Einführungen in die Wirklichkeit

Das doxs!-Festival für Kinder und Jugendliche holt das junge Publikum aus der digitalen Cloud in den Kinosaal

Mark Stöhr

Mark Stöhr arbeitet als freier Redakteur für verschiedene Filmfestivals, darunter das Filmfestival Max Ophüls Preis und Filmfest Hamburg, und schreibt regelmäßig Fernsehkritiken für stern.de.

Dutzende Kinderaugen blicken auf die Leinwand. Die vier- bis sechsjährigen Zuschauerinnen und Zuschauer sind fasziniert und gefesselt von dem, was sie sehen. Eigentlich fehlt jetzt nur noch Popcorn. Doch was da im Duisburger Kino filmforum Anfang November aus dem Projektor flimmerte, waren keine bunten und schrillen Animationen, sondern kurze Dokumentarfilme. Und was für welche. Das Programm trägt den Titel Dokus für Kitas und ist seit Jahren fester Bestandteil des doxs!-Festivals. Hier kommen Kinder aus dem Ruhrgebiet nicht selten zum ersten Mal mit Kino in Berührung und machen die Erfahrung eines Raums, in dem das große Licht aus- und ein kleines Licht, das eine andere Welt bedeutet, angeht.

Online seit 05.12.2017: http://tvdiskurs.de/beitrag/einfuehrungen-in-die-wirklichkeit

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Für dieses Jahr hatten sich Leiterin Gudrun Sommer und ihr Team für ihr jüngstes Publikum ein ziemlich außergewöhnliches Screening ausgedacht: Filme von Harun Farocki. Der 2014 verstorbene Regisseur ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Vertreter des internationalen Essayfilms, ein rastloser und hochreflektierter Bilderbefrager und -analytiker. In seinem Frühwerk finden sich so ikonische Arbeiten wie Die Worte des Vorsitzenden (1967) und Nicht löschbares Feuer (1969), in den 1970er-Jahren aber auch etliche Beiträge für die Sesamstraße und Das Sandmännchen. Viele Stücke entstanden in Zusammenarbeit mit Hartmut Bitomsky, einem anderen herausragenden Akteur des dokumentarischen Essays.
 

Farocki-Filme für Vierjährige

Aus heutiger Sicht wirken die nur wenige Minuten langen Miniaturen bisweilen spröde und didaktisch. Sie entwickeln ihre Erzählungen – wie heute gemeinhin üblich im Kinderfernsehen – nicht entlang von Protagonisten, die den Zuschauerinnen und Zuschauern einen Anker für Identifikationen und Emotionen bieten, sondern sind streng am Thema orientierte Sachfilme – Einführungen in die Wirklichkeit, wenn man so will. Allein in den Einschlafgeschichten (1977), in denen Farockis eigene Töchter vor der Kamera agieren, werden die gewohnten Verhältnisse träumerisch auf den Kopf gestellt: Eine Eisenbahn sitzt Huckepack auf einem Auto, ein Segelschiff auf einem VW-Käfer.
 

 

„Die Schönheit der dichotomischen Methode“ nannte Farocki sein Verfahren, in dem er Prozesse und Strukturen aufzeigte und zueinander in Relation setzte. Kann ein solcher analytischer Ansatz im heutigen Rezeptionsrahmen noch funktionieren, wo selbst Vierjährige bereits Medienprofis sind und an Tempo und Reize auf unterschiedlichen Kanälen gewöhnt sind? Die Antwort aus Duisburg lautet: ja. Das Publikum war begeistert und überschlug sich beim anschließenden Gespräch mit Fragen und Kommentaren. Klar, spielten die Kuriosität von Bildern aus einer anderen Zeit eine Rolle, die ungewohnte Farbigkeit des Materials, die Begegnung mit Dingen und Gegenständen, die es heute nicht mehr gibt. Aber das „Farocki-Experiment“ zeigte auch, dass die vielbeklagte Zerfaserung von Konzentration und Aufmerksamkeit kein unabwendbarer Automatismus ist. Inhalt, Linearität, Langsamkeit sind möglich – man muss es sich nur trauen.
 

Das Kino als analoger Kommunikationsraum

Vielleicht liegt gerade darin das Besondere von doxs!. „Nicht abholen, sondern schon mal vorgehen“, heißt es im Selbstverständnis auf der Website. Die Macherinnen wissen, wo ihre Zielgruppe sitzt: inmitten von sich kreuzenden digitalen Datenautobahnen und Netzwerken, wo Bilder, Clips und News pausenlos verfügbar sind und die Wahrnehmung okkupieren. Das Publikum dort abzuholen und ein weiteres Angebot unter Tausenden zu sein, ist zwecklos. Daher geht doxs! voran, indem es einen Schritt zurücktritt und aus einem altmodischen „Endgerät“ wie dem Kino einen aufregenden analogen Kommunikationsraum macht. Es sind moderierte Chats, die nach jeder Vorführung stattfinden, fokussiert statt fahrig, in denen sich die Zuschauer über das Gesehene verständigen. Dabei geht es nicht nur darum, was auf der Leinwand erzählt wird, sondern auch wie – also zu lernen, dass die Dramaturgie und Ästhetik einer Geschichte einen entscheidenden Einfluss auf ihre Wahrheit und Wirkung hat. Und das Festivalprogramm geizt jedes Jahr wahrlich nicht an außergewöhnlichen, manchmal sogar experimentellen Erzählformen.

 

Harun Farocki (1944 – 2014)
 

9. Januar 1944 geboren in Nový Jicin (Neutitschein), gelegen in dem damals von den Deutschen annektierten Teil der Tschechoslowakei.
1966 – 1968 Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (West).
1966 Heirat mit Ursula Lefkes.
1968 Geburt der Töchter Annabel Lee und Larissa Lu.
1974 – 1984 Autor und Redakteur der Zeitschrift Filmkritik, München.
1998 – 1999 Speaking about Godard/Von Godard sprechen, New York/Berlin (zusammen mit Kaja Silverman).
1993 – 1999 visiting professor an der University of California, Berkeley.
2001 Heirat mit Antje Ehmann.
Seit 1966 über 100 Produktionen für Fernsehen oder Kino: Kinderfernsehen, Dokumentarfilme, Essayfilme, Storyfilme.
Seit 1996 zahlreiche Gruppen- und Einzelausstellungen in Museen und Galerien.
2007 mit Deep Play Teilnahme an der documenta 12.
Seit 2004 Gastprofessor, von 2006 – 2011 ordentlicher Professor an der Akademie für Bildende Künste, Wien.
2011 – 2014 Projekt Eine Einstellung zur Arbeit, mit Antje Ehmann
30. Juli 2014 gestorben bei Berlin.

(Quelle: harunfarocki.de)