„Das Leben hat seine eigene Majestät“

Barbara Weinert im Gespräch mit Martin Rambow

Angst ist ein existenzielles Thema. tv diskurs hat sich damit unter dem Titel „Das überforderte Ich“ beschäftigt und sich dem Phänomen aus verschiedenen Perspektiven genähert. Gegen die Angst, die Hoffnungslosigkeit und das Gefühl des Verlorenseins gilt es, eine Idee vom „guten Leben“ zu etablieren. Martin Rambow, Pfarrer im Ruhestand, hat zeitlebens für seine Vision eines friedvollen Miteinanders gekämpft: Er war Mitbegründer der Bewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ in der DDR. Später schloss er sich dem Netzwerk Friedenssteuer an und arbeitete u.a. 2009 als Menschenrechtsbeobachter im Rahmen des ökumenischen Begleitprogramms in Palästina und Israel (EAPPI) an einem Checkpoint zwischen Bethlehem und Jerusalem.

Online seit 10.11.2017: http://tvdiskurs.de/beitrag/das-leben-hat-seine-eigene-majestaet

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Mit dem Bild von Himmel und Hölle versuchte man im christlichen Glauben über Jahrhunderte, die Menschen zu einem regelkonformen und „anständigen“ Leben anzuhalten. Ist das heute noch eine zeitgemäße Vorstellung?

Die Vorstellung gibt es noch. Aber man muss bedenken, dass es nicht die eine klar definierte Lehre zu diesem Thema gibt. Das hängt mit verschiedenen Komponenten zusammen. Aufgrund des historischen Alters der jüdisch-christlichen Tradition – 3.000 Jahre die jüdische, 2.000 Jahre die christlich-jüdische – gibt es viele verschiedene Stränge, Gedanken und Traditionen, von denen einige mal präsenter sind und andere mal mehr in den Hintergrund treten. So gibt es auch heute noch Strömungen, die dem Gedanken des Weltendes sehr nahe sind, was auch aus den sogenannten „Zeichen der Zeit“ wie Kriegen oder Umweltzerstörung abgeleitet wird – eine ausgedehnte Apokalypse quasi. Als Mainstream würde ich dies in der derzeitigen christlichen Tradition allerdings nicht bezeichnen. Heute dominiert eher die Sorge um das Weiterbestehen der Welt und das Überleben der Menschheit.

In unserem Land geht es vielen Menschen heute gut oder sehr gut. Dennoch scheint eine Stimmung der Angst oder Unsicherheit zu herrschen. Wie passt das aus Ihrer Sicht zusammen?

Wir leben in einer stark rational geprägten und durchrationalisierten Welt. Den Menschen machen neben der Ratio aber auch Stimmungen und Gefühle aus. In einer ganz und gar nüchtern gestalteten Welt verlangt das Leben nach Emotionen. So erklärt sich mir ein Stück weit die große Zuneigung von Menschen zu Katastrophenberichten oder spektakulären Ereignissen.

Das hieße, es ginge letztlich um gefühlsmäßige Ausschläge. Aber warum sind das dann nicht positive Ereignisse, die ja auch Emotionen erzeugen?

Auch die positiven Emotionen werden rationalisiert durch Gedanken wie: „Dass es mir gut geht, verdanke ich mir selbst, denn ich bin eben so fleißig.“ Die Werbung suggeriert uns das mit Slogans wie: „Das haben Sie sich verdient“. Unser Leben besteht jedoch zu großen Teilen aus Dingen, die uns zufallen, ohne dass wir sie geplant oder beeinflusst haben. Dass es mir gut geht, kann also auch als ein großes Geschenk betrachtet werden. Es scheint mir jedoch, dass dies in unserer Gesellschaft eher weniger gedacht oder empfunden wird. Was zählt, ist die Verdienst-Ebene.

Wenn man den Gedanken zulässt, dass sich vieles im Leben unserem Einfluss entzieht und auf Zufall, Schicksal oder Fügung beruht, kann das auch unheimlich verunsichernd sein. Vielleicht schafft ja auch der Eindruck einer abnehmenden Einflussnahme aufs eigene Leben die angesprochene Angst in der Gesellschaft?

Verunsicherung kann zum einen aus der Erfahrung von Ungerechtigkeit resultieren, die es in unserer Gesellschaft natürlich gibt. Allerdings müssen diese Dinge ja nicht als unabänderlich betrachtet werden. Zum anderen ist die Unverfügbarkeit eine Seite des Lebens. Es ist eben nicht möglich, das Leben perfekt und störungsfrei zu organisieren, sondern es hat selbst eine Majestät und Autorität, mit der es sich in vielen Punkten dem menschlichen Zugriff und der Gestaltung entzieht. Dieser Gedanke ist einer technisierten Welt natürlich fremd. Früher bezeichnete man das mit dem altmodischen Wort „widerfahren“. Den Gedanken, dass uns Dinge „widerfahren“, lehnen wir innerlich – natürlicherweise, wie ich finde – ab, weil er eine Bedrohung ist. Mit einer gewissen Lebenserfahrung muss man aber resümieren, dass das Leben natürlich nicht vom ersten bis zum letzten Tag mein guter Freund ist, sondern dass es mit Ereignissen, Begebenheiten und Schicksalswendungen manchmal auch so massiv gegen mich ist, dass ich es kaum schaffe, den Kopf über Wasser zu halten oder mich zur Wehr zu setzen. Diese Störmanöver werden auch nicht aufhören, weil sie einfach Teil des Lebens sind.

Dann sollten wir also lernen, besser mit diesen Unwegsamkeiten umzugehen?

Einer meiner „Hausheiligen“ ist der österreichische Psychotherapeut Viktor Frankl. Die für mich faszinierende Idee in Frankls Gedankengebäude ist, dass es völlig falsch ist, wenn du hergehst und das Leben oder Gott fragst: „Warum?“ In Wirklichkeit verhält es sich so: Das Leben stellt Fragen und der Mensch hat die Aufgabe, Antworten zu geben. Vielleicht ist das die Lebensaufgabe. Frankl geht so weit zu sagen, dass es keine Situation im Leben gibt, in der sich nicht eine mögliche Antwort findet. Er sagte dies vor dem Hintergrund seines Lebens: Als Jude hat er das Konzentrationslager überlebt und darüber ein kleines, aber unglaublich spannendes Buch geschrieben: … trotzdem Ja zum Leben sagen. Antworten zu geben auf Fragen, die das Leben mir stellt, ist natürlich ein hohes Ideal. Ein anderes Modell wäre, eine fertige Idee davon zu haben, wohin ich im Leben will, was das Leben mir bieten soll, und diesen Plan zu verfolgen, koste es, was es wolle. Natürlich soll man nicht ohne Pläne durchs Leben gehen. Aber zumindest eine Balance ist notwendig, denn an dem, was das Leben mir abverlangt, wachse ich und werde ich zum Ich.

Dass Scheitern, Leid und Misserfolg ebenso zum Leben gehören, scheint man in der schönen glitzernden Social-Media-Welt gern auszublenden …

Ja, leider. Es ist doch auch ein ziemlich unhistorischer Blick auf mein eigenes Leben. Wenn ich darauf schaue, wie komfortabel ich leben kann, dann sollte ich mir immer auch klarmachen, dass dies nur möglich ist, weil andere dafür Opfer gebracht haben – manchmal vielleicht sogar mehr als ich selbst.

Offenbar scheinen sich viele Menschen dessen nicht so bewusst zu sein. Gerade im Osten unseres Landes scheint es eine große Unzufriedenheit zu geben, die sich nicht zuletzt auch in den Ergebnissen der Bundestagswahl gezeigt hat.

Ich glaube, hier kommen mehrere Aspekte zusammen. Dazu könnte meiner Ansicht nach gehören, dass viele DDR-Bürger bis zum Zeitpunkt der sogenannten Wende der Ansicht waren, auf der Schattenseite des Lebens zu stehen. Ihnen wurde von der Politik, vom Schicksal oder von wem auch immer etwas vorenthalten, was die anderen – nämlich die Nachbarn nebenan – im Überfluss hatten. Dann kam die Wende und damit die Möglichkeit, endlich den verdienten Teil vom Kuchen abzubekommen. Und jetzt soll man für die Menschen, die als Flüchtlinge in unser Land kommen, davon wieder etwas abgeben? Das wird von einigen als Ungerechtigkeit empfunden. Dass dies ausschließlich ein materieller und damit eingeengter Blick auf das Leben ist, wird von vielen gar nicht wahrgenommen.         
Ein anderer Punkt ist in meinen Augen aber noch viel wichtiger: Die Bevölkerung im Osten hat einen ganz großen Mangel an Erfahrungen im Umgang mit Unbekanntem und Fremdem. Selbst die sogenannten Bruderländer waren uns doch nicht wirklich nah. Wir haben also nicht gelernt, Fremden normal zu begegnen. Das Einzige außerhalb unserer Welt, wohin wir uns gewünscht und wonach wir uns gesehnt haben, war der Westen. Aber damit waren auch weniger Begegnungen gemeint als vielmehr bestimmte Automarken und Konsumgüter. Die Frage ist, ob man so etwas ausgleichen kann, wenn mehrere Generationen solche Erfahrungen einfach nicht gemacht haben. Ich glaube, das ist nur begrenzt möglich. Wir müssen darauf hoffen – und ich bin persönlich optimistisch –, dass sich dies im Laufe der nächsten Generationen verwächst.

Wie aber gehen wir damit um, dass Pegida-Parolen längst salonfähig geworden zu sein scheinen und diese diffuse Angst sich wie eine Art Virus verbreitet?

Das Wort „diffus“ ist genau das Problem. Angst hat ganz viele Gesichter, und in einigen Fällen ist es schlicht nicht möglich zu argumentieren, weil Argumente den Gesprächspartner nicht erreichen. Natürlich sehe ich die Gefahr und kenne viele Beispiele, in denen es gut gewesen wäre, wenn man den Anfängen gewehrt hätte. Daneben gibt es aber auch den Effekt, dass eine bestimmte Form von Zuwendung zu einer Aufwertung führen kann. Wenn man sich mal die Mühe macht und zu ergründen versucht, was die Pegida-Anhänger tatsächlich wollen, merkt man recht bald, dass es sehr diffus wird. Viele von denen, die da mitlaufen und mitschreien, man möge auf sie hören, sind in der Regel nicht jene, die sich bisher im Rahmen unserer demokratischen Möglichkeiten und in anderen Institutionen oder Gruppen engagiert haben. Sie beteiligen sich hier jetzt aus einer Art Resignation. Außer, dass sie auf der Straße rumlaufen und krakeelen, verfolgen sie meist keine andere zielgerichtete Aktivität. Was wollen die mit ihrer Angst? Im guten Sinne kann Angst auch positiv motivieren und mobilisieren. Sie hat eine Schutzfunktion. Im Politischen muss aus Angst Verantwortungsbewusstsein und verantwortliches Handeln erwachsen. Nun würden AfD- oder Pegida-Anhänger sagen, unsere Verantwortung sei es, Deutschland dicht zu machen und darauf aufzupassen, dass sich am Status quo nichts ändert. Das ist für mich aber kein glaubwürdiges politisches Konzept. Diese Vorstellung wird der Wirklichkeit auf Dauer nicht standhalten. Unsere Wirklichkeit ist differenzierter, und zum Glück leben wir in einer viel offeneren Gesellschaft, als es die Vision dieser Menschen vorsieht.

Der Kulturhistoriker Jean Delumeau sagte, dass jede Angst letztlich Todesangst sei. Sehen Sie das auch so?

Ich kenne den Satz und kann ihn rein intellektuell und philosophisch nachvollziehen: Nichts verunsichert den Menschen so sehr oder führt ihn so sehr an seine Grenzen wie die Vorstellung: Ich bin ein Nichts. Vor dem Hintergrund meiner eigenen Lebenserfahrung jedoch kann ich den Satz nicht teilen. Ich habe im Persönlichen, aber auch bedingt durch meinen Beruf als Pfarrer vielerlei Tode miterlebt. Die ganz überwiegende Zahl waren solche Fälle – das mag befremdlich klingen –, die ich als gutes Sterben bezeichnen würde. Nach einem Ja zum Leben fällt oft auch das Ja zum Ende nicht mehr so schwer. Viele haben den Tod als letztes großes Schreckgespenst vor Augen. Ich habe jedoch oft beobachtet, dass der Tod in großem Frieden und großem Einverstandensein mit dem, was da passiert, akzeptiert und angenommen wurde. Sowohl bei den Sterbenden als auch bei den Menschen, die dabei waren.

Sie fürchten den Tod also nicht?

Der Tod als Ende des Lebens macht mir im Moment keine Angst. Aber natürlich halte ich es auch für denkbar – und da bin ich nicht frei von Angst –, in eine Situation von unerträglichen Schmerzen geraten zu können, von der ich nicht weiß, was sie mit mir machen würde.

Das irdische Leben ist an sich ja eine seltsame Angelegenheit: Man wird geboren, läuft ein bisschen hin und her und stirbt irgendwann. Ist es letztlich also so etwas wie eine Hülle, die jeder Einzelne mit Sinn füllen muss?

Bei der Antwort zu dieser Frage bin ich wieder beim schon zitierten Viktor Frankl, der auf die Frage, wodurch ein Mensch wirklich zum Menschen wird, drei Dinge nennt: die Hingabe an eine Sache, die liebende Hingabe an einen Menschen und die religiöse Dimension. Nach ihm ist der Mensch eben nicht in erster Linie darauf aus, sich selbst zu verwirklichen, sondern er will einer Wirklichkeit begegnen, die größer ist als er selbst.
Dass das Leben an sich sinnlos ist, würde ich eher als Spekulation ins Reich der Philosophie verweisen. Je länger ein Mensch lebt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er irgend­wann einmal gesagt bekommt: „Es ist so gut, dass du da bist!“ Das ist für mich das Gegenargument zu der Theorie vom sinnlosen Leben. Sobald dir ein Mensch das gesagt hat, ist dein Leben aus der Sinnlosigkeit herausgenommen. Dann musst du auch nicht noch mehr tun, um es noch sinnvoller zu machen. Mehr darf man vom Leben eigentlich nicht verlangen.

Martin Rambow ist Pfarrer im Ruhestand.

Barbara Weinert ist Redakteurin der tv diskurs.