Einführung ins Titelthema „Das überforderte Ich“

Simone Neteler

Simone Neteler studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften, Germanistik und Psychologie. Sie lebt als Autorin und Lektorin in Berlin.

Warum und mit welchen Schwerpunkten wird das Thema „Das überforderte Ich. Medien und das Gefühl einer bedrohlichen Welt“ in tv diskurs behandelt?

Printausgabe tv diskurs: 21. Jg., 3/2017 (Ausgabe 81), S. 26-27

Vollständiger Beitrag als:

Schneller, immer schneller! – Es gibt wohl kaum etwas, das unser gesellschaftliches Miteinander, unser Privat- und Berufsleben heutzutage mehr prägt als Beschleunigung und ein damit einhergehender rasanter Wandel. Unsere Gesellschaft befindet sich im „To-go“-Modus; der technische Fortschritt macht in jeder Hinsicht unabhängig von Zeit und Raum. Kommunizieren, sich informieren, einkaufen im digitalen Supermarkt, sogar Partner finden im World Wide Web: Alles ist möglich, überall wartet das Neue – und das ist reizvoll und verlockend. Doch es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: Denn wo alles in Bewegung ist, bleibt nichts, wie es war. Wo alles veränderbar scheint, zerfließt das Vertraute. Dies wiegt umso schwerer, weil sich die Weltgesellschaft heute mit großen Herausforderungen konfrontiert sieht: Krieg, Terrorismus, Flüchtlingsströme, Börsencrashs und Klimawandel – das alles ragt bedrohlich nah in unser tägliches Leben hinein, auch deshalb, weil uns die realen Bilder dazu dank der Medien im Sekundentakt an jedem Ort der Welt erreichen.

Auf allen Ebenen erleben wir, dass nichts mehr sicher ist, dass es niemanden mehr gibt, der Garantien für morgen geben kann und will, auch wir selber nicht. Alles ist überall ungewiss – und genau das schlägt sich in gesellschaftlichen Stimmungen nieder und bereitet den Nährboden für Ängste unterschiedlichster Art: Angst vor Terror, vor Fremdem, vor sozialem Abstieg oder ganz allgemein vor der Zukunft. Doch hinter allen Ängsten steht letztlich die Angst vor dem eigenen Tod. Das Wissen um das unwiderrufliche Ende gehört zum Leben dazu, doch ist es eine Erfahrung, die man erst macht, wenn es für einen selbst so weit ist. Im Märchen Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen heißt es treffend: „Soll ich sterben, so muß ich auch dabei sein.“ Angst ist ein existenzielles Thema und man kann sich ihr in vielerlei Weise nähern: medizinisch, philosophisch, soziologisch, als Zukunftsforscher, aber auch in Literatur und Film.

Medien moderieren und symbolisieren unsere modernen Ängste, sei es über die Berichterstattung, in Talkshows über Terrorismus, Krisenherde und unberechenbare Flüchtlingsströme oder in den finsteren Fantasien sogenannter Endzeit-Spielfilme. tv diskurs hat nachgefragt: Warum setzt sich unsere Gesellschaft, der es besser geht als vielen anderen vorher, so intensiv mit dem Thema „Angst“ auseinander? Entsteht die Angst aus medialen Untergangsszenarien oder helfen diese eher, sie zu bewältigen? Wie entkommt man dem rasanten Tempo, wie lassen sich funktionierende Resonanzräume in Zeiten von Social Media und Internet schaffen und bewahren?

„Angst ist ein schleichendes Gift, das langsam einzieht und zu wirken beginnt“, kommentierte die „FAZ“ am 5. Juni 2017 nach den Terroranschlägen in London. Es gilt, als Gesellschaft dagegenzuhalten und die Freiheit zu verteidigen – auch wenn sie manchmal Angst macht.