischen Filmpreis GROSSE KLAPPE vergibt und auch die gesamte Preisverleihung moderiert, so bietet doxs! inzwischen übers Jahr verteilt eine Reihe von Projekten im Bereich Filmbildung und Medienkompetenz an.

2008 beispielsweise wurde das Projekt dok you initiiert (heute doxs! schule), bei dem Filmemacher*innen bei der Findung und Entwicklung von Stoffen eng mit Schulklassen aus Nordrhein-Westfalen zusammenarbeiten, um „Dokumentarfilme für und mit Kindern und nicht allein über Kinder“ entstehen zu lassen. 2014 entstand dann das Projekt doku.klasse, bei dem Jugendliche im Alter von 16 bis 23 Jahren bereits im Stadium der Stoffentwicklung an der Entstehung eines Dokumentarfilms für die ZDF/3sat-Reihe Ab 18! beteiligt sind.

Doch doxs! hat sich auch flächenmäßig ausgebreitet. So präsentiert das Festival seit 2013 unter dem Label doxs! ruhr in Kooperation mit Freunde der Realität. Verein zur Förderung des Dokumentarfilms für Kinder und Jugendliche e.V. zeitgleich ausgewählte Programme auch in Gelsenkirchen, Moers, Essen, Bochum, Bottrop und Dortmund und kommt dort mit seinem jungen Publikum ins Gespräch.
 

Die Herzensfilme aus 20 Jahren doxs!

Zum Jubiläum hatten sich Gudrun Sommer und ihr Team etwas Besonderes ausgedacht. Wegbegleiterinnen und -begleiter von doxs! präsentierten ihre Lieblingsfilme aus den letzten 20 Jahren, unter anderem die beiden bewegenden Mandima-Produktionen von Robert-Jan Lacombe.

In Kwa Heri Mandima (Auf Wiedersehen Mandima) aus dem Jahr 2010 schildert der Filmemacher anhand von Fotos und privaten Archivaufnahmen den Abschied aus seiner Heimat. Geboren und aufgewachsen im Dorf Mandima im damaligen Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, musste er als Zehnjähriger kurz vor Beginn des Bürgerkriegs mit seiner Familie nach Europa zurückkehren, seine Freunde verlassen und einen Neustart in einem ihm fremden Land beginnen. 2011 entstand dann der Dokumentarfilm Retour à Mandima (Rückkehr nach Mandima). Da war der 25-jährige Filmemacher nach Mandima zurückgekehrt, um noch einmal die Stätten seiner Kindheit, die Menschen, die ihn begleitet haben, und seine Freunde aufzusuchen. Es sind höchst aktuelle Fragen, die hier Robert-Jan Lacombe verhandelt: nämlich der Verlust von Heimat, die Entwurzelung der Menschen durch Krieg und Flucht.
 

Auf Wiedersehen Mandima ( Kwa Heri Mandima, CH 2010)



Fluchterfahrungen von Kindern und Jugendlichen war ein Thema, das immer wieder in den dokumentarischen Beiträgen bei doxs! aufgegriffen wurde, aber auch die Bewältigung von schwierigen Lebenssituationen, wie z.B. schwere Krankheiten oder körperliche Beeinträchtigungen, soziale Probleme oder Gewalt in der Familie oder die Abwesenheit von Eltern durch Sucht oder Gefängnis. Also Themen, die in der deutschen Kindermedienlandschaft eher seltener zu finden sind. Und immer wieder waren Filme von selbstbestimmten jungen Menschen zu sehen, die ihren Wünschen und Träumen nachgehen.  

Neben der Vielfalt sowie Relevanz der Themen setzte das Duisburger Festival in all den Jahren auch auf unterschiedliche Handschriften, die die junge Generation mitunter mit ungewöhnlicher Ästhetik überraschte. So wurden immer wieder auch experimentelle Formate ins Programm genommen, wie beispielsweise die polnisch-belgische Koproduktion Figura aus dem Jahr 2015. In nur neun Minuten begleitet Regisseurin Katarzyna Gondek mit der Kamera die Herstellung und den Transport einer überdimensionierten, weißen Figur vermutlich aus Styropor. Ohne Dialoge, nur in Bildern und Geräuschen, des Öfteren assoziativ verfremdet, zeigt sie die Fahrt des riesigen Kopfes auf einem Schwertransporter über die verschneiten Landstraßen Polens, vorbei an Städten, Dörfern und Häusern, bis er an seinem Bestimmungsort angekommen ist und zur größten Papststatue der Welt zusammengebaut werden kann. Ein wunderbarer, surrealer Film, der Staunen, Lachen und Nachdenken provoziert.
 

Trailer Figura (PL/B 2015)



Zum ersten Mal: digitaler 360-Grad-Dokumentarfilm

Auch in diesem Jahr wurde dem jungen Publikum ein ganz besonderes Seherlebnis bereitet. Auf der Online-Plattform von doxs! ruhr wurde als Novum der interaktive 360-Grad-Dokumentarfilm Kinshasa now des belgischen Regisseurs Marc-Henri Wajnberg präsentiert. Kinshasa now erzählt die Geschichte des Jungen Mika aus Kongo, der der Hexerei beschuldigt und aus dem Haus gejagt wird. Als Straßenkind schließt er sich einer Gang an, bis er letztendlich in einem Kinderheim aufgenommen wird. Das Besondere bei diesem Film ist, dass mithilfe von Tastatur oder Touchscreen der Blickwinkel der Kamera verlassen und das Daneben, Darunter sowie Darüber erlebt werden kann. Ausgehend von Mika, der ja im Mittelpunkt des semidokumentarischen Films steht, kann man sich so auch intensiv mit der Umgebung, dem Leben in Kinshasa, aber auch mit Nebenfiguren, wie z.B. Mikas Vater, seiner Frau Maguy, dem Pfarrer in der Kirche und den Gläubigen, beschäftigen. Allerdings muss dieser Film am Computer gesehen werden und das wirklich mehrmals, um all die intensiven Bilder auch zu erfassen.
 

Trailer Kinshasa Now (B 2020)



Der diesjährige Herzensfilm der Jugendjury

„Der Gewinner der GROSSEN KLAPPE 2021 bricht ein Schweigen. Ein Schweigen, das sich wie ein roter Faden durch die Filmgeschichte zieht.“ So beginnt die ausführliche Begründung der doxs!-Jugendjury für ihre Preisvergabe an den belgischen Dokumentarfilm Dans le silence d’une mer abyssale (In der Stille eines abgrundtiefen Meeres) von Juliette Klinke.

Die Drehbuchautorin und Regisseurin, die sich innerhalb des Kollektivs Elles font des films für die Sichtbarkeit von Frauen in der Filmindustrie einsetzt, erinnert in ihrer Arbeit an Filmpionierinnen aus den Anfängen des Kinos bis 1940, die in der Filmgeschichtsschreibung kaum oder gar nicht vorkommen. Die sozusagen immer noch in der Stille eines abgrundtiefen Meeres ruhen. Dafür hat Juliette Klinke Archivaufnahmen aus Filmen und Fotos dieser Frauen zusammengeschnitten und diese teilweise bearbeitet, so als ob Filmmaterial vernichtet wird, oder mit Meereswellen überblendet.

In ihrem sehr persönlichen Off-Kommentar erzählt sie von ihrem Werdegang zur Regisseurin und davon, dass diese Frauen noch nicht einmal im Studium eine Rolle spielten und sie selbst glaubte, dass die Filmkunst von Anfang an eine Männerdomäne gewesen sei.

In den Mittelpunkt werden hier Filmpionierinnen gestellt wie Alice Guy-Blaché, die 1896 den ersten Spielfilm überhaupt gedreht hat, oder Germaine Dulac, die noch vor Buñuels Ein andalusischer Hund (1926) den ersten surrealistischen Film schuf, oder Lotte Reiniger, die mit ihren Scherenschnitt-Filmen Walt Disney beeinflusste, abgesehen von den vielen afroamerikanischen Filmemacherinnen, die lange Zeit so gut wie unbekannt blieben.

Doch Juliette Klinke kritisiert nicht nur die männliche Geschichtsschreibung, sondern fragt sogleich, „wie sie als junge Filmemacherin erwarten kann, dass ihre Arbeit gesehen und anerkannt wird, wenn der Fußabdruck der Pionierinnen immer noch ein Problem zu sein scheint“.
 

Die GROSSE KLAPPE 2021: Dans le silence d’une mer abyssale (B 2021) von Juliette Klinke



Für mich, die einer Frauengeneration angehört, die sich bereits in den 1980er-Jahren für die Sichtbarkeit von Frauen in der Literatur-, Kunst- und Wissenschaftsgeschichte engagiert hat, ist es interessant, dass es hier immer noch so große Defizite zu geben scheint. Der Off-Kommentar der Filmemacherin klingt, als ob die heutige Frauengeneration sozusagen bei null anfangen muss. Das hat mich etwas irritiert und einen Blick ins World Wide Web provoziert. All die Filmpionierinnen sind dort zu finden, auch mit einer Würdigung ihres Schaffens. So wird beispielsweise Germaine Dulac der erste surrealistische Film zugeschrieben. Aber wenn es dann um den Surrealismus als solches geht, taucht die Pionierin in den Artikeln nur noch am Rande oder gar nicht auf. „Wer entscheidet, was erinnerungswürdig ist?“, fragt die Regisseurin in ihrem Film und mischt sich durch ihre Arbeit glücklicherweise ein in die Erinnerungsarbeit.

Dass übrigens die sieben Mädchen wie die beiden Jungen aus der Jury diesen Film mit der GROSSEN KLAPPE ausgezeichnet haben, zeigt, dass Juliette Klinke hier eine Thematik anspricht, die auch Jugendliche sehr beschäftigt, weil – wie es in ihrer Begründung heißt – „sie ermutigt, die eigenen sozialen Konstrukte zu reflektieren“.
 

GROSSE KLAPPE 2021 - Die nominierten Filme von doxs! auf Vimeo.