1968 … und der Jugendmedienschutz

Gerd Hallenberger

Dr. habil. Gerd Hallenberger ist freiberuflicher Medienwissenschaftler.

Welchen medialen Gefährdungen waren Jugendliche in der Bundesrepublik Deutschland eigentlich 1968 ausgesetzt? Und vor welchen Hintergründen? Im Folgenden wird versucht, ein kleines Panorama zu entwerfen …

Online seit 31.07.2018: https://tvdiskurs.de/beitrag/1968-und-der-jugendmedienschutz/

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Auch für den Jugendmedienschutz war 1968 eine spannende Zeit – oder besser gesagt das, wofür die Chiffre „1968“ so alles steht. 1968, das bedeutet Studentenrevolte und amerikanische Bürgerrechtsbewegung, Protest gegen den Vietnamkrieg, aber auch Prager Frühling und seine Niederschlagung. 1968 bedeutet ebenso Gegenkultur, Hippies, Drogen und radikal neue Musik, Mode und andere kulturelle Innovationen. In beiden Fällen, dem politischen wie dem kulturellen 1968, geht es aber um viel mehr als nur ein einziges Jahr.

Die politischen Ereignisse des Jahres haben eine zum Teil sogar schon sehr lange Vorgeschichte. So lag beispielsweise der Anfang einer organisierten Bewegung für die Gleichstellung des afroamerikanischen Teils der US-Bevölkerung im Jahr 1909. In diesem Jahr wurde die NAACP, die National Association for the Advancement of Colored People, gegründet. Aber selbst im bescheideneren Kontext der bundesdeutschen Studentenbewegung gab es „1968“ nur wegen 1967: Die gewaltsame Bekämpfung der Proteste gegen den Besuch des Schahs von Persien in Berlin am 2. Juni 1967, in deren Verlauf der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten grundlos erschossen wurde, war der Ausgangspunkt der folgenden Radikalisierung der Studentenbewegung.

Noch komplizierter liegen die Dinge im Falle des gegenkulturellen „1968“. Höhepunkt der Hippie-Bewegung war nicht 1968, sondern 1967 der „Summer of Love“, in dem auch das Monterey International Pop Festival stattfand. Oft wird jedoch das ungleich bekanntere Woodstock-Festival als Höhepunkt der Gegenkultur gesehen – das fand aber erst 1969 statt. Was die musikalische Seite der Gegenkultur betrifft, gehen Experten wie Jon Savage sogar davon aus, dass sich die entscheidenden Entwicklungen bereits 1966 vollzogen.

„1968“ lässt sich daher am ehesten als Kürzel für unterschiedliche Entwicklungen deuten, die in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre an Sichtbarkeit und Relevanz gewannen und bis in die 1970er-Jahre fortwirkten.
 

Türen und Wege

Trotz dieser Vielfalt gibt es doch ein Thema und ein Ziel, das überraschend viele „1968er“-Phänomene in Politik, Kultur und Gesellschaft verbindet. Das Thema ist: Aufbruch; das Ziel: ein anderes und besseres Leben. In mehrfacher Hinsicht bringt ein Popsong die Zusammenhänge auf den Punkt. We’ve Gotta Get out of This Place ist ein Stück von Barry Mann und Cynthia Weil, das 1965 in der Version der englischen Band The Animals berühmt wurde. Laut Text handelt es sich im Kern um die Liebesgeschichte eines jungen Paares aus der Arbeiterklasse, das in seiner Alltagswelt keine Zukunft sieht. Aber: Der Grundton ist optimistisch, denn neben dem unvermeidlichen Aufbruch („we’ve gotta get out of this place“) steht auch ein erreichbares Ziel („there’s a better life for me and you“). Die einfache und klare Botschaft war in der Zeit natürlich transportabel – das Stück wurde während des Vietnamkriegs geradezu zur Hymne der US-Soldaten, denen auch klar war, dass sie aus Vietnam unbedingt weg mussten.
 


Um Aufbrüche unterschiedlicher Art ging es auch in der Bundesrepublik, nicht zuletzt um den Aufbruch aus der „bleiernen Zeit“, dem verlogenen Biedermeier der autoritären Wohlstandsgesellschaft, die von der NS-Zeit nichts mehr wissen wollte. Obwohl an diesem Auf- und Ausbruch viele – und nicht nur junge – Menschen beteiligt waren, darf man nicht vergessen, dass an dem Phänomen „1968“ nur kleine Minderheiten beteiligt waren. Die „Studentenbewegung“ beispielsweise fand an nur wenigen Universitäten und dort keineswegs in allen Fachbereichen statt – und anders als heute studierten damals gerade 10 % eines Jahrgangs. Was die populärste Musik des Jahres betrifft, dominierten keineswegs avantgardistische Rockbands die Hitparaden, sondern Peter Alexander, die Bee Gees, Roy Black, Heintje sowie Esther & Abi Ofarim, also Schlager und Schlagerähnliches.

Einige der Aufbrüche von „1968“ waren für den Jugendmedienschutz trotzdem kurz- wie längerfristig wichtig, denn manche der geöffneten Türen und eingeschlagenen Wege hatten mit Sex und Drogen zu tun.
 

Große Aufbrüche, kleine Aufbrüche

Vor dem Hintergrund der vielen Aufbrüche im Großen war es ebenfalls eine äußerst spannende Zeit für den individuellen, kleinen privaten Aufbruch, den jede/‑r Jugendliche mit und nach der Pubertät erlebt. Der Weg ins Erwachsenenleben war mit vielen – darunter auch neuartigen – Verlockungen gesäumt, die Eltern und Jugend(medien)schutz ins Schleudern brachten.

Dabei muss man sich bewusst sein, dass in den 1960er-Jahren Lebens- und Medienwelt Jugendlicher radikal anders aussahen als heute. Bei aller Vorsicht vor Generalisierungen lässt sich sagen, dass für viele, wenn auch nicht die Mehrheit aller Jugendlichen das Verhältnis zu ihren Eltern alles andere als harmonisch war. Gegen den „Muff von 1000 Jahren“, die in Deutschland bekanntlich von 1933 bis 1945 dauerten, protestierten nicht nur Studierende, er störte auch viele andere junge Menschen, die diesen Muff nicht unter den Talaren akademischer Würdenträger spürten, sondern ganz profan in ihrem Elternhaus. Dagegen setzten viele – wie gesagt: keineswegs die Mehrheit – andere Werte und andere kulturelle Vorlieben. Wo Eltern predigten, nur wer nicht auffalle, komme gut durchs Leben, war Auffallen um (fast) jeden Preis natürlich ein probates Mittel zur Abgrenzung. Besonders nützlich war dabei „Lärm“, also die bei vielen Eltern verhasste „Negermusik“, womit gleichermaßen Jazz, Rock ’n’ Roll und Beat aus Liverpool gemeint waren. Das hieß auch, dass in dieser Zeit Musik ein zentrales Werkzeug der Identitätsfindung Jugendlicher war:

Sag mir, was du hörst, und ich sage dir, wer du bist.“

Sehr viel mehr Medienangebote für Jugendliche jenseits von Druckerzeugnissen gab es auch nicht – im Schwarzweißfernsehen mit seinen zwei Sendern einmal im Monat den Beatclub, ein paar Radiohitparaden plus AFN (American Forces Network) bzw. BFBS (British Forces Broadcasting Service) und Radio Luxemburg; und das neue Hollywood war auch gerade erst im Entstehen.

Wichtige Etappenziele auf dem Weg weg vom Kindsein waren in dieser Zeit immer noch zwei Klassiker des 20. Jahrhunderts: Wann komme ich im Kino endlich in einen Film ab 16 bzw.18? Ab wann schaffe ich es zu rauchen? Neu war dabei lediglich, dass der Kampf um Raucherecken und Raucherzimmer ein wichtiges Thema der sich parallel zur Studentenbewegung entwickelnden Schülerbewegung wurde.
 

Alte Gefahren, neue Gefahren

Bei relativ übersichtlicher Medienlandschaft waren die Themen, die Ende der 1960er-Jahre als bedrohlich für Jugendliche gesehen wurden, im Wesentlichen die gleichen wie heute – mit zwei Unterschieden. Der erste: Gewaltdarstellung und Angsterzeugung waren weitaus weniger wichtig als der Komplex Sex/Erotik. Der zweite: Was nötig war, um als jugendschutzrelevant zu gelten, war vergleichsweise harmlos.

Dass die Neuprüfung alter Kinofilme oft zu niedrigeren Altersfreigaben führt, ist kein Zufall. Die gesellschaftlichen Vorstellungen haben sich hier deutlich verändert. So galt in den 1960er-Jahren beispielsweise die heute eher als Familienserie wahrgenommene Fernsehreihe Bonanza wegen regelmäßigen Schusswaffengebrauchs als ausgesprochen gewalttätig und wurde von der ARD bei der ersten Ausstrahlung nach kurzer Zeit gestoppt. Das gleiche Medium erwies sich auch in Sachen Erotik immer wieder als besonders sensibel: So sorgte 1961 eine teilweise entblößte Brust von Romy Schneider in der modernen Aristophanes-Adaption Die Sendung der Lysistrata ebenso für einen Skandal wie noch 1970 der Auftritt einer Kandidatin mit transparenter Bluse in der Spielshow Wünsch Dir was (ZDF).
 


Überall „Schweinkram“

Zum Biedermeier der autoritären Nachkriegsgesellschaft gehörte natürlich auch eine gehörige Portion Prüderie und eine rigide Sexualmoral. Schon vor 1968 ließen wachsender Wohlstand und die Erfindung der „Pille“ allerdings mehr Raum für vorher verdrängte sexuelle Wünsche. Die Folgen waren unübersehbar: Zeitschriften wie die „Neue Illustrierte“, „Revue“ oder „Quick“ brachten immer häufiger mehr oder weniger entblößte Frauen auf dem Cover; Oswalt Kolle sorgte nicht nur in solchen Zeitschriften mit Texten für sexuelle Aufklärung, sondern dann auch im Kino mit Filmen wie Das Wunder der Liebe (1968). Und 1968 beschloss die Kultusministerkonferenz sogar „Empfehlungen zur Sexualerziehung an Schulen“.

Trotz heftiger Proteste konservativer – nicht nur kirchlicher – Kreise kam es zu einer „Sexwelle“, die sowohl – ein wenig – mit sexueller Befreiung zu tun hatte als auch hauptsächlich mit der Vermarktung von Sex als Ware. Genau genommen war es mit der sexuellen Befreiung allein schon deshalb nicht weit her, weil damit nur die sexuellen Wünsche heterosexueller Männer gemeint waren.
 


Immerhin war dieser Bereich der einzige, der 1968 sowohl Studentenbewegung als auch Mehrheitsgesellschaft wichtig war, weil beide hier Ansätze für ein besseres Leben witterten. Dabei teilte die Mehrheitsgesellschaft zwar nicht die Idee vieler „1968er“, die sexuelle Revolution sei untrennbar mit gesellschaftlicher Revolution verknüpft, dafür waren sich viele „1968er“ aber mit der Mehrheitsgesellschaft darin einig, dass die sexuelle Befreiung primär heterosexuellen Männern dienen solle – der vielzitierte Spruch lautet bekanntlich: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ – von demselben ist nicht die Rede.
 

Liasons dangereuses

Was die zweite Hälfte der 1960er-Jahre nicht nur bezüglich des Jugendmedienschutzes so besonders macht, ist eine historisch einmalige Kombination von Faktoren. Eine Vorahnung bot bereits 1961 Die Sendung der Lysistrata, die nicht nur wegen Romy Schneiders Brust, sondern auch der Kritik an atomarer Aufrüstung einen Skandal provozierte. Sex plus Politik erwies sich danach immer wieder als explosive Kombination: Die „St. Pauli-Nachrichten“ boten ab 1968 nicht nur sexuelle Stimulation in Bild und Wort, sondern in den ersten Jahren auch engagierten linken Journalismus – umgekehrt veröffentlichte das linke politische Magazin „konkret“ auch Nacktfotos und beschäftigte sich mit Sexthemen. Auch hier galt: Sex sells, offensichtlich sogar linken Journalismus, wie natürlich und schon seit Langem Konsumgüter aller Art. Wenn nicht sogar Sex zum Warenkern wurde – wie in der zweiten, nun mit Jane Birkin aufgenommenen Fassung des Chansons Je t’aime … moi non plus (1969) von Serge Gainsbourg, dessen erotische Explizitheit vehemente Proteste seitens der Katholischen Kirche provozierte.

Ein ganz besonderer Fall ist die 1968 gestartete neue Werbekampagne für ein deutsches Konkurrenzprodukt zu Coca Cola. Angesichts sinkender Umsätze wurde der avantgardistische Werbedesigner und Fotograf Charles Wilp mit der Aufgabe betraut, der biederen Afri-Cola ein modernes Image zu verpassen. Die Kampagne wurde zur Werbelegende: Hinter einer teilweise beschlagenen Glasscheibe bewegten sich ausgesucht schöne Fotomodelle lasziv zu atonalen Klangcollagen und illustrierten so den Claim „Sexy-mini-super-flower-pop-op-cola – alles ist in Afri-Cola“. Mit anderen Worten, hier kam noch ein neuer Faktor in die Gleichung – Drogen. Die Werbung verkaufte das alkoholfreie Getränk, als handele es sich um eine neue Superdroge. Gesellschaftspolitische Resonanz fand die Kampagne auch: Einmal mehr war es die Katholische Kirche, die protestierte, da in einem Werbespot als Nonnen ausstaffierte Models im „Afri-Cola-Rausch“ gezeigt wurden.
 


Und damit wäre das Panorama der zeitgenössischen Bedrohungen der Jugend komplett. In einer Zeit vieler Aufbrüche kam es zu weitaus explosiveren Verbindungen zwischen Popkultur, Politik, Sex und Drogen als jemals zuvor. Pop wurde vielfach politisch, Sex zum Statement und Drogen halfen vermeintlich beim Versuch, eine bessere Welt zu erschaffen – oder wenigstens beim zeitweiligen Ausstieg aus der schlechten realen. Bildsprache und Metaphorik bedienten sich dabei oft beim Genre der Science-Fiction, denn es war im Kern trotz Kaltem Krieg eine eher zukunftsoptimistische Zeit. Das ultimative Hohelied der Liebe in dieser Zeit sang der Science-Fiction-Film Barbarella (1968) in eigenwilliger Pop-Art-Ästhetik, Drogentrips wurden fast schon routinemäßig musikalisch als Weltraumflug metaphorisiert, etwa in Pink Floyds Interstellar Overdrive (1967). Und bei der Zahl 2001 dachte man an den wegweisenden Film von Stanley Kubrick (1968) und nicht an den 11. September …