Wenn der Zuschauer zum Detektiv wird

Über die Faszination neuer True-Crime-Formate

Jens Dehn

Jens Dehn arbeitet als freiberuflicher Filmjournalist.

Programme, die echten Verbrechen auf den Grund gehen, gibt es seit Jahrzehnten, sei es im fiktionalen, dokumentarischen oder im Reportagebereich. Die aus den USA stammende Bezeichnung „True Crime“ ist hierfür mittlerweile auch in Deutschland etabliert. Neu ist seit wenigen Jahren die Entwicklung, dokumentarische True-Crime-Formate seriell zu konzipieren und dabei einen einzelnen Fall über eine ganze Staffel zu erzählen. Moderne Verbreitungs- und Kommunikationswege verhelfen Serien wie The Jinx,Making a Murderer und The Keepers zu großem Erfolg.

Online seit 17.08.2017: http://tvdiskurs.de/beitrag/wenn-der-zuschauer-zum-detektiv-wird/

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Robert Durst, Millionär und Sohn eines Immobilientycoons, dessen Familie u.a. elf Wolkenkratzer in New York gehören, beendet das Interview und geht auf die Toilette. Die Kameras werden abgeschaltet, einzig das kleine Ansteckmikro an Dursts Hemd nimmt noch auf. Er murmelt einige zusammenhanglose Satzfetzen vor sich hin. Schließlich: „Was zur Hölle habe ich getan? Sie alle umgebracht, natürlich.“

Das Finale der True-Crime-Serie The Jinx bildet einen der denkwürdigsten Momente der amerikanischen Fernsehgeschichte. Mehrfach wurde der 71‑jährige Durst im Laufe seines Lebens des Mordes verdächtigt, konnte aber nie belangt werden. Lediglich in einem Fall wurde er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, allerdings nur für die Beseitigung von Beweismaterial und Nichterscheinen vor Gericht. 2010 drehte Andrew Jarecki den Spielfilm All Good Things, der die Geschichte Robert Dursts erzählt. Durst, der sich selbst bis dato nie öffentlich geäußert hatte, sah den Film und kontaktierte daraufhin Jarecki mit dem Angebot, ihm seine Sicht der Dinge zu erzählen. Während der Interviews plauderte der exzentrische Durst immer mehr Details aus, sodass aus einem geplanten Dokumentarfilm schließlich eine sechsteilige Serie wurde.

Einen Tag, bevor die letzte Folge von The Jinx beim amerikanischen Pay-TV-Sender HBO ausgestrahlt wurde, nahm das FBI Robert Durst fest – weniger wegen des aufgezeichneten Geständnisses, sondern mehr noch aufgrund neuer Indizien, auf die die Filmcrew im Laufe ihrer Recherchen gestoßen war. „Die Filmemacher haben das geschafft, was die Ermittler in drei Staaten in 30 Jahren nicht hinbekommen haben“, sagte Staatsanwältin Jeanine Pirro nach der Verhaftung im März 2015. Inzwischen wurde Durst nach Los Angeles überstellt und wartet auf seinen Prozess. Seine Anwälte haben bereits auf unschuldig plädiert.
 

Neue Form des True-Crime-Erzählens

Dass die Arbeit eines Filmteams auf derart spektakuläre Weise Bewegung in einen alten Kriminalfall bringt, ist sicherlich ungewöhnlich. Es ist auch Folge und Ausdruck einer neuen Tendenz im dokumentarischen Erzählen, vor allem im amerikanischen Raum: Filmemacher wie Jarecki nehmen sich ungelöster Kriminalfälle an, erzählen diese im Kern mit den formalen Mitteln des Dokumentarfilms, greifen dabei dramaturgisch aber stark auf die Erzählstrukturen fiktionaler Spannungsfilme zurück. Sie betätigen sich selbst als Detektive, streuen Zweifel beim Zuschauer, manipulieren mithilfe von Musik sowie Schnitt und arbeiten verstärkt mit retardierenden Momenten. Einzelne Folgen enden fast immer mit einem klassischen Cliffhanger, der das Publikum mit offenen Fragen und Andeutungen zurücklässt.

Anders als Formaten wie Killer-Paare – Tödliches Verlangen, Deutschlands größte Kriminalfälle: Dem Verbrechen auf der Spur oder USA Top Secret, die marktschreierischer daherkommen und eher Verbindungen zum Reality-TV aufweisen (vgl. hierzu auch Im Dickicht der True-Crime-Formate von Christiane Radeke, FSF-Blog 2016), liegen den neueren True-Crime-Serien oft intensive Recherchearbeiten zugrunde. Die Umsetzung ist ungleich aufwendiger und qualitativ hochwertiger. Über die Dauer einer bis zu zehn Teile umfassenden Staffel beschäftigt man sich mit einem einzigen Fall. Der positive Effekt, den die neuen True-Crime-Formate bewirken können: Ungelöste Verbrechen – oder womöglich auch Fehlurteile –, die teils Jahrzehnte zurückliegen, bekommen wieder öffentliche Aufmerksamkeit. Die Serien bringen sie zurück in den Fokus des öffentlichen Interesses, Ermittlungen werden wieder aufgenommen bzw. intensiviert. Das Prinzip des Dokumentarfilmers als Detektiv birgt allerdings auch Gefahren. Denn die Ermittler sind und bleiben Dokumentarfilmer, keine Polizisten. Wie bei jedem anderen Dokumentarfilm- oder -serienprojekt auch, versuchen sie, Fakten aufzuzeigen und Ereignisse zu rekapitulieren, doch hundertprozentige Neutralität ist nicht möglich. Sie können zu einer bestimmten Sichtweise neigen, die letztlich ihre eigene Lesart widerspiegelt, die sie somit aber auch dem Publikum auferlegen. Die Zuschauer wiederum lassen sich auf die Detektivarbeit ein – es liegt in der Natur des Menschen, Rätsel auch lösen zu wollen. So animieren die Filmemacher zwangsläufig ihre Zuschauer zum Mitmachen, Mitsuchen und Mitdiskutieren. Und in Zeiten von Facebook und Twitter sind diese Diskussionen äußerst rege.
 

Kontroverse um verschwiegene Indizien

Making a Murderer war 2015/2016 ein immenser Erfolg für den Streamingdienst Netflix. Im Mittelpunkt der Serie steht Steven Avery, ein aus armen Verhältnissen stammender, unterdurch­schnittlich intelligenter Mann, der 18 Jahre lang unschuldig wegen Vergewaltigung im Gefängnis saß. Nachdem ein DNA-Test den wahren Täter überführt hatte und Avery freigekommen war, wollte er den Staat Wisconsin auf 36 Mio. Dollar Schadenersatz verklagen. Doch ehe es zu einem Prozess kam, wurde Avery erneut verhaftet – diesmal wegen Mordes – und zu lebenslanger Haft verurteilt. Auch in diesem Fall beteuert er bis heute seine Unschuld.


Making a Murderer zielt beim Publikum stark auf die emotionale Ebene: Die Serie macht beim Zuschauen wütend angesichts der offensichtlichen Ungerechtigkeiten, die Avery widerfahren – und sie will wütend machen. Zugleich zeigt sie aber auch beispielhaft die Gefahren und Fallstricke auf, denen sich Dokumentarfilmer aussetzen, wenn sie sich über einen langen Zeitraum ihren Protagonisten verschreiben. Laura Ricciardi und Moira Demos waren zu Beginn ihrer Arbeit an Making a Murderer beide noch Film­studentinnen. Schnell wird deutlich, dass sie sich dazu entschieden haben, Steven Averys Version der Geschichte zu glauben. Sie stellten sich gänzlich auf seine Seite – und wurden anschließend für diese Einseitigkeit heftig kritisiert. Nicht zu Unrecht, zumal einige Indizien des Prozesses, die eher für Averys Schuld sprechen, in der Serie keine Erwähnung finden.

Nichtsdestoweniger – in Amerika war Making a Murderer nach der Veröffentlichung landesweites Gesprächsthema. Polizei und Justiz in Manitowoc, der Heimat Averys, sahen sich Anfeindungen ausgesetzt. Petitionen, die Averys Begnadigung forderten, wurden initiiert und mit mehr als 500.000 Unterschriften – allerdings erfolglos – an den damaligen Präsidenten Barack Obama bzw. an den Gouverneur von Wisconsin gerichtet.
 

Missbrauchsskandal aufgedeckt

Auch bei The Keepers, ebenfalls eine Eigenproduktion von Netflix, war die Resonanz bereits in den ersten Wochen nach Veröffentlichung ähnlich groß wie bei Making a Murderer. Am 7. November 1969 verschwindet die junge Nonne Cathy Cesnik spurlos, zwei Monate später entdeckt man ihre Leiche. Der Fall wird nie gelöst. Gemma Hoskins und Abbie Schaub, zwei ehemalige Schülerinnen einer Schule, an der Cesnik als Lehrerin unterrichtete, hat das Verbrechen nie losgelassen. Beide, mittlerweile in ihren Sechzigern, ermitteln seit Jahren auf eigene Faust, um der Wahrheit doch noch auf die Spur zu kommen. Die Frage, wer Cathy Cesnik getötet hat, ist der Ausgangspunkt für The Keepers, ehe die Serie bereits am Ende der ersten Folge eine unerwartete Wendung nimmt und Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche in den Fokus rücken – begangen von Priestern, mit denen Schwester Cathy arbeitete.

Nachdem The Keepers im Mai dieses Jahres gestartet war, fanden mehrere Dutzend Missbrauchsopfer den Mut, sich zu melden. Das Baltimore Police Department hat ein Onlineformular veröffentlicht, über das sexuelle Vergehen im Zusammenhang mit den in der Serie geschilderten Ereignissen gemeldet werden können. Zudem hat die Polizei ihre Ermittlungen in dem Fall wieder aufgenommen. Ebenfalls wurde eine Petition gestartet, in der das Erzbistum Baltimore aufgefordert wird, die verschlossenen Akten zu einem missbrauchenden Priester der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Bis Ende Juli 2017 haben mehr als 43.000 Menschen diese Petition unterschrieben. Ryan White bezweifelt, dass dies am Ende zu etwas führen wird, hat er sich selbst doch jahrelang vergeblich darum bemüht, ein Interview vonseiten des Bistums für seine Serie zu bekommen. Doch der Druck auf die Kirche wächst spürbar. Schon die Gelegenheit ungenutzt zu lassen, seinen eigenen Standpunkt vor der Kamera darzulegen, hat sich für das Erzbistum als taktischer Fehler erwiesen. Seitdem das Ausmaß des Missbrauchs durch The Keepers publik wurde, ist man unter Zugzwang geraten und sieht sich einem Sturm der Entrüstung und massiven öffentlichen Protesten ausgesetzt.
 

Konzepte kaum auf Deutschland zu übertragen

The Jinx startete im Februar 2015, Making a Murderer im Dezember des gleichen Jahres. Im Mai 2017 folgte The Keepers. The Keepers ist in vielerlei Hinsicht die bislang gelungenste unter den genannten Serien (vgl. THE KEEPERS Is the Best True-Crime Docuseries Yet von Sonia Saraiya in Variety, 25.07.2017). Regisseur White macht nicht den Fehler wie die Regisseurinnen von Making a Murderer, in Gestaltung und Aussage tendenziös zu werden. Aussagen der Beteiligten werden hinterfragt und gegenübergestellt, ohne den Zuschauer dabei in eine bestimmte Richtung zu lenken. Viele der Beteiligten bleiben ambivalent, sie erscheinen mal mehr, mal weniger glaubwürdig.

All diese Serien sind sehr langfristige, weil vor allem rechercheaufwendige Projekte. Andrew Jarecki arbeitete mehr als fünf Jahre an The Jinx, rund zehn Jahre widmeten sich Ricciardi und Demos dem Projekt Making a Murderer, Ryan White drei Jahre The Keepers.

Die Länge der Arbeiten sagt alleine nichts über die Qualität der Ergebnisse aus, aber über die Produktion, auch wenn die großen Geldgeber wie HBO und Netflix erst ab einem relativ späten Zeitpunkt eingestiegen sind. Ein serielles Erzählen dieser Art im deutschen Sender- und Produktionssystem scheint praktisch nicht umsetzbar zu sein. Ganz davon zu schweigen, dass die Sendeplätze einerseits zu rar, andererseits zu durchformatiert sind. Der NDR startete Ende 2016 eine Art Testballon: Mundo. Die Spur des Mörders lief am 19. und 20. Dezember als Dreiteiler zu je 30 Minuten auf der Spätabendschiene des dritten Programms, wobei Folge 1 und 2 direkt hintereinander am selben Abend ausgestrahlt wurden. Seit 2011 sitzt Markus Mundo aus dem hessischen Kelkheim im Gefängnis. Er soll seinen Vater und seinen blinden Bruder umgebracht haben, was er bestreitet. Die Produktion folgt einem Profiler, der versucht, die Tat aus Sicht des Täters zu rekonstruieren.

Mundo gibt sich viel Mühe, Making a Murderer nachzueifern. Es werden Fährten gelegt und Zweifel gestreut, doch dramaturgisch gelingt es der Serie nie, die Zuschauer emotional auf Markus Mundos Seite zu ziehen. Dass Mundo ein starkes Motiv für die Morde hatte (als Einziger), verschweigen die Autoren darüber hinaus bis zu den Schlussminuten der letzten Folge – und machen sich damit unglaubwürdig. Mundo leidet letztlich daran, keinen eigenen Ansatz zu haben und sein Vorbild lediglich zu kopieren. Die Serie wurde in den Tagen vor dem Sendetermin in mehreren Tageszeitungen und Magazinen angekündigt und besprochen – nach der Ausstrahlung war die Resonanz jedoch gleich null. Ein Aufschrei in der Öffentlichkeit blieb aus, Petitionen wurden nicht gestartet.

Wenn über deutsche True-Crime-Formate gesprochen wird, die tatsächlich etwas bewirken, so gibt es letztlich nur eine echte Erfolgsgeschichte, wobei diese natürlich anders konzipiert ist: Aktenzeichen XY … ungelöst. 1967 erstmals ausgestrahlt, läuft die ZDF-Sendung im 50. Jahr. Anlässlich der 500. Folge im Oktober 2015 veröffentlichte das ZDF einige Zahlen: Von insgesamt 4.436 Fällen wurden 1.810 aufgeklärt, was einer Aufklärungsquote von 40,8% entspricht. Wenn man nur die Tötungsdelikte nimmt, liegt die Quote sogar noch etwas höher (41,1%). Ein Großteil dieser erfolgreich gelösten Fälle geht auf die Beteiligung und Hilfe der Bevölkerung zurück. Bemerkenswert ist dabei der bis heute auch beim jüngeren Publikum ungebremste Zuspruch für Aktenzeichen XY, ungeachtet der konservativen Gestaltung und des relativ langsamen Rhythmus der Sendung. Bei Facebook gibt es mehrere Fangruppen mit insgesamt mehr als 50.000 Mitgliedern, die sich über die vorgestellten Fälle austauschen.
 

Gerechtigkeit als Ziel

Mit einem weltweit erreichbaren Format wie The Keepers können diese Zahlen freilich nicht mithalten. Die Gruppe The Keepers Official Group der Protagonistinnen Gemma Hoskins und Abbie Schaub hat inzwischen mehr als 100.000 Mitglieder, die kommentieren, Fragen stellen und Hinweise geben. „Die Masse an Informationen, die durch die Serie neu aufgetaucht sind, die Zahl der Menschen, die nun bereit sind zu reden, das macht mich hoffnungsvoll, dass der Mordfall doch noch gelöst werden kann und auch, dass die Opfer des sexuellen Missbrauchs Gerechtigkeit erfahren“, gibt sich Ryan White zuversichtlich. Es wäre weit mehr, als er sich zu Beginn des Projekts hätte träumen lassen. Zugleich unterstreicht die Bewegung, die schon jetzt in den alten Fall gekommen ist, erneut den Einfluss, den moderne Formate heute haben können.

Hinweis:
The Keepers und Making a Murderer sind auf Netflix verfügbar. The Jinx ist unter dem deutschen Titel Der Unglücksbringer: Das Leben und die Tode des Robert Durst auf DVD erhältlich.