Muslime in Filmen und Serien

Sonja Hartl

Sonja Hartl schreibt als freie Journalistin über Film, Fernsehen und Literatur.

Filme und Serien bieten Unterhaltung, Zerstreuung und Ablenkung vom Alltag. Darüber hinaus vermitteln sie aber auch ein Wissen über die Welt und beeinflussen damit unsere Wahrnehmung. Deshalb ist die Art und Weise von Bedeutung, wie Orte und Menschen dargestellt werden. Repräsentation ist wichtig. Dennoch grenzen Film- und Fernsehproduktionen bestimmte Bevölkerungsgruppen, wie z.B. die Muslime, aus. Sie finden entweder kaum bis gar nicht statt oder werden mit wiederkehrenden Stereotypen und Klischees dargestellt. 

Online seit 18.05.2017: http://tvdiskurs.de/beitrag/muslime-in-filmen-und-serien/

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Bomber und Bauchtänzerin

Ende der 1990er-Jahre stellte Mazin B. Qumsiyeh vom American-Arab Anti-Discrimination Committee fest, dass Araber in Hollywood-Produktionen hauptsächlich als eines von drei „Bs“ dargestellt werden: „bombers, belly dancers or billionaires“. Damit greift er zwei dominante Darstellungsstränge auf: Arabische Männer sind entweder reich oder gefährlich, arabische Frauen hingegen werden erotisiert – sei es als die angesprochene Bauchtänzerin oder aufgrund der durch Verhüllung „reizenden“ Schleier. Zudem geht eine Vereinfachung damit einher: Mit Arabern sind in aller Regel Muslime gemeint – obwohl damit nicht nur andere Religionen in der arabischen Welt ignoriert werden, sondern auch die Tatsache, dass Araber in der islamischen Welt in der Minderheit sind.

Nun sind seit diesen Beobachtungen rund 20 Jahre vergangen – große Veränderungen in der Darstellung von Arabern oder Muslimen gibt es jedoch in US‑amerikanischen Produktionen kaum. Vielmehr wurden die arabischen Stereotype oftmals scheinbar mühelos auf muslimische Figuren aus Asien und Afrika übertragen.

Besonders augenfällige Beispiele hierfür sind die Filme, die den Krieg der USA im Irak behandeln. In American Sniper (2014) erzählt Clint Eastwood die Geschichte des US Navy SEAL Chris Kyle, der als Scharfschütze berühmt wurde, weil er die höchste „Trefferzahl“ in der Mili­tärgeschichte der USA vorweisen konnte. Vieles wird in diesem Film ungefragt akzeptiert: die Präsenz der USA im Irak, das Vorgehen der amerikanischen Soldaten und letztlich auch die Sichtweise von Chris Kyle, für den Muslime im Irak gewalttätige religiöse Fanatiker sind. Die US‑Soldaten werden im Film von ihrer menschlichen Seite gezeigt, die irakische Bevölkerung hingegen wird als eine Gruppe von Terroristen inszeniert. Und wenn einmal unschuldige Menschen gezeigt werden, dann werden sie von furchteinflößenden arabischen Männern terrorisiert – und bleiben selbst dann namenlos.

In anderen Filmen wiederholt sich diese schematische Darstellung: Zero Dark Thirty (2012) ist zwar endlich ein Kriegsfilm mit einer weiblichen Hauptfigur, die Muslime in Pakistan werden jedoch schlichtweg als eine Masse von Feinden dargestellt, mit Bärten oder Burkas, die – notfalls mit Folter – befragt werden müssen. Dabei gibt es amerikanische Filme, die es nach 2001 besser gemacht haben. So zum Beispiel Syriana (2005), der deutlich macht, dass es zum einen sehr wohl progressive Muslime gibt und zum anderen dass der „Demokratie“-Grund für amerikanische Interventionen im Mittleren Osten ebenso hohl ist wie die Erklärung, alle Muslime verachteten die westliche Freiheit. Auch Kingdom of Heaven (dt.: Königreich der Himmel, 2005), Babel (2006) und Rendition (dt.: Machtlos, 2007) zeichnen ein differenzierteres Bild; aber sie bleiben noch Ausnahmen.

Muslime im US-amerikanischen Fernsehen

Ein Wandel hin zu einer größeren Differenzierung in der Darstellung lässt sich in Fernsehserien finden. Während in 24 (2001 – 2010) Muslime und Araber noch vorwiegend als Terroristen porträtiert wurden, hat der Serienschöpfer von Quantico (2015 – ) gesagt, dass er niemals einen muslimischen Terroristen in der Serie zeigen wird. Stattdessen hat die Serie mit den Zwillingsschwestern Nimah und Raina Amin zwei muslimische FBI-Agentinnen. Eine muslimische Nebenfigur findet sich auch in HBOs The Brink (dt.: The Brink: Die Welt am Abgrund, 2015). Die achtteilige amerikanische Krimiserie The Night Of (dt.: The Night Of: Die Wahrheit einer Nacht, 2016) bietet hier einen interessanten Ansatz: Der Verdächtige eines Mordes an einer weißen Studentin ist Muslim, jedoch spielt die Religion insbesondere in der Wahrnehmung durch andere eine Rolle, sie bestimmt nicht den Charakter.

Ein wichtiger Grund für die stereotype Darstellung ist der Mangel an Drehbuchautoren und Regisseuren, die eine entsprechende Geschichte umsetzen. Hoffnung verspricht nun der Film The Big Sick (2017). Das Drehbuch haben Stand-up-Comedian und Schauspieler Kumail Nanjiani und seine Frau Emily V. Gordon zusammen geschrieben. Sie erzählen die Geschichte ihres Kennenlernens, eine romantische Komödie mit einem Muslim in der Hauptrolle. Das ist ein dringend notwendiger Perspektivwechsel: Muslime machen weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung der USA aus. Das bedeutet, dass die meisten US-Amerikaner einem Muslim lediglich im Fernsehen oder in Filmen begegnen. Und wenn sie dort als Terroristen zu sehen sind, öffnet das dem Irrglauben, alle Muslime seien Terroristen, Tür und Tor.

Muslime in europäischen Produktionen

Blickt man auf europäische Produktionen, bietet sich ein anderes Bild. Natürlich sind auch europäische Filme und Fernsehserien nicht frei von Stereotypen, aber es gibt generell eine größere Auseinandersetzung mit dem Alltag von Muslimen in den jeweiligen Ländern. Dazu trägt vor allem die weithin beliebte „Culture-Clash-Komödie“ bei, in der in einem Land verschiedene kulturelle Hintergründe aufeinandertreffen. Hier bieten die jeweiligen kulturellen Gebräuche oftmals Anlass für Witze. Manche Filme können sich nicht von Rassismusvorwürfen freimachen. Dazu gehören insbesondere einige jüngere französische Produktionen wie Monsieur Claude und seine Töchter (2014). Sind sie aber gelungen, können sie kleine Einblicke in andere Kulturen geben, die ebenso Teile der jeweiligen Gesellschaft sind. Außerdem differenzieren sie auch innerhalb der jeweiligen Kultur, also etwa zwischen iranischem, türkischem und pakistanischem Islam.

Zum Alltag gehört auch die Suche nach einem Weg zwischen Tradition und Moderne, zwischen familiären Gebräuchen und eigenen Wünschen. Hierbei werden insbesondere die Schwierigkeiten der zweiten und dritten Einwanderergeneration behandelt, bei jungen Männern oftmals als Auseinandersetzung mit Kriminalität, z.B. Un prophète (dt.: Ein Prophet, 2009), bei Frauen als Kampf um ein selbstbestimmtes Leben. Letzteres verbindet Filme wie Fatih Akins Gegen die Wand (2004), Feo Aladags Die Fremde (2010), Kenneth Glenaans Yasmin (2004) und Jasmila Žbanićs Na putu (dt.: Zwischen uns das Paradies, 2010). Darüber hinaus verweisen diese Filme aber auch auf unterschiedliche muslimische Traditionen, die mit ihren jeweiligen Produktionsländern zusammenhängen: Thematisieren die erstgenannten deutschen Produktionen türkische Traditionen, geht es in dem britischen Film Yasmin um eine Frau, die aus einer pakistanischen Familie kommt. In dem bosnischen Film Zwischen uns das Paradies gehört der muslimische Hintergrund nicht zu einer Migrationsbewegung, sondern zur lokalen Tradition.

Die Rolle von Filmemacherinnen und ‑machern

Diese größere thematische Vielfalt und die Konzentration auf den Alltag hängen also mit den jeweiligen Filmemacherinnen und ‑machern und/oder Produktionsländern zusammen. Ein Beispiel hierfür ist Persepolis (2007) von Marjane Satrapi, ein Zeichentrickfilm, der auf ihrem Comic basiert und von ihrer Kindheit und Jugend während und nach der Islamischen Revolution im Iran erzählt. Ein weiteres Beispiel gibt es im deutschen Kino: Hierzulande haben sich Ende der 1990er-Jahre unter dem (unzulänglichen) Hilfsbegriff „deutsch-türkisches Kino“ Filmemacher wie Fatih Akin und Thomas Arslan mit Filmen wie Kurz und schmerzlos (1998) oder Dealer (1999) profiliert, die noch im Kleinkriminellenmilieu angesiedelt sind. Dabei spielt in diesen Filmen die islamische Religion keine hervorgehobene Rolle, sie ist hier Teil einer kulturellen Tradition, die von den Immigranten nach Deutschland gebracht wurde und für Konflikte sorgt. Vielmehr sollten diese Filme den Stereotypen, beispielsweise dem vom türkischen Drogendealer, etwas entgegensetzen. Erst in den 2000er-Jahren wurde dann die Religion stärker zum Thema, als auch in Deutschland mit Filmen wie Evet, ich will (2008) oder Almanya – Willkommen in Deutschland (2011) die Culture-Clash-Komödien zunahmen.

Was aber weiterhin fehlt, ist eine alltägliche Präsenz von muslimischen Figuren insbesondere im Fernsehen. Dagegen können auch die Lindenstraße und Tatort-Produktionen aus Hamburg und Kiel nur wenig ändern. Die Serie Türkisch für Anfänger von Bora Dağtekin bleibt eine Ausnahme.

Insgesamt also zeichnen die europäischen Produktionen ein vielfältigeres Bild als US-amerikanische, da es in Europa wenigstens einige Filmemacherinnen und –macher gibt, die ihre Geschichten erzählen. Schaut man aber beispielsweise auf Filme wie Das Mädchen Wadjda (2012) oder Timbuktu (2014), zeigt sich auch, wie viel Potenzial in der Darstellung muslimischer Figuren noch vorhanden ist.